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17. März 2014

«Nicht nur Bitcoins, jede Währung kann missbraucht werden»

Bitcoins sorgen für Schlagzeilen, in den letzten Tagen vor allem für negative. Woher stammt die Faszination für das «virtuelle Gold», und stimmt es, dass es vor allem von Kriminellen benützt wird? Bitcoin-Pionier Jon Matonis nimmt Stellung.

Jon Matonis, der auf einem Felsbrocken steht
Jon Matonis glaubt felsenfest an Bitcoins.

Jon Matonis, Bitcoins sorgen derzeit fast täglich für negative Schlagzeilen. Was läuft schief?

Lassen Sie sich nicht ins Bockshorn jagen! Bitcoins sind sehr widerstandsfähig, und das Bitcoin-System wird nicht so schnell zerbrechen.

Woher nehmen Sie diese Zuversicht?

Ganz einfach. Bitcoins folgen den Gesetzmässigkeiten des Marktes.

Und was ist mit der möglicherweise betrügerischen Pleite des Bitcoin-Händlers Mt. Gox?

Der Fall Mt. Gox zeigt doch gerade, dass bei den Bitcoins der Markt funktioniert. Anders als bei den Banken musste niemand gerettet werden, weil er «too big to fail» ist. Wer versagt, geht pleite und kann nicht darauf hoffen, von Regierungen und Zentralbanken gerettet zu werden.

Ist der Fall Mt. Gox nicht ein möglicherweise fataler Vertrauensverlust in die Bitcoins?

Keineswegs. Das Bitcoin-Netzwerk funktioniert. Sie können das mit dem Herunterladen von Filmen und Musik aus dem Internet vergleichen. Das wird nicht so schnell wieder verschwinden, obwohl es die Film- und Musikindustrie liebend gerne hätte. Die einzige Art, wie man Bitcoins zum Verschwinden bringen könnte, wäre, dass man das Internet ausschalten würde. Können Sie sich das vorstellen?

Schweizer Firmen, die Bitcoins akzeptieren:
Schweizer Firmen, die Bitcoins akzeptieren:

WIR NEHMEN BITCOINS!
Mehr zum Thema: Es gibt in der Schweiz bisher nur eine Handvoll Firmen und Restaurants, die Bitcoin akzeptieren. Zum Artikel

Trotzdem: Bitcoins werden immer wieder mit Verbrechen, mit Drogen- und Waffenhandel in Verbindung gebracht.

Glauben Sie mir: Es werden heute noch sehr viel mehr Drogen und Waffen mit Dollar und Euro gehandelt als mit Bitcoins. Jede Währung kann von Kriminellen missbraucht werden.

Verschiedene Staaten haben jedoch den Kampf gegen Bitcoins aufgenommen. China und Russland haben sogar Verbote ausgesprochen. Warum?

Das ist eine gute Frage, nur sollten Sie diese der chinesischen und russischen Regierung stellen.

Was fasziniert Sie persönlich an den Bitcoins?

Ich habe als Devisenhändler für die Kreditkartenfirma Visa gearbeitet und dabei täglich rund 160 verschiedene Währungen gehandelt. Ich habe auch digitale Währungen und lokale Parallelwährungen studiert. Mich haben Währungen stets fasziniert.

Wie würden Sie Bitcoins definieren?

Als Geld ohne Regierung.

Warum ist es so wichtig, dass Regierungen nichts mit Geld zu tun haben?

Könige konnten einst ihre eigene Währung prägen und haben dieses Recht missbraucht, um die Währungen zu manipulieren. Moderne Regierungen machen etwas Ähnliches. Sie entwerten das Geld durch Inflation, eine ganz perfide Form von Steuern. Der Dollar hat so in den letzten 100 Jahren 97 Prozent seines Werts verloren.

Bitcoins sind bloss ein abstrakter Algorithmus. Wie soll uns das vor Inflation schützen?

Sie können nicht willkürlich vermehrt werden. Es wird nie mehr als 21 Millionen Bitcoins geben (siehe Box rechts).

Welche Art von Menschen interessiert sich für Bitcoins?

Es ist eine bunt gemischte Schar. Die Anhänger einer Goldwährung mögen die Bitcoins, weil die Menge, wie beim gelben Metall, beschränkt ist. Linke Staatskritiker schätzen die Transparenz, die Bitcoins möglich machen. Bitcoins sind der ärgste Feind der Korruption.

Welche sind die Vorteile der Bitcoins?

Die Zwischenhändler werden abgeschafft. Ich kann heute Bitcoins rund um den Globus schicken und muss dabei keine hohen Kosten fürchten wie beim Wechseln von Franken in Dollar oder Euro. Ich kann Bitcoins auch problemlos auf meinem Computer aufbewahren, ohne dass ich jemandem darüber Rechenschaft ablegen muss. Jetzt, wo selbst das Schweizer Bankgeheimnis de facto abgeschafft worden ist – was ich übrigens sehr bedaure –, wird das von grosser Bedeutung.

Bitcoins machen es möglich, dass jeder sein eigenes Bankgeheimnis hat?

Ja, das kann man so sagen – und jeder Mensch hat Anrecht auf diese Art von Privatsphäre.

Wer heute sein Geld in Bitcoins umwandelt, muss sich dafür mit sehr starken Kursschwankungen herumschlagen.

Auch der Preis für Gold und Silber, speziell für Silber, ist sehr volatil. Bitcoins gibt es erst seit fünf Jahren. Ich bin überzeugt, dass die Kursausschläge sich einpendeln werden. Bitcoins sind noch Babys, die ihre ersten Schritte machen und dabei von den Regierungen nach Möglichkeit behindert werden.

