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17. Mai 2016

Neustart im Tessin

Meist ist es das bessere Klima, das Deutschschweizer ins Tessin lockt. Einige aber bleiben für immer oder haben sich hier einen Zweitwohnsitz eingerichtet – so etwa Anna Barbara von der Crone, Peter Preisig oder Barbara Egli.

Barbara Egli (59), Kulturmanagerin in Vico Morcote

Ich liebe das Klima und die Menschen

Barbara Egli
Barbara Egli

Die Aussicht von Barbara Eglis drei Terrassen ist fantastisch. Ihr Haus steht in Vico Morcote hoch am Hang über dem Lago di Lugano und überblickt nicht nur den See und das gegenüberliegende Dorf Brusino Arsizio, sondern auch die Gipfel des Monte San Giorgio und Monte Generoso. Jeweils im Sommer verlagert die Zürcher Kulturmanagerin ihren Lebensmittelpunkt für zwei, drei Monate in ihr Tessiner Domizil und geniesst dort das Leben. Meist mit ihrer Tochter oder Freunden der Familie. Zum Haus gehört auch ein Motorboot am Seeufer. «Damit fahren wir raus aufs Wasser, um zu baden. Und bei den Jungen ist das Wakeboarden gerade sehr in.»

Die Beziehung der Eglis zum Tessin reicht weit zurück. Ihr Vater hatte bereits 1959 ein Haus an jenem Hang in Vico Morcote gebaut, damit er nicht immer ins Hotel musste, wenn er seine Kleiderfabrik in Balerna bei Chiasso besuchen wollte. Später erwarb er auch das Nachbarhaus, das seit 1989 Barbara Egli gehört, die schon als Kind viel Zeit im Tessin verbracht hat. «Ich liebe das Klima und die Menschen», sagt sie. «Die Leute sind sehr liebenswürdig und entgegenkommend, auch wenn man nicht perfekt Italienisch spricht.»

Und doch sieht sie einiges auch sehr kritisch. Zum Beispiel glaubt sie nicht, dass der neue Gotthard-Basistunnel zu deutlich mehr Touristen führen werde. «Das hoffen hier alle, aber dafür müsste man sich mehr anstrengen, kreativer werden. Stattdessen herrscht Stillstand, bei den Hotels ebenso wie bei den Restaurants. Man gibt sich keine grosse Mühe, ist eher bequem.»
Schlimm finde sie auch, wie konzeptlos alles verbaut werde. «Das liegt am Filz. Tessiner Familien sind alle miteinander verbandelt, und so ist es nie schwer, eine Baubewilligung zu erhalten, egal, wie hässlich das Gebäude oder ungeeignet der Ort dafür ist.» Und ob die Verkehrsinfrastruktur dafür reiche. «Ich finde das verantwortungslos gegenüber den nächsten Generationen.»

Der gleiche Filz mache es Neuzuzügern auch schwer, wirklich dazuzugehören. «Ich kenne sogar Deutschschweizer, die hier aufgewachsen sind und trotzdem subtil signalisiert bekommen, dass sie nicht ganz dazugehören.» Dass die Tessiner sich manchmal von Deutschschweizer Touristen überfahren fühlen, kann sie wiederum gut verstehen. «Wenn die Leute in Lokalen und Läden nicht mal Buongiorno sagen, sondern gleich und wie selbstverständlich auf Schweizerdeutsch loslegen, kommt das natürlich nicht gerade sympathisch rüber.» Dennoch nimmt sie keine Ressentiments wahr.

Und all das ist ohnehin zweitrangig, wenn sie sich im Sommer dann wieder ihre Auszeit in Vico Morcote gönnt. Egli betreibt in Zürich gemeinsam mit einer Kunsthistorikerin die Agentur art_works und organisiert Kunstführungen und -reisen. Diese Arbeit kann sie problemlos auch vom Tessin aus machen, denn alles, was es dafür braucht, ist ein Laptop und eine Internetverbindung. Die Sonne, den See und die tolle Aussicht gibts gratis dazu.

Peter Preisig (51), Dachdecker in Cadenazzo

Ich bin und bleibe 'der Deutschschweizer'

Peter Preisig
Peter Preisig

Erstaunlich, was so alles in einen Wohnwagen passt: zwei Betten, eine Sitzecke, eine Miniküche, sogar ein kleines Bad und eine Entertainmentanlage. «Ich fühle mich sehr wohl hier», sagt Peter Preisig, «wohler als in meiner ultramodernen 5½-Zimmer-Eigentumswohnung in Flawil SG.» Preisig wohnt seit drei Jahren unter der Woche fest auf dem Campingplatz Joghi e Bubu in Cadenazzo, an den Wochenenden ist er jeweils bei seiner Familie in der Deutschschweiz.
Seine Frau und er haben sich zwar offiziell getrennt. Aber ihm ist es wichtig, den beiden Kindern im Teenageralter auf diese Weise wenigstens Teilzeit ein «normales» Familienleben zu ermöglichen.

Dass er im Tessin gelandet ist, liegt an seinem Job. Schon seit 2010 hat der gelernte Dachdecker und Kranführer von der Deutschschweiz aus regelmässig auf Tessiner Baustellen gearbeitet. Und als eines Tages von einem Kunden in Minusio das Angebot kam, für ihn im Tessin zu arbeiten, sagte Preisig zu. «Die Arbeitszeit ist geregelter und kürzer als vorher, und es hat zur persönlichen Situation gepasst.» Die Spezialität der Firma ist die Sanierung von Flachdächern, und die Geschäfte laufen gut.

