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05. November 2012

Noch kein Grund zum Jubeln

Die Zahl der Ehescheidungen ist im vergangenen Jahr schweizweit um fast ein Drittel zurückgegangen. Die Qualität der Ehen sei aber kaum besser geworden, sagt Paartherapeut Klaus Heer. Was ist dann verantwortlich für den Rückgang? Stimmen Sie ab.

Startschuss 
für ein langes Glück?
Startschuss 
für ein langes Glück? Sinkende Scheidungsraten wecken Hoffnung. (Bild Getty Images)

Das Verfallsdatum der Ehe läuft immer früher ab, dieses Bild hat sich in unseren Köpfen festgesetzt. Doch nun hat uns das Bundesamt für Statistik (BFS) die grosse Überraschung serviert: Um sagenhafte 29,5 Prozent ist die Scheidungsrate 2011 gesunken – und das nach zehn Jahren ununterbrochenen Anstiegs. Trennten sich 2010 noch 11'462 Schweizer Paare, waren es 2011 gerade noch 8083. Die Zahlen sind unbestritten, doch haben Fachleute Mühe, sie zu erklären, auch der renommierte Paartherapeut Klaus Heer (69): «Ich habe die Zahlen mit Fachkollegen und Scheidungsjuristen diskutiert und bin nur auf Fragezeichen gestossen.»

Kittet die latente Wirtschaftskrise die Ehen, weil Menschen in unsicheren Zeiten Sicherheit in der Partnerschaft suchen, wie Fachleute sagen? Dass finanziell schwierige Zeiten einen Einfluss auf das Scheidungsverhalten haben, lassen immerhin auch die Zahlen aus Griechenland vermuten: Seit Beginn der Krise ist die Zahl der Scheidungen hier um rund 25 Prozent zurückgegangen. Auch weil das Geld für eine Scheidung und zwei getrennte Haushalte fehlt. Mit der Qualität der Ehen habe das aber nichts zu tun, sagt Heer. Im Gegenteil: «Viele Paare sind mit Krisen und Stress überfordert und zerbrechen oft daran. Jetzt von einem positiven Trend in Sachen ehelicher Stabilität zu sprechen, halte ich daher für Wunschdenken.»

Weniger Scheidungen bedeuten auch, dass mehr Paare zusammenbleiben, die unglücklich sind, so der Experte: «Mit Beziehungen ist es wie mit der Schwerkraft. Alle wollen fliegen, aber das geht nicht ohne Überwindung der Gravitation. Dies ist mit persönlichem Aufwand verbunden.» So heisst es arbeiten an der Beziehung und sich Zeit nehmen füreinander. So kann Liebe auf Dauer gelingen. Und erst dann herrscht Grund zum Jubeln.

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Was ist für den Rückgang geschiedener Ehen im Jahr 2011 verantwortlich? Die Umfrage.

Autor: Andrea Fischer