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26. Mai 2014

Neues Leben dank neuer Niere

780 Patienten warteten 2005 auf eine Nierentransplantation. Thomas Hunziker hatte Glück: Seine beste Freundin Esther Maurer spendete ihm eine Niere.

Letzter Händedruck von Spenderin und Empfänger
12. Januar 2006, 7.10 Uhr: Der letzte Händedruck von Spenderin und Empfänger vor der Operation.

Unzählige Male musste Esther Maurer die Frage beantworten, warum sie sich einer Operation unterwerfe, obschon sie gesund sei. Unzählige Male wurde sie gefragt, warum sie ihre Gesundheit aufs Spiel setze. Ihren Entscheid zweifelte sie dennoch nie an.Am12. Januar 2006 spendete sie ihrem besten Freund Thomas Hunziker eine ihrer beiden gesunden Nieren. Damit hat sie ihm ein neues Leben geschenkt und ihn vor einer lebenslangen Dialyse bewahrt. Das Fest vor der Operation Zimmer D 21 des Universitätsspitals Zürich: Am Abend vor der Operation wird gefeiert. Thomas Hunzikers Frau Barbara Hunziker und Esther Maurers Lebenspartner Walter Felder bringen die geliebten Jasskarten von zu Hause mit und entkorken eine Flasche Amarone. In stilvollen Weingläsern stossen die vier Freunde auf das Gelingen der Operation an. Jassen ist eines ihrer grossen Hobbys, am liebsten spielen sie «Coiffeur», meistens Esther und Thomas gegen Barbara und Walter. Die Liebe zum Wein verbindet Esther Maurer und Thomas Hunziker nicht nur privat, sondern seit vielen Jahren auch geschäftlich. Bis im September betrieben sie gemeinsam eine kleine Weinhandlung an ihrem Wohnort Affoltern am Albis. Dort lernten sie streiten, die Fehler des andern akzeptieren, einander vergeben. «Wir erlebten uns in guten wie in schlechten Zeiten», sagt Esther Maurer. Inzwischen haben sie das Geschäft in die Garage beim Haus der Familie Hunziker verlagert – aus finanziellen Gründen. Bis um 23 Uhr sitzen sie zu viert im Spitalzimmer zusammen. Zum Abschied umarmt Babs die Spenderin und sagt: «Toi, toi, toi – und danke!» Sie selber kann ihrem Mann nicht helfen, weil ihre Blutgruppen nicht kompatibel sind. Der 49- jährigeThomas Hunziker leidet an Zystennieren, einer Erbkrankheit (siehe Kasten). Anstatt elf sind seine Nieren 30 Zentimeter lang.Anstatt 250 Gramm wiegen sie je fünf Kilo. Ihre Funktionstüchtigkeit ist auf zwölf Prozent gesunken. Fällt der Wert unter zehn Prozent, kann die Niere ihre lebenwichtigen Funktionen nicht mehr erfüllen. Daniela, die 16-jährige Tochter, hat die Krankheit geerbt. Die 18-jährige Martina hingegen hatte Glück. Der Moment des Abschieds habe sie «kurz durchgeschüttelt», sagt Esther Maurer.

Esther Maurer und Thomas Hunziker
Mit der S9 fahren Esther Maurer und Thomas Hunziker von Affoltern a. A. nach Zürich.

