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23. Februar 2015

Neuropsychologe: So bleibt das Gehirn in Schwung

Die Basler Memory Clinic und die Migros suchen Menschen mit Elefantengedächtnis. Neuropsychologe Andreas Monsch über die Testanlage, die Unzuverlässigkeit von Erinnerungen und was man tun sollte, damit das Gehirn möglichst lange gut funktioniert.

Andreas Monsch
Der Basler Neuropsychologe Andreas Monsch beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit dem menschlichen Gehirn.

Andreas Monsch, Sie haben die Gedächtnistests in den Migros-Filialen mit Ihren Mitarbeitenden entwickelt. Wie sind Sie vorgegangen?

In der Memory Clinic machen wir ja den ganzen Tag solche Tests, wollten aber hierfür etwas Lustigeres finden. Als klar war, dass die Migros mitmacht, lag es nahe, dafür Migros-Produkte zu verwenden. Wir gingen in die Filiale Dreispitz in Basel, um drei Einkaufskörbe mit 15 Gegenständen zusammenzustellen, die möglichst gleich schwierig sind.

Bleiben denn einige Produkte einfacher in Erinnerung als andere?

Absolut. Produkte, mit denen man mehr zu tun hat, bleiben auch besser in Erinnerung. Eine Banane zum Beispiel bleibt eher hängen als eine Kokosnuss. Und wenn unter den 15 Produkten einige sind, die man selbst regelmässig einkauft, wird man sich an die auch besser erinnern können.

Das Gedächtnis wird mit zunehmendem Alter zwar nicht unbedingt schlechter, aber die Prozesse werden langsamer.

An wie viele der 15 Gegenstände sollte man sich erinnern können, wenn man ein normal gutes Gedächtnis hat?

Das hängt zunächst mal von der Zeit ab, die zur Verfügung steht, um sich die Gegenstände zu merken. Je mehr, desto besser. Wir haben nach einigen Experimenten entschieden, dass wir 30 Sekunden geben, um den Einkaufskorb anzuschauen, danach muss man innert 30 Sekunden alle Produkte aufzählen, an die man sich erinnern kann. Wer zehn korrekt nennen kann, kommt in die nächste Runde. 30 Sekunden sind relativ wenig, und ältere Menschen haben da ganz klar einen Nachteil. Das Gedächtnis wird mit zunehmendem Alter zwar nicht unbedingt schlechter, aber die Prozesse werden langsamer. Deshalb sollten Grosseltern vermeiden, mit ihren Enkeln Memory oder Mastermind zu spielen, da haben sie keine Chance. Bei unserem Gedächtnistest bekommen alle ab 65 zwei Punkte Bonus, damit wird ihr Nachteil ausgeglichen.

Wieso ist man schneller, wenn man jünger ist?

Weil die biologischen Prozesse schneller sind. Genauso, wie wir mit zunehmendem Alter körperlich langsamer werden, passiert das auch geistig. Das ist völlig normal und keinerlei Anlass zur Sorge.

Neuropsychologe Andreas Monsch in seinem Büro an der Memory Clinic in Basel
Neuropsychologe Andreas Monsch in seinem Büro an der Memory Clinic in Basel.

Und an wie viele von den 15 Produkten sollte man sich nun erinnern? Was wäre erschreckend wenig, was überraschend viel?

Also 3 oder weniger wären schon nicht so toll. Und alle 15 wären sicherlich möglich, aber erstaunlich viel. Wir denken, dass für viele 10 eine realistische Hürde darstellt. Es muss sich aber auch niemand Sorgen machen, wenn er diese 10 nicht schafft. Wer im Alltag einkauft und mit jenen Produkten wieder nach Hause geht, die er tatsächlich kaufen wollte, bei dem ist in der Regel alles in Ordnung.

Das klingt jetzt nach keiner so grossen Herausforderung.

Die ist gar nicht so klein. Wer Mühe hat mit dem Gedächtnis, packt dann vielleicht Produkte doppelt in den Wagen, andere gehen vergessen. Als Hilfe brauchen ja deshalb viele Menschen Einkaufszettel.

Wer 10 schafft, bekommt als Nächstes einen Einkaufswagen mit 30 Produkten vorgesetzt. Wäre es möglich, dass sich jemand an alle 30 erinnert?

