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13. April 2015

Neustart für die legendäre Politdebatte

Für Politikinteressierte gehörte die «Arena» im Schweizer Fernsehen einst zum Pflichtprogramm – das ist lange her. Eine Auffrischung unter dem neuen Leiter Jonas Projer soll die Sendung nun wieder populärer machen.

Filippo Leutenegger in der Arena
Vom Start 1993 bis 1999 moderierte Filippo Leutenegger die «Arena».

Mit Jonas Projer (33) als Moderator und Redaktionsleiter hat die «Arena» seit letztem Jahr schon ein neues Gesicht und einen neuen Stil. Nun wird die bald 22 Jahre alte Diskussionssendung des Schweizer Fernsehens auch inhaltlich renoviert. «Journalismus soll wichtiger werden», sagt Projer, der vor der «Arena» drei Jahre lang Korrespondent in Brüssel war und von dort über Eurokrise und das schwierige Verhältnis zwischen der Schweiz und der EU berichtet hat. Projer ist bereits der siebte Moderator der «Arena», die ursprünglich von Filippo Leutenegger präsentiert wurde. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Zürich.

Jonas Projer, der «Arena»-Moderator wird immer gerne mit einem Dompteur im Zirkusrund verglichen. Kommen Sie sich manchmal so vor?

Ich mag dieses Bild nicht so sehr, unsere Gäste sind ja keine wilden Tiere, bei denen man die Peitsche knallen lassen muss. Klar, manchmal muss man sich durchsetzen, und es ist auch wichtig, dass die Leute wissen, dass man dazu bereit ist. Aber der Moderator muss vor allem Journalist sein, muss die richtigen Fragen stellen und darauf bestehen, dass sie beantwortet werden.

Gelegentlich greifen Sie aber doch recht vehement ein.

Es ist eine Gratwanderung. Die Gäste sind ja da, um miteinander zu reden. Aber es kommt immer wieder vor, dass jemand nur seine Statements verkünden will. Dann muss ich eingreifen um sicherzustellen, dass es auch zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung kommt.

Und ist es manchmal schwierig das hinzukriegen? Gibts besonders schwierige Kandidaten?

Es ist regelmässig eine Herausforderung. Medienerfahrene Politiker sind darauf trainiert, ohne Punkt und Komma zu reden. Es ist dann immer ein Abwägen, ob und wie hart man eingreifen soll, und es gelingt auch nicht immer gleich gut.

Andere Sender hätten gerne so hohe Zahlen.

Die «Arena» war einst Pflichtprogramm für Politinteressierte, mit Marktanteilen von 50 Prozent und mehr. Die Quote ist heute bestenfalls mal halb so hoch. Warum ist das so?

Die «Arena» liegt heute bei einem Marktanteil von knapp 20 Prozent, was im heutigen Umfeld hoch ist. Andere Sender hätten gerne so hohe Zahlen. Aber es ist klar: Vor 20 Jahren war es eine Sensation, Leute so konfrontativ aufeinander prallen zu lassen – heute machen das alle. Erschwerend kommt hinzu, dass sich auch unsere Gäste verändert haben: Praktisch alle Politiker verhalten sich dank Medientrainings heute sehr professionell vor der Kamera.

Vielleicht fehlt es einfach auch an Protagonisten, die sich so hochstehende und amüsante Duelle liefern können wie einst Christoph Blocher und Peter Bodenmann?

Das glaube ich nicht. Es gibt immer noch Duelle auf hohem Niveau. Aber wir müssen uns vielleicht mehr anstrengen als früher, um aus den Gästen etwas herauszuholen, das uns inhaltlich vorwärts bringt. Eine der Neuerungen des Relaunches wird deshalb auch sein, dass der Moderator journalistisch stärker spürbar wird. Meine Redaktion und ich werden uns also intensiver vorbereiten, damit ich in der Sendung mehr gezielte, heikle Fragen stellen kann, um die Gäste aus der Reserve zu locken.

Moderator und Redaktionsleiter Jonas Projer.
Moderator und Redaktionsleiter Jonas Projer.

Haben Sie mit Themen- und Gästewahl überhaupt einen Einfluss auf die Einschaltquote oder sind die Zeiten einfach vorbei, in der sich so viele Menschen vor der gleichen TV-Sendung versammeln liessen?

Eine schwierige Frage. Aber ich stehe zum Glück nicht unter Quotendruck. Meine Chefs schauen mir vor allem auf die Finger, was Inhalte und Ausgewogenheit angeht. Selbstverständlich achte ich trotzdem auf die Quote, denn ich will ja so viele Leute wie möglich erreichen. Aber wenn ich zwischen dem Inhalt und der Quote abwägen muss, ist der Fall klar: Mehr Boulevard für höhere Zuschauerzahlen kommt nicht in Frage.

Was erhoffen Sie sich denn vom Relaunch?