Angst vor der Operation hat die 47- Jährige zwar: «Ich fühle mich wie vor einer Schulprüfung.» Nachdem sie sich aber für eine Operation entschieden habe, halte sie weitere Diskussionen für müssig. Immerhin gibt sie zu, dass ihr vor den Schmerzen graut. Gross ist auch die Angst, dass alles umsonst sein könnte. Denn obwohl Esther Maurer im Oktober während zweier Tage im Universitätsspital untersucht wurde, gibt es keine Garantie, dass der Körper des Empfängers das Organ annimmt. Die Operation ist aber auch für Esther Maurer nicht ohne Risiko. Doch das steckt sie nüchtern mit der Bemerkung weg: «Es gibt schlimmere Todesarten, als nach der Operation nicht mehr zu erwachen. » Die Statistik zeigt: Auf 3300 Lebendnierenspenden kommt weltweit ein Todesfall. In der Schweiz ist bis heute aber noch kein Spender gestorben. Esther Maurer war mehrmals mit dem Tod konfrontiert. Ihr Vater starb an Krebs, ihre beste Freundin ebenfalls. Ihre Mutter, die schwer krank ist, pflegt sie seit vielen Jahren. Sie weiss, was es heisst, Menschen leiden zu sehen. Jetzt hat sie die Möglichkeit, das Leiden ihres besten Freundes zu lindern.
Trotzdem sagt sie: «Die Nierenspende war der schwierigste Entscheid meines Lebens.» 2006 ist das Jahr der grossen Veränderungen: Im letzten Herbst machte Walter Felder Esther Maurer in Venedig einen Heiratsantrag. Im Oktober werden sie in ihre gemeinsame Wohnung in Affoltern ziehen. Nun fehlt nur noch eine neue berufliche Herausforderung: Ende Jahr gab Esther Maurer ihren Teilzeitjob in einer Weinhandlung in Zug auf, nun denkt sie über mögliche neue Projekte im Weingeschäft nach.

6.50 Uhr: Noch 20 Minuten, bis Esther Maurer in den Operationssaal gefahren wird. Sie will reden, ist nervös. Sie erzählt Thomas Hunziker ihren Traum: «Ich verstiess gegen die Anweisungen der Ärzte, nach Mitternacht nichts mehr zu trinken und zu essen. Im Traum habe ich aber noch fünf Mal gefuttert! » Lautes Gelächter. 7.10 Uhr. Pünktlich erscheinen zwei Schwestern. Esther Maurer drückt die Hand von Thomas Hunziker. «Machs guet», flüstert er ihr zu.
8.30 Uhr: Die Operation beginnt. Markus Weber, Leiter des Nierentransplantationsprogramms, betritt den abgedunkelten Raum. Auf zwei Monitoren verfolgt er während der Operation jeden seiner Arbeitsschritte. Die Kamera steckt in einer von vier Öffnungen im Bauch von Esther Maurer. Durch die drei anderen führt Markus Weber mit langstieligen Instrumenten die Operation aus. Seit rund fünf Jahren wendet der Chirurg diese Schlüssellochmethode an, um eine Niere freizulegen. Mit einem Ultraschallmesser arbeitet er sich vor, löst den Dickdarm ab und die Nebenniere. Es riecht nach verbranntem Fleisch. Weber führt 30 bis 40 Nierentransplantationen jährlich durch. Inzwischen sind sie zur Routine geworden. Trotzdem sagt er: «Die Operation ist kein Spaziergang.»
9.30 Uhr: Weber gibt den Mitarbeitern das Zeichen, Thomas Hunziker für die Operation vorzubereiten: «In einer Stunde sind wir hier fertig.»

Im Frühling 2005 ging es Thomas Hunziker sehr schlecht. Zum ersten Mal sprachen Esther Maurer und er über eine Organspende. Bevor sie definitiv Ja sagte, klärte sie aber ab, ob ihre Blutgruppe mit derjenigen ihrer Kinder kompatibel ist. Dass sie es nicht ist, erleichterte den Entscheid. Über eine mögliche Organspende sprach sie zuerst nur mit ihrer Tochter Sabrina. «Solange etwas in mir rumort, spreche ich mit niemandem darüber. Auf die vielen Ratschläge kann ich verzichten», sagt Esther Maurer. Anhand einer Broschüre informierte sie sich über die Operation.
Dann weihte sie auch ihren Sohn Raphael in ihr Vorhaben ein. Er machte sich Sorgen um seine Mutter. «Weil ich dich gern habe, Mami, sage ich: Mach es nicht! Aber ich unterstütze dich natürlich trotzdem », sagte er. Ähnlich reagierte Esther Maurers Lebespartner Walter Felder, der damals erst seit kurzem ihr Freund war. Er war bestürzt. «Wie kann ein gesunder Mensch ein Organ weggeben, ohne zu wissen, ob er irgendwann darauf angewiesen sein wird? Ich weiss nicht, ob ich den Mut dazu aufbrächte», fasst Walter Felder heute seine Ängste und die vieler potenzieller Organspender in Worte. Vor allem Männer tun sich schwer damit: Zwei Drittel aller Lebendspenden stammen von Frauen. Bei den Empfängern ist das Verhältnis gerade umgekehrt.

