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15. Juni 2015

Neues Leben in Preda

Der Albulatunnel ist das teuerste Bauprojekt in der Geschichte der Rhätischen Bahn. Zum zweiten Mal nach 100 Jahren wird Preda bei Bergün GR wieder stark wachsen. Und die Oberlis werden nicht mehr die einzigen Bewohner des Dorfes sein.

Preda, Hotel Preda Kulm, Familie Oberli
Normalerweise ist die Familie Oberli ziemlich allein in Preda, abgesehen von ein paar Ferienwohnungsbesitzern.

Ein kleines Kieswerk, abgetragene Hügel, diverse Baumaschinen, Büezer in orangen Arbeitskleidern, ein zweites Gleis, das vor einer Baustelle endet: In Preda GR oberhalb von Bergün sind die Vorbereitungen für den Neubau des Albulatunnels in vollem Gang. Diesen Herbst wird der Einstich in den Berg erfolgen, 2020 sollen die ersten Züge durch den neuen, knapp 5,9 Kilometer langen Tunnel zwischen den Bahnhöfen Preda und Spinas fahren.

Bauarbeiter in Preda
Die ersten Bauarbeiter sind vor dem Albulatunnel im Einsatz.

Mitten im Geschehen, am Albulapass, steht das Hotel Preda Kulm. Roland Oberli (37) hat das Zwei-Sterne-Haus mit 45 Betten vor einem halben Jahr von seinem Vater übernommen: «Ich lebe seit 37 Jahren hier. Zum ersten Mal hatten wir wegen der Baustelle keine Betriebsferien zwischen Ostern und Pfingsten.» Er bezeichnet sich als «Eingeborenen», als «letzten Mohikaner», weil heute nur noch vierMenschen permanent in Predawohnen: Oberli, in Preda aufgewachsen und hier zur Schule gegangen, seine Frau Jenny (26), die beiden Kinder Joline (4) und Nik (2). Das Hotel ist gleichzeitig das Zuhause der Familie. Jenny stammt aus dem deutschen Saarland. Sie wollte nach der Lehre Auslanderfahrungen sammeln und sah im Internet eine Stelle in Preda.«Mir gefällt es hier super. Ich liebe die Berge, die Aussicht und die unkomplizierte Art der Schweizer.»

Vor 30 Jahren zählte das Dorf noch rund zwei Dutzend Einwohner. «Die Einheimischen sind verstorben oder aus beruflichen Gründen weggezogen. Ich bin nach zehnjähriger Wanderschaft wieder zurückgekehrt, weil es hier abends ruhig wird und die Natur faszinierend ist», sagt Koch Oberli. Gelernt hat er im Sternen in Chur, danach sammelte er Erfahrungen im Mövenpick Regensdorf ZH, im Suvretta House St. Moritz GR, im Fravi Andeer GR, am Bodensee sowie im Waldegg Schnuggebock in Teufen AR.

Mit den Tunnelarbeitern kehrt nun wieder Leben ein in Preda, wo jährlich über eine Million Passagiere durch den Tunnel reist. Familie Oberli kann regelmässig gut 40 Mittagessen zubereiten. Gefragt ist die einfache Bündner Küche wie Gerstensuppe, Capuns, Pizokel, aber auch Alpen-Cordon-bleu oder Schnitzel paniert. Jetzt arbeiten sie zu dritt im Kulm. Roland Oberli kümmert sich um die Küche und Administratives, seine Frau ums Restaurant und die Zimmer. Im Service hilft die Stiefmutter aus. Ab Juli wird das Personal im Hotelrestaurant auf zehn Angestellte aus der Schweiz, aus Italien und Polen aufgestockt. Dann kommen weitere Arbeiter, die zusätzlich in dreistöckigen Holzbaracken übernachten, die in diesen Wochen aufgestellt werden. So entstehen 90 weitere Zimmer; ungefähr so viele, wie Tunnelarbeiter im Einsatz stehen werden.

Tunnelarbeiter in Spinas, 1903
Tunnelarbeiter und Ingenieure auf der anderen Seite des Tunnels in Spinas GR. 1903 wurde die erste Röhre durch den Berg getrieben; über 1300 Männer standen damals im Einsatz.