Die Sendung wurde ja immer in regelmässigem Abstand etwas modernisiert. Diesmal aber wechseln wir nicht nur die Farbe im Studio, sondern versuchen inhaltlich anders zu fokussieren. Das tun wir einerseits mit einer klareren journalistischen Haltung, andererseits mit einem stärkeren Einbezug von Experten. Das kann ein Wirtschaftsprofessor sein, aber auch ein früheres Verdingmädchen, also jemand, der am eigenen Leib erlebt hat, um was es geht. Leute, die nicht im Namen einer Partei oder einer politischen Agenda sprechen, sondern Politikern auch mal kompetent widersprechen. Ein paar Fakten schaden nicht in einer politischen Diskussion (lacht).

Und eine neues Studio gibt es auch.

Ja, das alte ist bereits abgebrochen, aber das neue Studio zeigen wir erst mit der ersten Sendung.

Die «Arena» soll fokussierter werden und eine echte inhaltliche Auseinandersetzung ermöglichen, die tiefer schürft als Parteiparolen.

Schon durchgesickert ist, dass es keinen zweiten Ring mehr gibt, also keine Gruppe, welche die Gäste vorne unterstützt. Weshalb das?

Wenn zu viele Gäste im Studio sind, kann die Diskussion zerfleddern und immer wieder auf Feld 1 zurückgeworfen werfen. Weniger Gäste heisst aber auf keinen Fall, dass differenzierte Positionen untergehen. Ganz im Gegenteil: Die «Arena» soll fokussierter werden und eine echte inhaltliche Auseinandersetzung ermöglichen, die tiefer schürft als Parteiparolen.

Wie entscheiden Sie, welches Thema jeweils debattiert wird?

Es sollte etwas Aktuelles sein. Um eine Diskussionssendung richtig zu geniessen, muss man sich mit dem Thema schon beschäftigt haben. Wir planen in der Regel eine Woche im Voraus, wenn etwas Aktuelleres kommt, stellen wir um. Notfalls können wir das auch am Sendetag noch.

Findet man so kurzfristig Gäste?

Problemlos. Bei brennenden aktuellen Themen kriegt man immer Leute, sogar leichter als sonst.

Wie wählen Sie die Gäste aus?

Es ist eine politische Diskussionssendung, Politiker stehen also im Vordergrund. Ich finde aber wichtig, dass es auch andere Gäste hat, denn Politik geht schliesslich alle an. Wir versuchen, jede Woche auch überraschede Gäste dabei zu haben, die manchmal auch erst in der Mitte der Sendung auftauchen.

Kommt jeder, den Sie einladen? Oder gibts auch Leute, die nicht wollen?

Politikerinnen und Politiker kommen in der Regel gerne. Wir kriegen nicht jeden zu jedem Thema – es war zum Beispiel nicht ganz einfach, jemanden zu finden, der sich gegen die Entschädigung von Verdingkindern engagierte, Luzi Stamm von der SVP hat es dann gemacht. Wollen wir zusätzlich Experten oder Betroffene, bedeutet das einigen Zusatzaufwand. Aber auch dann profitieren wir von der Marke «Arena», die noch immer ein grosses Gewicht hat.

Gibt es Themen, die nicht «Arena-tauglich» sind?

Ich glaube, aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft funktioniert grundsätzlich jedes Thema. Entscheidend ist, dass unterschiedliche Interessen verhandelt werden können. Manchmal bringen wir ein Thema nur, wenn es uns gelingt, einen bestimmten Gast zu kriegen. Wir sind vier Leute im Team und verbringen jede Woche viel Zeit am Telefon mit potenziellen Gästen. Wir müssen ja nicht nur Pro und Contra finden, die Parteien ausgewogen berücksichtigen, sondern auch darauf achten, dass wir genügend Frauen in der Sendung haben – das alles in Kombination ist nicht immer so leicht. Und erst während der Sendung merkt man, ob der Mix wirklich funktioniert.

Mir sind jene Gäste am liebsten, die eine klare Meinung haben, aber auch aufs Gegenüber eingehen.

Früher rissen sich die Politiker darum, in der Sendung auftreten zu dürfen, bei Wahlen war es ein Kriterium, ob man «Arena-tauglich» war - wie ist das heute?

Heute sind zwar alle medienerfahren, aber es gibt immer noch Leute, die besser und weniger gut in der «Arena» funktionieren. Mir sind jene Gäste am liebsten, die eine klare Meinung haben, aber auch aufs Gegenüber eingehen. Leute also, die sich ausdrücken können und diskussionsbereit sind. Und das sind nicht alle.

Wie stark ist der Druck seitens Parteien oder Organisationen, in der Sendung einen Redeplatz zu bekommen? Kürzlich beklagte sich Pink Cross zum Beispiel lautstark via Social Media, dass man über die Homo-Ehe diskutiert, ohne sie einzuladen.

Nach der Sendung haben sie sich gemeldet und gesagt, sie möchten mir ein Kränzchen winden, es sei total fair gewesen. Aber es gibt generell viele Druckversuche. Offensichtlich ist die «Arena» noch immer eine begehrte Plattform. Parteien versuchen mit Tricks und Kniffs, in eine Sendung reinzukommen. Es ist auch erstaunlich, was sich meine Teamkollegen manchmal am Telefon anhören müssen, aber da sind wir unbestechlich (lacht).

