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19. Oktober 2015

Niedergeschlagen, ich?

Bänz Friedli Medizin
«You always depressed!», befindet die junge Ärztin.

Warum ich immer so deprimiert sei, fragt die Ärztin ein ums andere Mal. Sie ist Chinesin, ausgebildet in chinesischer Medizin, und ich liege bäuchlings in Unterhosen auf ihrem Schragen. Eh, ja, ich bin nun in einem Alter, da man solches ausprobiert: Tui-Na-Massage, Akupunktur, Schröpfen … Und sie fragt es schon wieder in ihrem ­eigentümlichen, verbenfreien Chinenglisch: «Why you always depressed?», verstehe ich erneut und versuche, ebenfalls englisch radebrechend, zu erklären, ich sei doch gar nicht niedergeschlagen. Da wird sie fast ein wenig wütend. O doch, befindet sie: «You always depressed!», und fingert weiter an meinem Rücken herum. «I’m not.» – «Yes! You very, very depressed», insistiert sie. Und erst als sie fragt: «Why you always take deep breath?», begreife ich das Missverständnis; Frau Doktor wollte wissen, weshalb ich immer so tief ein- und ausatmen würde. Und ich hatte gemeint, das müsse man bei solchen Behandlungen: tief durchatmen …

Bänz Friedli (50)
Bänz Friedli (50) ist wie auf Nadeln.

Nebenbei (und im Preis inbegriffen) erteilt sie jeweils eine Lektion in Philosophie. Und vielleicht werden ihre Sentenzen durch die mangelnde Sprachgewandtheit umso deutlicher: Sie fasst sie in einfache, klare Worte. «We don’t need, we want», umschrieb sie unlängst unsere Konsumgesellschaft. Sprich: Wir lebten in Wohlstand, hätten alles, seien verwöhnt und bräuchten nichts – dennoch seien wir unzufrieden, wollten wir immer mehr und noch mehr. «We don’t need, we want», welch Urteil über die westliche Welt! Und als hätte sie mich ermahnen wollen, sagte sie, während sie die vielen feinen Nadeln aus meiner Haut zog, abermals: «Think of what you have. You are happy.» Ich solle glücklich sein mit dem, was ich hätte. Recht hat sie.

Zu ihren Methoden gehört, dass ich ihr die Zunge rausstrecken muss. Davon liest sie den Stand meiner Fitness ab. Ihr missfällt dann, was sie sieht, und sie will wissen, wie viel ich schlafe. Ich lüge: «Acht, neun Stunden», denn ich will keinen Rüffel einfangen und werde ihr sicher nicht verraten, dass ich meist zu viel weniger Schlaf komme. «How much?», fragt sie fassungslos nach. «Eight, maybe nine hours», lüge ich erneut. Da kommts: «Viel zu lang!», schimpft sie, und sie schimpft von unten herauf, denn sie ist winzig. Aber resolut ist sie! «Viel zu lang! In Ihrem Alter genügen sechs Stunden.» Hat sie doch tatsächlich «in Ihrem Alter» zu mir gesagt, die freche junge Ärztin! Beim Hinausgehen lese ich auf einer Hinweistafel, sie habe 29 Jahre Berufserfahrung, und ich beginne zu rechnen. Sie muss wesentlich älter sein als ich. Nur: Man sieht es ihr nicht an.

Neues Buch von Bänz Friedli: «Und er fährt nie weg», Eisenbahngeschichten. Erhältlich bei Exlibris.ch

Bänz Friedli live: 21.10. Wattwil SG, 23.10 Neuenkirch LU, 24.10. Laupen BE.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli