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20. April 2015

Nicole ist der Boss im Ring

Sie ist die schlagkräftigste Frau der Schweiz: Am 25. April boxt Nicole Boss im bernischen Bümpliz um den Weltmeistertitel.

Nicole Boss mit Sparringpartner
Nicole Boss bringt sich mit einem Sparringspartner im Keller der Box Academy in Bern in Topform.

Nur der blaue Nasenrücken verrät ihren Sport: Boxerin Nicole Boss (35) musste in einem Trainingskampf in Deutschland einen harten Schlag einstecken. Sie ist die zweitbeste Europäerin in der Kategorie Leichtgewicht (bis 61,2 Kilogramm). Die Sportlerin aus Wohlen bei Bern befindet sich im Schlussspurt für den wohl wichtigsten Kampf ihres Lebens: Am 25. April tritt sie im ausverkauften Sternensaal in Bümpliz BE vor 400 Fans gegen die amtierende Weltmeisterin Delfine Persoon (30) aus Belgien an. Die Regeln des Verbands World Boxing Council (WBC) verlangen, dass Boss für diesen Kampf ihren Europameistertitel abgibt. Verliert sie gegen Persoon, steht sie ohne Titel da.

Sie will diesen Titel in die Schweiz holen

«Ich habe gute Chancen und bin optimal vorbereitet. Ich will diesen Titel in die Schweiz holen», sagt die 171 Zentimeter grosse Bernerin, die in ihrer Kategorie eher zu den grösseren Sportlerinnen gehört. Gegen die Belgierin hat Nicole bereits ein Mal geboxt: in Belgien 2011, wo sie den EM-Kampf knapp nach Punkten verlor. Dieses Mal muss sie von der ersten Sekunde an Druck erzeugen, um bei den Ringrichtern im wahrsten Sinn des Wortes zu punkten.

Dank ihrem Manager Sascha Müller (39), der den WM-Kampf in die Schweiz geholt hat, macht sie in ihrer Boxkarriere einen grossen Schritt vorwärts. Sie ist entsprechend nervös, wobei man ihr das nicht anmerkt. «Ich kann nicht sagen, dass mit einem Sieg am 25. April für mich alle Träume in Erfüllung gehen; in meinem Leben gibts noch anderes als das Boxen.»

Nicole Boss steigt trotz ihrer 35 Jahre erst zum 20. Mal als Profisportlerin in den Ring – nach 34 Amateurkämpfen. Im Lager der Profis boxt sie seit 2008, wobei dieser Status relativiert werden muss: Sie arbeitet als Direktionsassistentin in einer 100-Prozent-Anstellung bei der Post. Neben Boxen und Arbeiten bleibt also kaum Zeit für anderes. «Ich habe einen super Chef und kann die Arbeitszeiten flexibel gestalten», sagt Nicole Boss. Ihr Alltag ist straff organisiert, nur so schafft sie ihr Arbeits- und Sportpensum. Die Arbeit sei ein guter Ausgleich.

Nicole Boss im Trainingsraum
Nicole Boss im Trainingsraum.

Die Trainingspläne erhält sie von ihrem Ehemann Stefan Künzi (40), der für das Militär arbeitet. «Ich bin froh, dass mein Mann involviert ist. So können wir mehr Zeit zusammen verbringen.» Sie trainiert zwei Mal täglich. Auf dem Plan stehen Kondition, Kraft, Technik und Sparringspartner. Oft ist sie im Keller ihres Boxclubs anzutreffen, der Box Academy Bern im Lorraine-Quartier. Im Training macht sie keinen grossen Unterschied, ob ihr Gegner eine Frau oder ein Mann ist. «Einzig bei schwergewichtigen Männern muss ich aufpassen, denn sie verfügen über eine grosse Schlagkraft.» Abgesehen von einem blauen Auge, der aktuell blauen Nase, Nasenbluten und einem Misstritt, bei dem sie die vorderen Bänder riss, hat sich Nicole Boss noch nie verletzt. Nach den Trainings sei sie jeweils körperlich fix und ­fertig, ­fühle sich aber gut. Es sei gut für ihr Selbstvertrauen, wenn sie wisse, dass sie sich als Frau im Notfall wehren könne.

Trotzdem muss sie damit leben, dassihre Mutter es «nicht so toll» findet,wenn sie im Ring steht. Zwei Mal habe die Mutter einen Kampf besucht, dann aber die Halle vor dem Ende verlassen, weil sie nicht zusehen konnte, wie ihre Tochter verprügelt wurde. Ein Frauenboxkampf dauert zehn Runden à zwei Minuten. Eine lange Zeit für eine mitleidende Mutter.

Sonst hat ihr Umfeld aber gelassen oder sogar positiv auf ihren Kampfgeist reagiert. «Viele sind beeindruckt, wenn sie erfahren, wie viel Aufwand es für den Sport braucht.» In der Komplexität aus Kondition, Kraft, Kopfarbeit und Schnelligkeit liegt für Boss die Faszination ihres Sports. «Die Boxer sind nicht alle ein wenig doof und haben nichts im Oberstübli, wie man uns ­nachsagt.» Der Sport bestehe aus viel mehr als aus Dreinschlagen. Die Technik sei sehr wichtig. Bloss könne halt wie in anderen ­Sportarten auch immer etwas passieren. «Wenn ich eine Tochter hätte, die Boxen möchte, würde ich das jedoch nicht kate­gorisch ablehnen. Für die Entwicklung der Persönlichkeit ist es eine gute Sportart», sagt die kinderlose Frau.

Boxen ist in der Schweiz ein brotloser Sport

Auf den Geschmack gekommen ist sie vor 15 Jahren durch einen Kollegen, der eine Trainerausbildung absolvierte. «Er sagte, ich solle doch mal ein Boxtraining besuchen. Ich habe immer intensiv Sport betrieben – zuerst Volleyball und dann Leichtathletik –, und war vom ersten Moment an begeistert.» Letztlich ist Boxen in der Schweiz aber eine Randsportart, nicht nur bei den Frauen. Mit ihrem monatlichen Salär finanziert Nicole Boss jährliche Ausgaben von rund 5000 Franken. Und ihr Club muss für sein Aushängeschild mehrere 10 000 Franken in die Hand nehmen, um beispielsweise die Wettkämpfe wie den WM-Fight gegen die belgische Weltnummer 1 zu organisieren.

Wie es mit ihrer noch relativ jungen Profikarriere nach dem Kampf um den Weltmeistertitel weitergeht, weiss Nicole Boss noch nicht. Momentan fokussiert sie einzig auf den 25. April. «Es ist eine kleine Sensation, so einen Anlass in die Schweiz zu holen.»

www.nicoleboss.ch
www.boxacademybern.ch

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Michael Sieber