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19. März 2012

Nichts für schwache Nerven

Restaurantbesuche mit Kleinkindern sind eine Herausforderung. Das Migros-Magazin hat der vierköpfigen Familie Katulu Massa beim Mittagessen über die Schulter geschaut.

Prince rennt zwischen den Tischen hin und her (oben): Ein Wettrennen im Freien kann überschüssige Energie vor dem Essen zumindest etwas dämpfen.

Vorbei mit der Gemütlichkeit: Verraten Sie uns online Ihr lustigstes oder peinlichstes Erlebnis mit Kindern im Restaurant.

Genüsslich tunkt die zweijährige Fée ein Pommes frites ins Ketchup, schiebt es in den Mund und wischt den Rest der roten Sauce kurz entschlossen ins Gesicht. Sie leckt sich die Finger und strahlt zufrieden. Ihre Eltern nehmen es gelassen: «Feuchttücher habe ich eh immer dabei», sagt Tshibola Katulu Massa (38) lachend und behebt die Schmiererei im Handumdrehen.

Ihr Mann Stefan Massa (37) lässt sich derweil das kleine, farbige Plastikflugzeug zeigen, das als Dekoration auf dem Kinderteller seines Sohns liegt. Prince (4) ist schon fast satt. Er hat in Windeseile die Würstchen aufgegessen, jetzt schafft er den Rest kaum mehr, obschon er vorher beim Kellner sehr dezidiert und höflich «viel Ketchup mit Pommes frites» bestellt hat.

Der letzte Restaurantbesuch der Familie liegt über ein halbes Jahr zurück. «Viel zu stressig», findet Stefan Massa. Und «viel zu teuer, dafür, dass wir absolut nichts davon hatten», stimmt ihm seine Frau zu. Damit ist die Familie kein Einzelfall: Fast alle Eltern kennen diese zermürbenden Momente beim Auswärtsessen, in denen die Kinder partout sofort zur Toilette wollen, von einem unbezwingbaren Bewegungsverlangen gepackt werden oder einfach mal ganz dringend schreien müssen.

«Ein Restaurantbesuch mit zwei- und vierjährigen Kindern ist Herausforderung pur», bestätigt Lucia Bleuler. Die Benimmtrainerin schafft es in ihren Kursen zwar regelmässig, ganze Kindergruppen im Zaum zu halten und ihnen beizubringen, wie man im Restaurant anständig isst, ja sogar, wie man sein Glas bis zum Ende der Mahlzeit schön glänzend hält. Aber: Das Mindestalter für ihre Kurse liegt bei sechs Jahren. Bei jüngeren Kindern dagegen gesteht Lucia Bleuler ohne Weiteres ein, dass auch ihre durchaus vernünftigen Argumente nicht immer wirken.

Immerhin: Bisher hat Familie Katulu Massa ihr sonntägliches Mittagessen im Berner Restaurant Altes Tramdepot entspannt bestritten. Nur einen kurzen Moment lang geht es ein wenig hektisch zu, bis die Kinder sich aus ihren warmen Winterkleidern geschält haben und sorgfältig platziert worden sind. Zwar fragt Prince nach ungefähr zwei Minuten hungrig: «Wann kommt das Essen endlich?» Aber er lässt sich bereitwillig ablenken, als ihm sein Vater das riesige Kupferfass in der Raummitte zeigt und erklärt, dass dort ganz viel Bier drin ist.

Rasch servierte Kinderteller verhindern eine erste Krise

Tshibola Katulu Massa und ihr Ehemann Stefan wissen: Ruhe bewahren ist am wichtigsten. Egal, was passiert.
Tshibola Katulu Massa und ihr Ehemann Stefan wissen: Ruhe bewahren ist am wichtigsten. Egal, was passiert.

«Ein guter Trick», findet Benimmtrainerin Lucia Bleuler. «Wenn man Kindern alles erklärt, fühlen sie sich ernst genommen und neigen viel weniger zum Quengeln.» Kinderfreundliche Restaurants, sagt sie, seien ihrerseits darauf eingerichtet, die Kinderteller rasch zu servieren, damit die Kleinen keine Hungerkrise bekommen. Tatsächlich dauert es nicht lange, und die Kinderteller stehen da: einmal Wienerli mit Pommes frites, einmal Pommes frites mit viel Ketchup. Für eine Weile sind die Kinder beschäftigt und so zufrieden, dass die Eltern sogar Zeit finden, mit einem Glas Wein auf das Wochenende anzustossen.

«Aber jetzt kommt die schwierige Phase», weiss Tshibola Katulu genau. Das heisst jene Zeit, in der die Kinder ihr Essen bereits hastig verschlungen haben und die neue Umgebung nicht mehr so spannend finden. Und auch jene Zeit, in der nach dem Salatteller endlich die Menüs der Eltern serviert werden: ein dampfendes Geschnetzeltes mit Rösti für Stefan Massa und heisse Fish ’n’ Chips für Tshibola Katulu.

Tatsächlich hat sie es knapp geschafft, zwei Bissen vom Fisch zu geniessen. Dann muss Prince unbedingt die Hände waschen. «Sofort, Mama!» — er hasst verschmierte Finger. Seufzend verschwindet seine Mutter mit ihm auf der Toilette im Untergeschoss. Sie hat sich just wieder gesetzt, da muss Prince ganz plötzlich doch noch aufs Klo, Mutter und Sohn verschwinden erneut im Untergeschoss.