Nehmen wir an, Bitcoins werden ein Riesenerfolg. Brauchen wir dann gar keine Banken mehr?

Wir werden weiterhin Geschäftsbanken brauchen, aber keine Zentralbanken mehr. Normale Banken werden nach wie vor Spargelder sammeln und Kredite leihen.

Die Zentralbanken haben mit ihrer Geldpolitik verhindert, dass die Wirtschaftskrise zu einer Depression ausgewachsen ist. Wie wollen Sie das ohne Zentralbanken schaffen?

Das ist Propaganda der Zentralbanken. Ich hingegen würde behaupten: Ohne die Zentralbanken hätte es die Krise gar nicht gegeben. Die Zentralbanken sind der Grund der Krise, nicht die Kur dagegen. Zentralbanken bedeuten zentrale Planung, nicht Markt. Wenn Sie an einen freien Markt für Zahnpasta glauben, warum glauben Sie nicht auch an einen freien Markt für Währungen?

Zentralbanken wurden geschaffen, weil Märkte gelegentlich versagen. Was hätten Sie 2008 ohne Zentralbanken gemacht?

Es wäre besser gewesen, wenn das Finanzsystem ausgemistet worden wäre. Ohne die Zentralbanken als Retter in letzter Instanz hätten die Banken viel verantwortungsvoller handeln müssen, und wenn sie es nicht getan hätten, dann wären sie – wie jetzt Mt. Gox – pleitegegangen. Mit Bitcoins wird ein internationales Finanzsystem möglich, das nicht mehr auf Zentralbanken angewiesen sein und verantwortungslose Banker bestrafen wird.

Das System der Bitcoins beruht auf einem komplexen Algorithmus, und die meisten Menschen wissen nicht einmal, was ein Algorithmus ist. Wie können sie Vertrauen in Bitcoins haben?

Weil sie Vertrauen in den Markt haben. Bitcoins sind wie Gold. Es gibt keine Regierung, die sagt: Ihr müsst Gold vertrauen. Die Menschen vertrauen Gold, weil es – anders als Papiergeld – nicht manipulierbar ist. Als digitales Gold werden Bitcoins zu einer globalen Währung, an der sich andere Währungen wie der Franken orientieren können.

Warum mögen die meisten Mainstream-Ökonomen Bitcoins nicht? Nobelpreisträger Paul Krugman hat in der «New York Times» dazu aufgerufen, man solle die Finger davon lassen.

Paul Krugman ist ein staatsgläubiger Ökonom. Er glaubt an die Zentralbanken und kann sich freies, auf Marktmechanismen basierendes Geld nicht vorstellen.

Können Bitcoins und Zentralbanken nicht friedlich zusammenleben?

Sie können zusammenleben, aber nur im Wettbewerb. Es wird ein langer und harter Kampf werden.

Wie können Zentralbanken ihre Geldpolitik betreiben, wenn sie gleichzeitig gegen Bitcoins wetteifern müssen?

Sie können nur noch die Geldmenge ihrer eigenen Währung kontrollieren. Sie werden an Macht und Einfluss verlieren.

Es gibt bereits verschiedene Kopien von Bitcoins. Wie beurteilen Sie das?

Es gibt inzwischen über 100 digitale Währungen. Das schafft grosse Verwirrung. Es ist wie bei verschiedenen Masseinheiten, Meter und Yards beispielsweise oder Celsius und Fahrenheit bei den Temperaturen. Es wird sich irgendwann ein solch duales System ergeben.

Wie lange wird es noch Bitcoins geben?

Sehr lange. Regierungen werden kommen und gehen, Bitcoins bleiben. Auf Flohmärkten kann man heute alte Geldscheine und Münzen als Sammelobjekte kaufen. Ich stelle mir vor, dass man künftig auf den Flohmärkten Euro- und Dollarnoten wird erwerben können.

Was wird mit dem Schweizer Franken sein?

Ich weiss nicht. Ich mag Franken, vor allem die 1000er-Note, wertmässig die grösste, die es überhaupt gibt.

Wie werden Bitcoins sich in den nächsten zehn Jahren entwickeln?

Die Akzeptanz von Bitcoins wird viel grösser sein. Es wird völlig normal und sehr einfach sein, Bitcoins zu benützen. Vor allem in den Schwarzmärkten werden sich Bitcoins durchsetzen, und das ist ein sehr bedeutender Markt. Heute schon stellen alle Schwarzmärkte der Welt eine 10-Billionen-Dollar-Wirtschaft dar. Das ist hinter den USA die zweitgrösste Volkswirtschaft. Bitcoins werden sich auch in den Entwicklungsländern durchsetzen und könnten zur wichtigsten Währung in Afrika werden.

Warum sollen Menschen weiterhin Steuern zahlen, wenn sie mit Bitcoins auf den Schwarzmärkten tätig sein können?

Die Nationalstaaten werden tatsächlich beweisen müssen, dass sie den Menschen noch etwas wert sind und ihnen einen Gegenwert für die Steuergelder liefern. Wenn die US-Regierung einen Krieg finanzieren will, muss sie künftig zuerst ihre Bürgerinnen und Bürger um Erlaubnis fragen. Heute besteht diese Pflicht nicht. Die Regierung kann einen Krieg beschliessen und die Zentralbank finanziert ihn mit Papiergeld.

Mit anderen Worten: Wenn Bitcoins sich durchsetzen, wird der ewige Frieden ausbrechen?

Genau. Das haben Sie ausgezeichnet formuliert.

Autor: Philipp Löpfe

Fotograf: Kai Jünemann