Wie gehen Sie damit um?

Wir gehen nicht auf Druckversuche ein, bleiben höflich und sind nicht rachsüchtig. Längerfristige Konsequenzen hatten diese Manöver nie. Aber es kostet viel Energie, auch wenn es ja eigentlich ein Kompliment ist.

Wie detailliert ist das Drehbuch für die Sendung?

Sehr detailliert. Ich experimentiere noch damit, wie genau ich es dann auch befolge. Manchmal wird halt etwas angesprochen, das im Kontext erst später Sinn macht, weil man es zu dem Zeitpunkt noch gar nicht verstehen kann. Dann greife ich ein. Oft muss ich situativ reagieren und Teile des Drehbuchs en bloc verschieben, mit Unterstützung meiner Produzentin, die ich während der ganzen Sendung im Ohr habe.

Allzu genau kann man eh nicht planen, weil sich viel sponan entwickelt, oder?

Wir machen mit jedem Gast ein ausführliches telefonisches Vorgespräch, wir wissen also sehr genau, was er inhaltlich sagen wird. Die Diskussiondynamik allerdings können wir nicht planen, da müssen wir flexibel reagieren.

Sie hören also inhaltlich nie etwas, mit dem Sie nicht gerechnet haben?

Doch doch, das kommt trotzdem vor. Manchmal gibt es auch Angriffe auf mich – oder einen Gast, der mitten in der Sendung rauslaufen will. Da muss ich sekundenschnell entscheiden, wie ich reagiere. Als Moderator ist man relativ einsam, denn letztlich wollen die Gäste alle das gleiche: möglichst viel reden. Und ich muss sie immer wieder abblocken. Deshalb bin ich froh um die Produzentinnenstimme im Ohr, die mich zwischendurch mit Kommentaren aufmuntert: «das läuft gut», «gut aufgefangen», «ganz ruhig», «Lächeln nicht vergessen»... (lacht).

Vom Auslandskorrespondenten in Brüssel zum «Arena»-Moderator - eine ziemliche Umstellung.

Klar. In Brüssel während der Eurokrise zu arbeiten war ein sehr spannender Job. Fast täglich stand die Welt kurz vor dem Untergang, jedenfalls wenn man den Zeitungsschlagzeilen glauben wollte. Die Rückkehr in die Schweiz hatte nicht zuletzt private Gründe: Mit drei kleinen Kindern im Ausland ohne familiäre Unterstützung war es nicht immer leicht.

Aus meiner Sicht ist die «Arena» eine unterbewertete Aktie, ich fand, daraus lässt sich noch mehr machen.

Warum hat Sie die «Arena» interessiert?

Es ist eine legendäre Sendung, über die alle ein bisschen schlecht reden, an der sie aber trotzdem teilnehmen wollen. Aus meiner Sicht ist sie eine unterbewertete Aktie, ich fand, daraus lässt sich noch mehr machen. Und das versuchen wir jetzt.

Bis zur «Arena» wurden Sie mit Lob überhäuft, nun kommt auch mal Kritik. Wie gehen Sie damit um?

Ich hoffe genauso gelassen wie mit dem Lob. Und ich nehme sie auch ernst. Wir hinterfragen uns ständig, ob wir etwas nicht anders oder besser hätten tun können. Nach jeder einzelnen Sendung gibt es eine externe Kritik, und wir haben aufgrund von Feedback auch schon einiges verändert.

Wie haben Sie sich mit Ihrer Familie wieder in der Schweiz eingelebt? Vermissen Sie was von Brüssel?

Das Bier, das ist echt gut! Und die gute Zusammenarbeit mit den anderen Schweizer Korrespondentenkollegen, man wächst da sehr eng zusammen. Mittlerweile haben wir uns aber recht gut eingelebt. Die Arbeit hat allerdings in letzter Zeit schon viel Raum eingenommen, auch wegen dem Relaunch.

Wie vereinbaren Sie das mit dem Familienleben?

Es ist organisatorisch eine Herausforderung, grösser als die für die «Arena», denn meine Frau arbeitet ebenfalls. Aber mit Hilfe der Eltern und einer Kinderkrippe klappt es einigermassen.

Was ist Ihre Lieblingssendung auf SRF? Was verpassen Sie nie?

Die «Tagesschau». Eine ideale, gut gewichtete Zusammenfassung der News vom Tag.

Was schauen Sie sonst so, wenn Sie fernsehen?

US-Serien, wie so viele andere auch: «The Knick», «Breaking Bad», «The West Wing», «Game of Thrones», «Homeland». Ich habe ja eine Filmschule absolviert und dort auch gemerkt, dass ich diesbezüglich wirklich völlig talentfrei bin. Damals habe ich praktisch jeden Film geschaut, der ins Kino kam. Heute fehlt mir dafür die Zeit, übrig geblieben sind die Serien. Aber viele grosse Regisseure machen inzwischen ja Fernsehen, dort kann man heute die grossen Geschichten erzählen.

Die erste «Arena» mit dem neuen Konzept: Freitag, 17. April, 22.25 Uhr auf SRF 1.