Archiv
03. Oktober 2016

Nichts wie weg im Hippie-Bus

Während der Herbstferien rollen die hübschen alten VW-Busse wieder öfter über die Landstrassen. Liebevoll bauen Nostalgiker wie die Familie Finger ihre «Bullis» zu kleinen Bijoux um und verbringen fast jede freie Zeit in ihnen.

T2B Westfalia
In den T2B Westfalia von Familie Finger passt erstaunlich viel Familie rein.

Endlich Herbstferien! In diesen Tagen lassen die Liebhaber alter VW-Busse ihre liebevoll restaurierten «Bullis», wie sie auch genannt werden, wieder aus den Garagen rollen. Wer einmal in einem dieser Kultbusse unterwegs war, kennt dieses unbeschreibliche Gefühl von Freiheit, das sich bereits nach ein paar Metern Fahrt einstellt. Erinnerungen an die 1960er- und 1970er-Jahre kommen auf, als es kaum Grenzen gab. Als alles möglich schien, und die Musik von Janis Joplin, Jimi Hendrix und Jim Morrison aus den Lautsprechern wummerte.

Damals erfreute sich der Bus mit den runden Formen vor allem bei der Hippie-Generation grosser Beliebtheit: Das Auto war günstig, ­einfach zu ­reparieren – und bot genug Platz für amouröse Abenteuer. Wer heutzu­tage auf den Geschmack gekommen ist, in den Ferien das eigene Bett und die Küche immer mit dabei zu haben, möchte diese ganz spezielle Art des Reisens nicht mehr missen.

Entschleunigung ist Trumpf

Die Fangemeinde der kultigen Busse wächst auch hierzulande ständig. Viele Besitzer eines solchen Fahrzeugs sind in Klubs organisiert und treffen sich regelmässig für kürzere oder längere Ausfahrten, wobei Entschleunigung Trumpf ist. Schnell und bequem sind die alten Busse nicht, dafür haben sie Stil und Klasse.

Zur Auswahl stehen mittlerweile sechs Generationen des VW-Busses (T1 bis T6), der seit dem Jahr 1950 in unzähligen Versionen gebaut worden ist, wobei das «T» für Transporter steht, was ja der ursprüngliche Zweck dieses Gefährts war.

Im Dezember 2013 lief der allerletzte T2 in Brasilien vom Band. Nach 63 Jahren ging ein Stück Automobilgeschichte zu Ende – der ­ gute alte Kasten genügte den modernen Sicherheitsbestimmungen nicht mehr.

Wie gefragt die neusten Modelle des Kultbusses sind, zeigt eine Verkaufsstatistik von Auto-Schweiz: In den ersten acht Monaten dieses Jahres wurde der VW T6 gut 2600-mal verkauft, womit er auf dem achten Platz unter allen hierzulande verfügbaren Autos liegt. Gut erhaltene oder restaurierte Busse aus der Anfangszeit wiederum haben Sammlerstatus und können rasch über 100 000 Franken kosten. Heutzutage werden die neuen Busse vor allem als Familien- oder Campingmobile eingesetzt. Das Hippie-Feeling ist dabei etwas auf der Strecke geblieben. Günstiger fährt, wer ein schrottreifes Gefährt kauft und dieses selbst restauriert.

Die gestiegene Nachfrage nach Ferien im eigenen Bus hat auch den Autovermieter Europcar inspiriert. In der Schweiz können seit Anfang Jahr die Campingfahrzeuge VW T6 California Beach und California Coast gemietet werden.

Mieten? Das kommt für die ­Familie Finger, das Ehepaar Schärer und die Zumbachs nicht infrage. Ihre VW-Busse sind liebevoll re­novierte Wagen mit viel Geschichte – die auch Überraschungen bergen. So mussten etwa die Schärers ihren VW-Bus (Baujahr 1973) auf einem Campingplatz im französischen Biarritz abholen lassen: Getriebeschaden nach 5500 Kilometern. Der Liebe zum Kultobjekt tun solche Erlebnisse jedoch keinen Abbruch.

Das Familien-Mobil

T2B Westfalia
T2B Westfalia

In den T2B Westfalia von Familie Finger passt erstaunlich viel Familie rein.

Bei der sechsköpfigen Familie Finger aus Wattenwil BE (siehe Bild oben) dreht sich fast alles um alte VW-Busse. Angefangen hatte alles, als Vater Patrick (35) 2001 sein Hobby zum Beruf machte. Schon während der Lehre als Fahrzeugelektroniker hatte Patrick seinen ersten VW-Bus gekauft, ein Modell T2B, für 700 Franken, den er in der Freizeit restaurierte. Heute hat er in Seftigen BE einen eigenen Betrieb, der auf Unterhalt und Restaurierung spezialisiert ist.