Das würde mich sehr überraschen. Aber 10 oder mehr sind sicherlich auch dort zu schaffen.

Haben Sie Taktik-Tipps, wie man sich vielleicht ein bisschen besser erinnern kann?

Man sollte sich zum Beispiel eine Geschichte zu den Produkten ausdenken. Etwa: Ich habe heute Abend Gäste zu Hause und mache aus diesen Produkten den Apéro, daraus den Hauptgang und das Dessert, anschliessend muss ich noch einen Brief schreiben und zum Schluss die Zähne putzen. Wem es gelingt, solche Bezüge herzustellen, der hat deutlich bessere Chancen.

Die zwei mit dem besten Gedächtnis dürfen zu «Gesundheit heute» im Schweizer Fernsehen, wo Sie ja schon mehrmals aufgetreten sind.

Ich werde von dort oft angefragt, wenn es ums Thema Demenz geht. Die Sendung ist sorgfältig gemacht, Leiterin Dr. Jeanne Fürst geht enorm respektvoll mit den Patienten um, die dort auftreten. Und es ist natürlich eine tolle Plattform, um unsere Themen unter die Leute zu bringen.

Alles, was das Gehirn aktiviert, ist gut.

Das Gedächtnis kann man trainieren, heisst es immer. Wie macht man das am besten?

Man sollte es vor allem immer tun, in jedem Alter. Use it or lose it (Benutze es oder verliere es), wie es immer so schön heisst. Und es geht gar nicht so sehr nur um das Gedächtnis, sondern um Hirnaktivitäten an sich. Es reicht schon, wenn man sich regelmässig mit Freunden trifft und über Gott und die Welt diskutiert oder jemandem einen interessanten Dokumentarfilm nacherzählt, den man gerade gesehen hat. Alles, was das Gehirn aktiviert, ist gut. Wer sich nur berieseln lässt, zum Beispiel vom Fernsehen, ohne sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen, der fordert sein Hirn nicht. Dabei ist es das einzige Organ, das man nicht überbelasten kann. Es kann müde werden, aber es wird nie einen Muskelkater kriegen.

Ein spezielles Training ist gar nicht nötig?

Nein. Vor allem sollte man sich nicht zwingen, zu Trainingszwecken Kreuzworträtsel oder Sudokus zu lösen, wenn man die nicht ohnehin mag. Man sollte etwas finden, das Spass macht: Was man gern macht, macht man gut. Viele Leute trainieren ihr Hirn auch ganz nebenbei im Beruf. Aus unserem Gespräch hier zum Beispiel ein Interview zu schreiben, wie Sie das nun tun, ist kognitiv enorm anspruchsvoll. Vor allem nach der Pensionierung sollte man zusehen, dass man etwas findet, wo das Hirn weiterhin gefordert ist. Das ist genauso wichtig wie den Körper regelmässig zu bewegen.

Und je häufiger und besser man das macht, desto länger bleibt das Gehirn fit.

Das ist die Idee, ja. Man weiss auch, dass Leute, die ihr Gehirn intensiv gebraucht haben, den Start von Alzheimer länger hinauszögern können. Sie können den Abbau noch eine Weile kompensieren.

Wir erinnern uns besser an Positives oder Negatives als an Neutrales.

Ich stelle bei mir fest: Unter 30 kam es fast nie vor, dass mir der Name eines Films oder eines Schauspielers im lockeren Gespräch nicht einfiel. Heute ist das anders. Warum?

Mir geht es auch so, und das hat sicherlich mit den altersbedingt langsameren Neuronen zu tun – hoffe ich jedenfalls (lacht). Erschwerend kommt hinzu, dass, je länger wir leben, desto mehr Informationen und Namen sich in unserem Kopf ansammeln. Wir müssen also auf der Suche nach dem richtigen Namen quasi mehr Material durchwühlen. Und Namen sind etwas sehr Abstraktes, die sich oft nicht gut verankern lassen. Eine Rolle für die Erinnerungsfähigkeit spielt auch, mit welchen Gefühlen die Gedächtnisinhalte verbunden sind. Wir erinnern uns besser an Positives oder Negatives als an Neutrales.

Wann fängt denn der Abbau an?

