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13. Februar 2017

Nicole Kidman bedauert es, nicht mehr Kinder gehabt zu haben

Scheinbar mühelos verwandelt sich die Schauspielerin in die Figuren ihrer Filme. In «Lion» spielt sie nun eine ihrer persönlichsten Rollen: die einer Adoptivmutter. Die Oscar-Gewinnerin über Mutterliebe, Adoption und ihre private Stabilität.

Starschauspielerin Nicole Kidman
Starschauspielerin Nicole Kidman (Bild: Getty Images)

Nicole Kidman, Sie haben Ihren neuen Film «Lion» als Liebesbrief an Ihre Kinder beschrieben. Was meinen Sie damit?

Bedingungslose Liebe ist das Wichtigste im Leben. Mutterliebe ist nicht berechnend, es sind keine Konditionen an sie geknüpft. «Lion» zeigt, wie tief diese bedingungslose Mutterliebe gehen kann.

Sie spielen erstmals eine Adoptivmutter, haben aber mit Ihrem Ex-Mann Tom Cruise selbst zwei Kinder adoptiert. Haben Sie sich in dieser Rolle wiedererkannt?

Nein. Ich spiele eine reale Person: Sue, eine ganz spezielle Frau, sehr warm und offen. Als ich sie zum ersten Mal traf, hat sie mir gleich ihre Seele offenbart. Ich wollte im Film nicht als Nicole rüberkommen, ich wollte Sue finden. Und der Regisseur Garth Davis wollte, dass ich alles an mir ­verändere, wie ich aussehe, wie ich gehe, meine Haare … Er wollte eine Figur kreieren.

Sue hat in den 80er-Jahren Kinder aus Indien adoptiert und nach Australien verpflanzt. Eine Praxis, die heute nicht nur Befürworter findet.

Jeder Mensch hat seine eigenen Gründe, weshalb er Kinder hat. Und genau so viele Gründe gibt es, um Kinder zu adoptieren. Sue hatte als junge Frau eine Vision. Sie sah ein Kind mit brauner Haut, das ihre Hand hielt. Von diesem Moment an wusste sie, dass sie adoptieren wollte. Auch als sie heiratete, hat sich daran nichts geändert.

Können Sie das nachvollziehen?

Ja, obwohl meine Geschichte eine ganz andere ist. Was wir gemein haben, ist die Idee der bedingungslosen Liebe. Als er erwachsen war, fragte ihr Sohn sie, weshalb sie keine leiblichen Kinder gehabt habe. Aber das war für sie nie eine Frage. Sie hatte ihn, sie wollte ihn. Das hat mich berührt. Es ist eine so starke, wichtige Botschaft für uns alle.

Sie haben in der Vergangenheit darüber gesprochen, wie schwierig es für Sie war, schwanger zu werden. War das der Grund, weshalb Sie adoptiert haben?

Es gibt viele Gründe, Kinder zu adoptieren. Für einige Frauen ist das der beste Weg, um Mutter zu werden. Andere adoptieren, weil sie sich das schon immer gewünscht haben, wie Sue. Und wieder andere adoptieren, weil es ein Familienunglück gab. Die Cousine meiner Mutter wurde nach dem Tod ihrer Eltern von meinen Grosseltern adoptiert und so zur Schwester meiner Mutter. Es gibt viele gute Gründe für die Adoption.

Nach Ihrer Scheidung von Tom Cruise haben sich Ihre Adoptivkinder entschlossen, bei ihrem Vater und Mitglieder von Scientology zu bleiben …

Ich möchte die Privatsphäre meiner älteren Kinder wahren und werde deshalb nicht über sie und ihren Glauben sprechen.

Woher kommt denn Ihr ausgeprägter Mutterinstinkt?

Ich bin das älteste Kind meiner Eltern, und das älteste übernimmt oft eine mütterliche Rolle. Ich musste lernen, dass ich mich nicht um alle kümmern kann. Es ist ein ­starkes Bedürfnis, das ich habe. Ich liebe es. Aber wenn du ein gewisses Alter erreicht hast … Heute bedauere ich es, nicht mehr Kinder ­gehabt zu haben.

Das älteste Kind übernimmt oft eine mütterliche Rolle. Ich musste lernen, dass ich mich nicht um alle kümmern kann.

Es ist doch nicht zu spät.

Doch, doch. Ich bin zu alt. Dieser Zug ist für mich abgefahren. Mein Mann sagt immer, lass uns doch geniessen, was wir haben.

Würden Sie denn noch einmal adoptieren?

Vielleicht. Aber wie gesagt, ich bin eine ältere Mutter. Ich hatte meine Kinder mit Keith, als ich schon über 40 Jahre alt war. Ich will für sie da sein, so lange ich kann. Ich hoffe, ich kann sie zu grossartigen Frauen heranwachsen sehen. Sie sind die Kraft, die mich antreibt. Für sie will ich gesund bleiben.

Haben Sie denn Angst vor Krankheit?

Es ist keine konkrete Angst, wie die vor dem Tod zum Beispiel. Es ist eher die Angst, nicht lange genug für meine Töchter da sein zu können, wenn sie mich brauchen. Sie sind erst acht und sechs Jahre alt. Ich möchte nicht die Meilensteine in ihrem Leben verpassen.

