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31. August 2015

Nichtschwimmer

Kos: Das zweijährige Mädchen mit Eltern
Bootsflüchtlinge auf Kos: Das zweijährige Mädchen mit seinen Eltern. (Bild: Reuters)

Es ist stockdunkel. Um diese Zeit liegen Zweijährige in der Regel im Bett und träumen was Schönes. Dieses Mädchen schläft aber nicht – obwohl es unendlich müde ist. Es steht mitten in der Nacht am Strand von Kos und zittert. Vor Erschöpfung, vor Kälte, vor Verwirrung. Wenn es so könnte, wie es wollte, würde es sich vermutlich hinlegen. Direkt hier auf die feuchten Kieselsteine. Kinder können das ja – Augen zu, und jetzt ist Ruh.

Das Mädchen weint und schlägt um sich, als ihm seine Mutter die orangefarbene Kinderschwimmweste abziehen möchte. Sie redet sanft auf es ein, doch ihre Worte kommen nicht an. Der klamme Pulli, das Unterhemd, alles landet auf dem Boden. Der Vater wühlt derweilen in einem grossen, schwarzen Plastiksack. Er findet ein trockenes Leibchen. Das Motiv ist international: Hello Kitty, die Katzendame mit dem emotionslosen Lachen. Dann stösst er auf die kleine Winterjacke. Das Mädchen weiss nicht, wie ihm geschieht, als seine Eltern ihm die trockenen Kleider überziehen. Und dann steht es da, mitten in der Nacht und mitten im August am Strand von Kos – im Anorak.

Das Foto stammt von der Agentur Reuters. Es ist erst wenige Tage alt, vielleicht haben Sie es auch gesehen. Ich muss jedenfalls immerzu daran denken. Mein Gehirn kann nicht anders. Ich helfe Eva beim Anziehen und denke an die Kleine am Strand. Ich giesse die Blumen im Garten, die Kieselsteine am Wegesrand werden nass – und ich denke daran. Ich stehe in unserem Kellerabteil, und mein Blick fällt auf unsere Kinderschwimmwesten. Die sind ebenfalls orange und mit Nackenschutz, ohnmachtssicher …

Wir lieben das Meer. Unsere Töchter haben schon in der Brandung des Pazifiks gespielt, sie haben in den Wellen des Atlantiks geschaukelt. Die beiden wissen, wie das Mittelmeer schmeckt und warum Schwimmflügeli allenfalls etwas für die Badi sind. Wenn wir Ida und Eva die Schwimmwesten anziehen, dann wollen wir sie schützen, vor grossen Brechern, vor unsichtbaren Strömungen, vorm Ertrinken. Die Dinger sind nicht nur was für Nichtschwimmer. Das war übrigens auch das Ziel der syrischen Eltern, als sie ihrem Kind den Lebensretter überstreiften. Dann stieg die kleine Familie zusammen mit vielen anderen Menschen in ein grünes Schlauchboot.

Ich habe meinen Töchtern das Foto gezeigt, habe mit ihnen über das Mädchen und seine Familie gesprochen. Die beiden verstanden erstaunlich schnell. Ihr sinngemässes Fazit: Wenn eine Mami und ein Papi mit ihrem kleinen Kind so eine gefährliche Reise machen, dann müssen sie dafür einen guten Grund haben.
«Falls ich dieses kleine Mädchen irgendwann mal treffe», sagte Eva, «dann darf es auch mit meinen Spielsachen spielen.» Ida sah mich an: «Gell, Mami, jetzt muss es keine Angst mehr haben, jetzt hat es wieder ein Bettchen zum Schlafen.» Ich nickte. Obwohl ich mir nicht sicher war.

Autor: Bettina Leinenbach