Als Familienbus dient aktuell ein beige-brauner T2B Westfalia aus dem Jahr 1977, den Patrick 2008 gefunden und wiederhergerichtet hat. Speziell daran ist, dass im Heck ein 1,9-Liter-Turbodiesel-Motor von Audi verbaut, das Fahrzeug etwas tiefer gelegt und mit anderen Felgen bestückt ist. Wenn die ganze Familie auf Reisen geht, wird das Gepäck in einem Anhänger verstaut, damit alle im Wageninnern sicher sitzen können. Auch immer mit an Bord sind die Velos und Hund Rodo, ein Rhodesian Ridgeback.

Früher, als Patrick und die 37-jährige Linda noch keine Kinder hatten, brachen sie mit ihrem VW-Bus ohne Ziel auf. Heute planen sie eine Reise und bleiben stationär auf einem Zeltplatz. Geschlafen wird in Schlafsäcken im aufklappbaren Aufbau und im Fond des Fahrzeugs, der zu einem Bett umfunktioniert werden kann.

Vom Armee- zum Luxusbus

T3
T3

Tarnung geht anders: Andreas Zumbach und sein ehemals armeegrüner T3.

Als die Kinder noch klein waren, reiste die Familie Zumbach aus St. Margrethen SG mit ihrem VW-Bus zu viert in die Ferien. Inzwischen ist der Nachwuchs ausgeflogen. Andreas (58) und Yvonne (57) Zumbach reisen heute in Gesellschaft von Katze Meier und Hund Chico. Beide Tiere lieben das Fahren im Bus, den Hund bringe man jeweils kaum mehr aus dem Auto heraus.

Zur Auswahl stehen dem Quartett momentan zwei Busse, ein T2A aus dem Jahr 1969 und ein kantiger T3 mit Baujahr 1988. Beim T2 handelt es sich um ein ehemaliges Feuerwehrfahrzeug aus Worms, der T3 stand früher bei der Schweizer Armee im Einsatz.

Die Zumbachs wurden 2004 mit dem VW-Bus-Fieber infiziert. Seither besass das Paar mehrere Modelle, nie bezahlten sie aber mehr als 1500 Franken für eins. Denn in der Karosseriewerkstatt eines Kollegen kann Andreas die Autos jeweils umbauen. Wie viele Stunden er dafür schon investiert hat, kann er nicht sagen. Der Spass am Basteln steht im Vordergrund. Aus dem einst armeegrünen Bus, der für Personentransporte benutzt wurde, ist ein rot-weisses Auto mit Luxusausstattung wie TV, Musikanlage, Küche, Garderobe und Hochdach zum Schlafen geworden. Ähnlich komfortabel ausgestattet ist der ebenfalls ­rot-weisse T2, bei dem auf der linken Seite «Summer of ‘69» steht.

Der Liebes-Bus

T2B
T2B

Das Getriebe des T2B hielt nicht, ihre Liebe schon: Tanja (33) und Marco (32) Schärer vor ihrem Liebes-Bus.

Tanja (33) und Marco (32) Schärer aus Safenwil AG wollten die Hochzeit mit einer besonderen Reise verbinden: mit einer Fahrt im eigenen VW-Bus, von der Schweiz aus um die Iberische Halbinsel und wieder zurück.

Die Sportlehrerin und der Automobildiagnostiker und Betriebswirtschaftler suchten im Internet nach dem passenden Gefährt. Sie fanden es, doch es war zu teuer. Wenig später meldete sich der Besitzer und bot das Auto – einen beigen T2B 1,6 l, Jahrgang 1973, mit weis­sem Aufklappdach – zu ­einem bes­seren Preis an.

Zwei Jahre lang machten sich die Schärers, die auch eine Firma für Mountainbike-Reisen betreiben, in ihrer Freizeit am Bus zu schaffen: den Unterboden versiegeln, den Motor revidieren, die Elektronik erneuern, den Innenausbau ersetzen. In einem Brockenhaus fanden sie eine schrottreife Originalküche mit Kühlschrank, die sie neu aufbauten. Die zivile Hochzeit fand am 16. Juni 2016 statt. Danach begann das gros­se Abenteuer.

Auf dem Bus waren zwei Surfbretter festgezurrt und zwei Mountainbikes aussen am Heck angehängt. Auf der Rückreise in Biarritz war die Flitterreise abrupt zu Ende: Getriebeschaden. Nach 5500 Kilometern wurde der VW abgeholt und in die Schweiz zurückgebracht, die Eheleute fuhren mit einem Mietwagen zurück.

Autor: Michael Baumann

Fotograf: Daniel Winkler