Derweil beginnt sich Fée zu langweilen und beschliesst kurzerhand, einen Spaziergang zu machen. Sie ist so süss, dass sich weder Personal noch Gäste über sie ärgern. Dafür ist sie plötzlich unsichtbar. Stefan Massa springt auf und macht sich eilig auf die Suche, der Familientisch steht verlassen, die Menüs der Eltern sind inzwischen lauwarm.

«Ruhe und Gelassenheit» lautet für solche Situationen die Devise der Benimmberaterin Lucia Bleuler. «Die Stimmung der Eltern überträgt sich auf die Kinder.» Das ist allerdings nicht immer einfach. «Beim letzten Restaurantbesuch hatte ich mitbekommen, wie die Kellner genervt die Augen verdrehten, als unsere Kinder zwischen den Tischen durchrannten», erinnert sich Tshibola Katulu. Da völlig entspannt zu bleiben, ist definitiv einfacher gesagt als getan.

Auskundschaften ist erlaubt, aber bitte mit Anstand

Nächster Angriff: Die Eltern sitzen wieder am Tisch, Geschnetzeltes und Rösti sind mittlerweile aufgegessen, und Stefan Massa behält die Kinder im Blick, während seine Frau an kühlen Fischstücken knabbert. «Mama, hallo!» Fée und Prince stehen plötzlich ganz oben auf der hohen Treppe ins Obergeschoss und winken fröhlich. «Hallooo Maaama!» Ein Kellner bringt sie ruhig wieder nach unten — der obere Teil ist für die Gäste geschlossen. «Wie peinlich!», stöhnt Tshibola Katulu und schiebt das kalte Essen von sich. «Das soll doch erlaubt sein», beruhigt Benimmtrainerin Lucia Bleuler. «Solange sich Kinder anständig benehmen, dürfen sie auskundschaften.» Nur: Manchmal reicht Spazieren nicht gegen den kindlichen Bewegungsdrang. Prince und Fée jedenfalls finden es inzwischen witziger, ein Blitzrennen um den langen Tisch zu veranstalten, und als sie nach ein paar Runden erschöpft sind, legen sie sich kichernd in den Gang zwischen den Tischen.

Kinderblockade: Jetzt ist es Zeit, einzugreifen, sonst kann es für Servicepersonal und Gäste gefährlich werden.
Kinderblockade: Jetzt ist es Zeit, einzugreifen, sonst kann es für Servicepersonal und Gäste gefährlich werden.

Das Servicepersonal nimmt es gelassen, auch die Gäste an den umliegenden Tischen blicken kurz auf und schütteln ein wenig verwundert den Kopf, essen dann aber unbeeindruckt weiter. Einzig, als die beiden ganz ruhig zwischen den Tischen am Boden liegen, meint eine Kellnerin, das könne doch «ein wenig gefährlich» sein. «Mit Kindern haben wir eigentlich nie Probleme», sagt Marco Mäder, Geschäftsführer des Restaurants Altes Tramdepot. «Wir versuchen von Anfang an, Spannung zu vermeiden, indem wir Familien mit kleinen Kindern so setzen, dass Kinderwagen und Kinderstuhl nicht im Weg stehen und an den Tischen nebenan nicht gerade viele ältere Personen sitzen.» Das ist wichtig, denn Stress entsteht beim Servicepersonal vor allem dann, wenn andere Gäste sich beschweren. Das komme aber ziemlich selten vor, sagt Mäder und lacht: «Mit den älteren Kindern, so ab 16 Jahren, die abends gross tun wollen, haben wir wesentlich mehr Schwierigkeiten.»

Dennoch: Nach einer Caramel- und Schokoladeglace als Kinderdessert beschliessen die Eltern aufzubrechen. Keine Zeit mehr für Kaffee: Fée müsste eigentlich jetzt ihren Mittagsschlaf machen, und Prince sehnt sich nach Action. «Entweder die Bären anschauen, Papa, oder dort unten picknicken», schlägt er begeistert vor. Wäre es draussen nicht so kalt, könnte das sogar als gute Idee durchgehen. «Oft können sich Kinder länger ruhig halten, wenn sie wissen, dass sie danach noch ein spannendes Erlebnis vor sich haben», rät Lucia Bleuler. In diesem Fall gilt es, den richtigen Moment zu erwischen, bevor die Laune der Kinder kippt.

Fazit des Restaurantbesuchs: Gemütlich ist anders

Folgerung der etwas müden Eltern: Die Kinder waren lebhaft, aber anständig, ein schrecklicher Stress war es nicht. Aber auch kein toller Erfolg. «Einigermassen angenehm, ja — ich habe mal etwas Feines gegessen, ohne selber kochen zu müssen», meint Tshibola Katulu Massa. «Aber ein vernünftiges Gespräch zwischen uns Erwachsenen war definitiv nicht möglich.» Stefan Massa hebt die fertig angezogene Fée auf den Arm und sagt trocken: «Gemütlich ist anders.» Wahrscheinlich warten sie lieber noch eine Weile zu bis zum nächsten Restaurantbesuch mit den Kindern oder suchen zumindest ein spezielles Kinderrestaurant.

Kinderrestaurants: www.gastrokidzz.ch

Autor: Claudia Weiss

Fotograf: Marco Zanoni