Dass er sich auf einem Campingplatz einquartierte, hatte mehrere Gründe. «Ich mag das einfache Wohnen. Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen, wo wir nur in der Stube und in der Küche eine Heizung hatten und im Schopf badeten. Und ich habe schon immer gern campiert.» Hinzu kommt: eine günstige Einzimmerwohnung in der Gegend würde ihn über 800 Franken pro Monat kosten; im mit Gas beheizbaren Wohnwagen lebt er für nicht mal die Hälfte.
Allerdings ohne fliessend Wasser – geduscht wird in den Gemeinschaftsduschen des Campingplatzes. «In der warmen Jahreszeit bin ich eh fast nur zum Schlafen im Wagen, im Rest der Zeit spielt sich das Leben draussen ab. Wenn ich von der Arbeit komme, werde ich von allen Seiten begrüsst und muss mich erst mal dazusetzen, plaudern und was trinken.»

Der Campingplatz wird vor allem von Deutschschweizern bevölkert, ein paar wenige sind, wie Preisig, das ganze Jahr da, die meisten aber nur in den Ferien. Wagen und Zelte sind um einen kleinen Pool gruppiert, die Infrastruktur ist einfach, aber zweckmässig. Und während Preisigs Kinder es zunächst etwas seltsam fanden, dass ihr Vater auf einem Campingplatz lebt, kommen sie inzwischen ganz gern zu Besuch. Dass er und die Gerantin der Anlage darüber hinaus noch ein Paar wurden, kam ungeplant, «ist aber ein schöner Nebeneffekt».

Inzwischen kann Preisig auch ganz passabel Italienisch. Seine Partnerin, obwohl ebenfalls aus der Deutschschweiz, spricht es ausgezeichnet, das habe geholfen. Ebenfalls, dass er es auf der Arbeit braucht. «Wir haben viele deutsche und Deutschschweizer Kunden, da muss ich ab und zu dolmetschen.» Integriert jedoch fühlt er sich nicht. «Ich bin und bleibe ‹der Deutschschweizer› und gehöre nicht ganz dazu. Obwohl sie grundsätzlich sehr offen sind und jedem eine Chance geben.»

Gewöhnungsbedürftig findet er vor allem den Hang der Tessiner, Dinge nicht sofort zu erledigen, sondern auf den nächsten Tag zu verschieben. Oder die nächste Woche. Preisig lacht. «Wir Ostschweizer sind ja besonders arbeitsam und hektisch. Ich habe gelegentlich noch immer Mühe mit der Tessiner Art, aber ein bisschen habe ich mich inzwischen auch angepasst, es ging gar nicht anders. Und eigentlich tut es mir sogar ganz gut, die Dinge mal etwas lockerer zu sehen.»

Anna Barbara von der Crone (55), Winzerin in Barbengo

Man nimmt die Dinge lockerer hier

Anna Barbara von der Crone
Anna Barbara von der Crone

Es war der Wein, der Anna Barbara von der Crone 1994 ins Tessin brachte. Genauer gesagt: die Möglichkeit, einen eigenen Weinanbau zu eröffnen. «In der Deutschschweiz konnte man damals nirgends geeignetes Land kaufen oder pachten, und im Tessin wäre es heute wohl auch schwieriger.» Von der Crone und ihr inzwischen verstorbener Mann arbeiteten damals an der ETH als Agronomen und lebten in Herrliberg ZH. «Es war unser gemeinsamer Traum, einen Weinbetrieb aufzubauen – und es hat uns auch gereizt, dies in einem anderen Landesteil zu tun.»

Als ihr Mann 2002 in einer Lawine ums Leben kam, entschloss sich die Mutter von vier Kindern zunächst, allein weiterzumachen, unterstützt von Freunden und Kollegen. Unter ihnen war Paolo Visini, ein Deutschschweizer mit italienischen Wurzeln, der nun seit zehn Jahren nicht nur ihr Geschäfts-, sondern auch ihr Lebenspartner ist. «Als wir 1994 anfingen, gab es unter den Selbstkelterern viele Deutschschweizer und Romands – und wir lieferten den grössten Teil unseres Weins in die Deutschschweiz.»

Inzwischen haben sie aber auch viele Tessiner Kunden. Dennoch gehen von den heute produzierten etwa 40’000 Flaschen pro Jahr noch immer rund 70 Prozent in die Deutschschweiz, oft an langjährige Stammkunden. Die Reben sind auf sieben Hektaren über verschiedene Regionen verteilt. «Wir versuchen, aus jedem Boden, jeder Lage und jeder Traube die Besonderheiten herauszuarbeiten und dabei möglichst wenig einzugreifen. Das kommt offensichtlich gut an.» Der Fokus liegt dabei auf Merlot.

Von der Crone kann sich gut vorstellen, dass der neue Bahntunnel und die schnellere Verbindung in die Deutschschweiz mehr Gäste ins Tessin bringen. «Das wäre gut. Ich hoffe bloss, es seien dann nicht mehr Neigezüge im Einsatz, in denen wird mir nämlich immer schlecht.» Die Winzerin fühlt sich sehr wohl im Tessin und auch durchaus integriert. «Die Leute sind sehr kinderfreundlich, und über unsere Kinder waren wir sofort überall dabei.» Es gebe aber durchaus gewisse Klischees, die ein Körnchen Wahrheit beinhalten: So lasse die Genauigkeit manchmal schon ein wenig zu wünschen übrig. «Man nimmt die Dinge generell lockerer, durchaus auch im positiven Sinne.»

Beim öffentlichen Verkehr könnte das Tessin allerdings mehr tun, findet von der Crone. «Für die Lebensqualität und den Tourismus wäre es ausserdem wünschenswert, wenn man sorgfältiger mit den Ressourcen umgehen und zum Beispiel nachhaltiger bauen würde.»

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Claudio Bader