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04. Februar 2013

Neun ganz üble Monate

Den meisten Schwangeren ist es ab und zu schlecht. Doch bei einigen Frauen nimmt die Übelkeit so extreme Formen an, dass sie im Spital behandelt werden müssen. Wie Herzogin Kate von England – und die Fricktalerin Andrea Claudia Braccini.

Schwangerschaftsübelkeit
Als sie ihre Buben im Arm hielt, war die schwere Schwangerschaft vergessen: Andrea Claudia Braccini mit Loris (vorne) und Lenny.

Noch heute wird Andrea Claudia Braccini halb schlecht, wenn sie nur daran denkt: Während beider Schwangerschaften litt die heute 37-Jährige so schwer an Übelkeit, dass ein Spitalaufenthalt nötig wurde. Deshalb konnte die Sachbearbeiterin aus Möhlin AG es auch gut nachfühlen, als Prinz Williams Frau Kate letzten Dezember wegen Schwangerschaftsübelkeit im Spital lag.

Dabei hatte sich Andrea Claudia Braccini zu Beginn ihrer ersten Schwangerschaft im Spätsommer 2004 noch gefreut, dass ihr nicht schlecht war. Als ihr in der fünften Schwangerschaftswoche erstmals übel wurde, dachte sie sich nichts dabei. «Doch dann wurde es immer schlimmer, mir war konstant schlecht, und mir wurde sogar übel, wenn ich mich nachts im Bett umdrehte.» Sämtliche Speisen und Getränke erbrach sie. Dazu verlor Andrea Claudia Braccini an Gewicht. «Ich konnte nichts mehr machen und lag nur noch herum. Nicht einmal fernsehen war möglich, weil mir sonst schwindlig wurde», sagt sie. «Da merkte ich, dass dies nicht normal ist.»

Als in der neunten Woche der Schwangerschaft das Blut bei der Blutabnahme kaum fliessen wollte, wies die Gynäkologin Andrea Claudia Braccini ins Spital ein, wo man sie eingehend untersuchte, an Infusionen hängte und ihr Medikamente gegen die Übelkeit verabreichte. Der mehrtägige Klinikaufenthalt brachte leichte Besserung.

Mit der Zeit vergrösserten sich die Abstände der Übelkeitsattacken, und ab dem fünften Monat war ihr in der Nacht nicht mehr schlecht. «Massiv besser wurde es Mitte des sechsten Monats», erinnert sich die Patientin. «Die Küche jedoch konnte ich bis zur Geburt wegen der Lebensmittelgerüche kaum betreten.» Sohn Loris kam am 15. April 2005 gesund zur Welt.

Übelkeit kann man nicht vorbeugen

Mit diesem heftigen Verlauf bildet Andrea Claudia Braccini die Ausnahme. Zu Beginn der Schwangerschaft leidet aber fast jede Frau tagsüber an Übelkeit und gelegentlich auch an Erbrechen. Vorbeugen lässt sich nicht, bekannte Auslöser oder Verstärker sind starke Gerüche, Lärm, Zigarettenrauch oder -geruch. Nach den ersten zwölf bis 16 Wochen verschwinden die Beschwerden in der Regel wieder. Nur selten halten sie während der ganzen Schwangerschaft an.

Gynäkologen empfehlen, kleine Mahlzeiten über den Tag zu verteilen und stark säurehaltige Getränke oder Früchte zu meiden. Auch unangenehm riechende Speisen sollten weggelassen werden. Gegen Schwangerschaftsübelkeit bewährt haben sich Ingwer sowie Akupressur am Handgelenk. Die extreme Übelkeit muss sich beim nächsten Kind nicht wiederholen: Das Risiko liegt bei 20 bis 30 Prozent.

Andrea Claudia Braccini hatte kein Glück. Während der zweiten Schwangerschaft wurde es noch schlimmer. Wieder war zu Beginn alles ruhig. Die Übelkeit kam in der siebten Schwangerschaftswoche und wurde zusehends heftiger, bis sie sich pro Tag zehn- bis zwölfmal übergeben musste. «Mein Mann feierte mit Loris alleine Silvester, weil mir dauernd schlecht war.» Sie habe überhaupt nichts mehr vertragen, habe nur noch ihre Ruhe gewollt.

Zur Erinnerung an ihre beiden Schwangerschaften hat Andrea Claudia Braccini ein Album erstellt.
Zur Erinnerung an ihre beiden Schwangerschaften hat Andrea Claudia Braccini ein Album erstellt.

In der zehnten Woche landete die Fricktalerin wieder im Spital, wo sie zehn Tage lang stationär behandelt werden musste. «Dort wurde auf viele Arten probiert, mir zu helfen», sagt die zweifache Mutter. «Aber es kam mir so vor, als ob die Übelkeit gar nie mehr aufhören würde.» Wirklich gebessert habe sich die konstante Übelkeit erst im fünften Monat. Schlecht war es Andrea Claudia Braccini aber während der gesamten neun Monate: «Mit der Zeit musste ich dann nur noch zwei- bis dreimal pro Woche erbrechen. Das war nicht mehr so schlimm.» Am 6. August 2008 wurde Lenny kerngesund geboren.

Kann sich Andrea Claudia Braccini nach dieser Marter vorstellen, noch ein drittes Kind zu bekommen? «Ja, weil es sich gleich verhält wie mit den Wehen: Wenn man das Baby schliesslich im Arm hält, vergisst man viele Unannehmlichkeiten», sagt sie. «Allerdings bekomme ich heute noch Schweissausbrüche, wenn mir schlecht ist. Ich fühle mich dann so ausgeliefert wie damals und habe Angst, die Übelkeit könnte wieder so lange anhalten.»

Autor: Lisa Basler

Fotograf: Vera Hartmann