Sie haben vor Kurzem Ihren Vater verloren, und Ihre Mutter war auch krank. Ist das die Ursache Ihrer Sorge?

Schon möglich. Je älter ich werde, desto mehr realisiere ich, wie wertvoll die Zeit ist, die ich mit meiner Familie verbringe.

Kommen Sie aus einer grossen Familie?

Ich habe eine Schwester mit sechs Kindern, vier Jungs und zwei Mädchen – der Jüngste ist erst drei Jahre alt, die Älteste gerade 18 geworden. Für mich ist sie wie eine eigene Tochter, wir sind uns sehr nahe. Meine Schwester lebt in Singapur und beendet derzeit ihr Jus-Studium. Wir sehen uns, so oft wir können.

Was für ein Kind waren Sie?

Kinder in Australien verbringen viel Zeit am Strand, aber weil ich so hellhäutig bin, bin ich meistens im Haus geblieben. Ich war die typische Aussenseiterin. Das hatte aber den Vorteil, dass ich viel las und eine lebendige Fantasie entwickelte.

Kinder in Australien verbringen viel Zeit am Strand, aber weil ich so hellhäutig bin, bin ich meistens im Haus geblieben.

Wer waren damals Ihre weiblichen Leitbilder?

Meine Mutter war enorm fürsorglich und liebevoll, gleichzeitig hat sie mir Zivilcourage beigebracht. Als ich noch ganz jung war, hat sie mich zu Protestmärschen gegen den Krieg in Vietnam mitgenommen. Eine Art Ersatzmutter war auch meine erste Agentin. Und ich hatte eine Schauspiellehrerin, die zu einer Mutterfigur wurde. Ich suche und brauche die Unterstützung älterer Frauen. Und jetzt bin ich selbst eine ältere Frau und versuche, Mutterfigur für andere zu sein.

Ach ja?

Ich drehe gerade den Film «The Beguiled» mit Sofia Coppola, in dem viele junge Frauen wie Elle Fanning und sogar Mädchen im Teenageralter mitspielen. Ich möchte jungen Frauen meine Hilfe und meinen Rat anbieten. Sie können mich alles fragen, ich teile meine Erfahrungen gern.

Was hielt Ihre Mutter davon, dass Sie Schauspielerin werden wollten?

Sie dachte, ich wäre zu zart und sensibel für diese Art von Karriere. Meine Eltern wollten nicht, dass ich eine derart harte Existenz führen muss. Mir wäre es jedoch lieber gewesen, sie hätten mich unterstützt und mir gesagt: Wir glauben an dich.

Und was wäre, wenn Ihre Kinder Schauspieler werden wollten?

Ich würde Ihren Wunsch respektieren und sie unterstützen, aber mein Beschützerinstinkt würde sie vor den Ablehnungen und Zurückweisungen schützen wollen, die man in diesem Beruf hinnehmen muss.

Sie sind bei der Oscar-Verleihung für Ihre Rolle in «Lion» als beste Nebendarstellerin nominiert. Was bedeutet Ihnen die Nomination?

In erster Linie freue ich mich, dass unser Film diese Aufmerksamkeit kriegt. Es ist ein kleiner Film, in dem keine Superhelden vorkommen. «Lion» muss sein Publikum finden, und das kann er nur, wenn die Leute über ihn reden.

Sie haben vor 15 Jahren den Oscar als beste Schauspielerin für «The Hours» gewonnen. Was ist Ihnen von diesem Abend in Erinnerung geblieben?

Der Oscar war ein Wendepunkt in meiner Karriere. Es war enorm befriedigend und hat bestätigt, dass ich beruflich die richtigen Entscheidungen getroffen habe. Privat war es eine sehr einsame Zeit. Ich war geschieden und hatte niemanden, mit dem ich meinen Erfolg teilen konnte.

Der Oscar war ein Wendepunkt in meiner Karriere.

Sie hatten doch Ihre Familie und sicher auch Freunde?

Ja, schon. Aber für mich ist das nicht dasselbe wie eine Beziehung zu haben, einen Menschen, mit dem man sein Leben teilt.

Heute haben Sie das ja.

Heute bin ich vor allem persönlich erfüllt. Ehe und Familie haben oberste Priorität. Professionelle Erfolge wie diese Oscar-Nominierung sind das i-Tüpfelchen.

Sie werden heuer 50. Welche Gefühle löst das in Ihnen aus?

Ich bin an einem so guten Ort in meinem ­Leben, sodass mich der 50. Geburtstag gar nicht ängstigt. Im Gegenteil: Ich freue mich darauf, in den Klub grossartiger Frauen über 50 aufgenommen zu werden.

Wie werden Sie diesen Meilenstein feiern?

Ich werde keine grosse Party feiern. Ich möchte einfach nur mit meinem Mann Keith und meinen Töchtern zusammen sein. Dieses Leben ist ein Geschenk. Ja, ich liebe das Abenteuer, das mir das Leben als Schauspielerin erlaubt. Aber es ist gut, dass ich ein stabiles Privatleben habe. Das erlaubt es mir erst, in die Welt hinaus­zugehen und dieses ­verrückte, kreative ­Leben zu ­geniessen. 

Autor: Gabriela Tscharner Patao