Im Vergleich mit dem historischen Albulatunnel zwischen Preda und Spinas mutet diese Zahl bescheiden an. Dieser wurde 1903 als damals höchster Alpendurchstich in Betrieb genommen und ist seit 2008 Teil des Unesco-Welterbes: Vor über 110 Jahren arbeiteten 1316 Männer an und im Tunnel, unzählige erlitten Verletzungen, die zur Invalidität führten, 21 verloren ihr Leben durch Explosionen oder herabfallendes Gestein (zusätzliche Information zur Röhre im Kästchen «Infoarena Albulatunnel»). Als gewaltige Wassermassen in den Tunnel eindrangen, stand die Baustelle ganze neun Monate still. Damals gab es in Preda noch Restaurants, Hotels, eine italienische Schule, ein Spital und, etwas abseits, eine Leichenkammer.

Die Bauarbeiten sind auch heute noch gefährlich

Samy Rusterholz
Samy Rusterholz kümmert sich um die Vorarbeiten und zieht schon bald von Preda zur nächsten Baustelle weiter.

Samy Rusterholz (24) hat bereits Quartier im Hotel Preda Kulm bezogen. Er arbeitet im Spezialtiefbau und macht Grossbohrpfähle für den neuen Tunnel. «Wir kümmern uns um den Einstich bei der Baustelle und bohren die Seiten», erklärt er. Viel mehr als arbeiten und schlafen liege im Moment nicht drin, sagt der Bauarbeiter aus Näfels GR. Nach getaner Arbeit in Preda erfahre er, wo sich die nächste Baustelle befindet. Schon in wenigen Tagen heisst es für ihn, Bohrgerät auseinandernehmen, verladen und zum nächsten Arbeitsort reisen.

Der Tunnelbau bleibt auch heute gefährlich, weil die Arbeiter eine geologisch schwierige Zone durchbrechen müssen. Nur wissen die Bauleiter nun dank historischen Dokumenten, was sie erwartet, wenn sie nur ein paar Meter neben dem bestehenden Alpendurchstich einen neuen Tunnel ausheben werden.

Oberbauleiter Gilbert Zimmermann
Oberbauleiter Gilbert Zimmermann ist bis 2022 mit der Baustelle in Preda beschäftigt.

Oberbauleiter Gilbert Zimmermann (35) ist bis 2022 in Preda beschäftigt, wenn sämtliche Arbeiten abgeschlossen sind. Er lebt mit seiner Partnerin in Trimmis GR zwischen Chur und Landquart und arbeitet wöchentlich ein- bis zweimal vor dem Tunnel. Als Angestellter der Rhätischen Bahn befindet sich sein Büro jedoch in Chur. «Obwohl er fast zehnmal kürzer sein wird als der Gotthardtunnel, ist der neueAlbulatunnel für die Rhätische Bahn dasgrösste Bauprojekt», sagt der in Winterthur ZH aufgewachsene Bauingenieur. Viele der ­Arbeiter stammen aus Italien und Österreich, Schweizer sind für diese Jobs nur wenige zu finden. «Wir sind ein Team, einer allein könnte das hier oben nicht stemmen.»

Zwischen September und Oktober treffen die Mineure in Preda ein; sie sprengen die Felsen. Da die Arbeit am Gotthard-Basistunnel bald abgeschlossen ist, steht nun auch genügend erfahrenes Personal zur Verfügung. Von ­Dezember bis Anfang März folgt eine Winterpause, weil die Passstrasse zwischen Preda und Bergün dann zum Schlittelparadies wird und deshalb laut Zimmermann «eine Intervention auf der Tunnelbaustelle nicht möglich wäre». Zudem funktionieren Kiesförderanlagen bei Minustemperaturen nicht.

Die Verantwortlichen in Preda müssen über 100 Auflagen der Denkmalpflege des Kantons Graubünden und des Bundes erfüllen – unter anderem auch, damit die Albulalinie auf der Unesco-Welterbeliste bleibt. Deshalb dient das anfallende Ausbruchmaterial als Rohstoff für die Beton- und Schotterproduktion. Sogar die Art der Steine fürs Tunnelportal ist vorgeschrieben. «Wir legen Wert auf Flora und Fauna und bauen sehr nachhaltig», sagt Zimmermann. So werden beispielsweise rund 20 Kreuzottern umgesiedelt. «Es macht uns Freude, diese Auflagen abzuarbeiten und den Einheimischen zu zeigen, wie wir Sorge zur Umwelt tragen.» Wenn die Arbeiten auf der grössten Baustelle der Rhätischen Bahn 2022 dann abgeschlossen sind, sei man deshalb doppelt stolz.

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Nicola Pitaro