Es fängt bereits mit 25 Jahren an, aber ich würde es eher einen Umbau nennen, denn es ist zu diesem Zeitpunkt eine Verlangsamung auf hohem Niveau und nichts Pathologisches. Tatsächlich verlieren wir die ganze Zeit Nervenzellen im Gehirn, aber deren Arbeit kann von anderen Neuronen in der Regel problemlos kompensiert werden. Auch bei Älteren. Genau deshalb lohnt es sich, geistig aktiv zu bleiben.

Und diese Verlangsamung findet konstant gleichmässig statt, oder kann es auch zu schweren Einbrüchen kommen?

Normalerweise ist sie konstant, bei Alzheimer geht es einfach steiler bergab. Schwere Einbrüche gibt es zum Beispiel nach Schlaganfällen. Aber auch danach kann man mit Training vieles wieder verbessern.

Weshalb erinnern wir uns an gewisse Dinge, wie wenn sie gestern geschehen wären, andere kommen uns so vor, als hätten wir sie gar nicht erlebt, wenn ein Freund davon berichtet?

Vermutlich haben Sie zu dem Ereignis einen weniger starken emotionalen Bezug als der Freund, also ist es nicht hängen geblieben. Ausserdem gibt es das alte und das neue Gedächtnis: Besonders ältere Leute erzählen gerne und sehr detailliert von früher. Was mal gespeichert ist und regelmässig hervorgeholt wird, bleibt. Neue Erinnerungen zu bilden, wird mit zunehmendem Alter jedoch schwieriger. Und es scheint fast so, als ob alte Erinnerungen besonders stark werden, wenn es schwieriger wird, sich neue Dinge zu merken.

Gibt es auch psychologische Barrieren? Man will sich quasi nicht erinnern?

Das gibt es. Wenn eine Erinnerung zu schwierig ist, um sie emotional zu verarbeiten, kann es sein, dass man dazu keinen Zugang hat. Beim posttraumatischen Stresssyndrom etwa.

Das Gedächtnis ist kein Computer, es ist absolut nicht zuverlässig und stets persönlich gefärbt durch Wünsche, Ängste und Hoffnungen.

Und allzu sehr darf man Erinnerungen ja wohl gar nicht trauen, wenn sie schon weiter zurückliegen. Offenbar erinnern wir uns an die Dinge, so wie wir wollen und nicht wie sie wirklich waren?

Richtig, das Gedächtnis ist kein Computer, es ist absolut nicht zuverlässig und stets persönlich gefärbt durch Wünsche, Ängste und Hoffnungen. Es gibt ja diese berühmten Fälle, wo sich Frauen in einer Psychotherapie daran erinnert haben, als junge Mädchen von ihrem Vater missbraucht worden zu sein – nur stellte sich das dann als falsch heraus. Man kann also Leuten Gedächtnisinhalte so lange suggerieren, bis sie selbst daran glauben. So was kommt allerdings nicht oft vor. Ganz normal ist es hingegen, im Nachhinein zu beschönigen oder zu vereinfachen. Deshalb erinnern sich langjährige Paare oft anders an bestimmte gemeinsame Ereignisse in der Vergangenheit. Manchmal kann das zu heftigen Streitereien führen, und wenn nicht gerade jemand die Szene fotografiert oder gefilmt hat, wird sich kaum rekonstruieren lassen, wer sich «richtig» erinnert. Gut möglich, dass beide falsch liegen.

Monsch wünscht sich mehr Mittel für die Demenzforschung.
Monsch wünscht sich mehr Mittel für die Demenzforschung.

Sie sind ja spezialisiert auf Demenzforschung. Gibt es mittlerweile Fortschritte? Gar Hoffnung auf Heilung?

Die Forschung läuft auf Hochtouren. Und sie könnte noch hochtouriger laufen, wenn wir mehr Mittel hätten. Was umso nötiger ist, weil mit der zunehmenden Alterung der Gesellschaft eine enorme Menge an Demenzkranken auf uns zukommen wird. Derzeit gibt man zum Beispiel – gemessen an der Anzahl Patienten – für HIV-Forschung 58-mal mehr aus als für Alzheimer-Forschung. Und ich will damit nicht sagen, dass das nicht auch wichtig ist, aber es wäre dringend nötig, auch der Demenzforschung mehr Mittel zur Verfügung zu stellen. Immerhin gibt es jetzt offiziell eine tolle Nationale Demenzstrategie, allerdings fehlen auch dort die Finanzen. Vielleicht ist einfach der Leidensdruck noch nicht hoch genug, aber das wird sich ändern.

Und gibt es Fortschritte?

Ja. Man hat jetzt einige Jahre lang einen möglichen Therapieweg verfolgt, der sich inzwischen allerdings als wahrscheinlich nicht wirksam herausgestellt hat. Nun fokussieren wir auf andere Wege – so funktioniert Forschung. Wir stehen also noch immer am Anfang, und ich denke nicht, dass es in den nächsten zehn Jahren ein Medikament geben wird, das eine Heilung ermöglicht.

Aber grundsätzlich ist ein solches Medikament denkbar?

Ja, auf jeden Fall. Ziel ist allerdings, etwas zu finden, mit dem man die Entstehung von Alzheimer verhindern kann. Aber dafür muss man die Krankheit erst noch besser verstehen.

Alle fünf Lebensjahre nach 60 verdoppelt sich die Wahrscheinlichkeit, dass Alzheimer ausbricht.

In welchem Alter erkrankt man an Alzheimer?

Das Durchschnittsalter unserer Patienten liegt bei 72,4 Jahren. Meist fängt es schon zwei, drei Jahre vorher an. Aber alle fünf Lebensjahre nach 60 verdoppelt sich die Wahrscheinlichkeit, dass Alzheimer ausbricht.

Kann man mit seinem Verhalten selbst irgendetwas beeinflussen?

Alzheimer ist keine Erbkrankheit, aber es gibt genetische Konstellationen, die das Risiko erhöhen. Dennoch kann man mit seinem Verhalten einiges beeinflussen, indem man die Umgebungsbedingungen seiner Neuronen optimiert. Das macht man, indem man sich genügend bewegt, also Sport macht, Giftstoffe wie Nikotin oder Alkohol vermeidet, sich gesund ernährt und eben sein Gehirn regelmässig fordert. Bis 45 oder 50 kann man mit seinem Körper einiges an Schindluderei treiben, ohne dass es bleibende Folgen hat, aber danach muss man unbedingt sorgfältiger mit ihm umgehen. Ein gezielteres Vorbeugen gegen Demenz gibt es heute nicht, weil wir schlicht noch zu wenig darüber wissen, wie die Krankheit funktioniert.

Nimmt die Zahl der Betroffenen im Gleichschritt mit der alternden Gesellschaft zu?

Genau. In der Schweiz haben wir im Moment 113 000 Demenzkranke, jedes Jahr kommen 25 000 neue hinzu. Bis 2050 rechnet man wegen der Überalterung der Gesellschaft mit einer Verdreifachung.

Welche Kosten kommen da auf uns zu?

Hohe. Derzeit sind es pro Jahr in der Schweiz 7 Milliarden Franken, die werden entsprechend steigen.

Monsch freut sich auf die Gedächtnistests in der Migros.
Monsch freut sich auf die Gedächtnistests in der Migros.

Wir nutzen nur zehn Prozent unseres geistigen Potenzials, wird gerne behauptet. Stimmt das?

Nein, das ist Unsinn. Klar kann man das Gehirn unterfordern, und unser Potenzial wäre individuell vielleicht grösser, als wir denken. Aber dass wir als Spezies unsere geistigen Möglichkeiten systematisch zu wenig nutzen und plötzlich zu wahnwitzigen Dingen fähig würden, wenn wir daran etwas änderten, das ist Science-Fiction.

Aber es gibt biologisch bedingt «bessere» und «weniger gute» Gehirne?

Ja. Und das hängt übrigens nicht mit der Grösse des Gehirns zusammen, sondern eher mit der Anzahl neuronaler Verbindungen.

Wie viel wissen wir eigentlich über unser Gehirn, wie viel ist noch unerforscht?

Ich würde sagen, wir sind auf guten Wegen. Vielleicht neigen wir ein bisschen zu sehr dazu, uns mit den Defiziten oder Krankheiten des Gehirns zu beschäftigen. Das macht es umso spannender, nun mit den aktuellen Tests bei der Migros mal auf die Gedächtnis-Champions zu fokussieren. Was haben die, das andere nicht haben? Aber es braucht auch Geduld, das Gehirn ist eines der komplexesten Untersuchungsobjekte überhaupt. Und es gibt noch immer viele unerforschte Aspekte.

Fotograf: Kostas Maros