10.15 Uhr: Esther Maurers Bauch ist acht Zentimeter weit geöffnet. Die rechte Hand des Chirurgen stösst zum Organ vor, das nur noch durch Harnleiter, Arterie und Vene mit dem Körper verbunden ist. Mit der freien Hand kappt er von aussen den Harnleiter, dann die Arterie und die Vene. Den Blick immer auf den Monitor geheftet.
10.30 Uhr: Die Niere ist freigelegt. Der Chirurg legt sie in eine Schale, spritzt Konservierungslösung darüber. Schliesslich landet die Niere in einer Art Kochtopf, der mit rund vier Grad kaltem Wasser gefüllt ist. Darin könnte man sie bis zu 48 Stunden aufbewahren. Doch schon in knapp zwei Stunden wird Markus Weber die gesunde, linke Niere von Esther Maurer unterhalb der rechten Zystenniere von Thomas Hunziker einführen.

Die kranken Nieren machen Thomas Hunziker das Leben schwer. Sie beeinträchtigen wegen ihrer Grösse auch die Atmung. Die Kräfte lassen nach, Vergesslichkeit plagt ihn. Täglich schluckt er neun Pillen. Knapp hält er bis zur Operation durch. Früher brachte Thomas Hunziker alles unter einen Hut: Job, Präsidium des Schulzweckverbandes Affoltern, sein Engagement für Esther Maurers Weinhandel, Gartenpflege und Familie. «Wenn er Zeit dafür fand, schlief er», kommentiert seine Frau. Meistens reichten ihm fünf Stunden. Doch der Körper macht nicht mehr mit. Sein Vollzeitpensum muss der Tiefbau- Werksekretär der Gemeindeverwaltung Bonstetten im Herbst 2005 auf 50 Prozent reduzieren. Nur eine Transplantation kann ihn vor der Dialyse, der Nierenersatztherapie, retten.

Regelmässig hat Thomas Hunziker nun mit dem Nierenspezialisten Andreas Serra am Universitätsspital Kontakt. Aus den vielen Gesprächen schliesst er, dass er am Tag der Operation auch seine Zystennieren los sein würde. Normalerweise werden bei einer Nierentransplantation die eigenen Nieren zwar nicht entfernt, bei Zystennieren oder Verdacht auf Infektionen hingegen schon. Noch am Tag vor der Operation schimpft Thomas Hunziker über seinen Bauch, der ihn aussehen lasse, als sei er im siebten Monat schwanger. Er sitzt zu Hause am Mittagstisch und verschlingt Blut- und Leberwürste. «Ich verstehe die Männer nicht, die einen Ranzen haben», kommentiert er. Im Spital, sechs Stunden später eröffnet ihm der Chirurg, dass er die Zystennieren erst in einer zweiten Operation in sechs Monaten herausnehmen würde. «In Ihrem Bauch hat es genug Platz für drei Nieren», erklärt Markus Weber den Entscheid, während er kurz auf den gewölbten Bauch drückt. Das Risiko möglicher Komplikationen sinke auf diese Weise markant. Thomas Hunziker muss leer schlucken. Noch 15 Stunden bis zur Operation: «Und ich habe mich so gefreut, die störenden Nieren und den Bauch loszuwerden. »Aber auch das kann ihn nicht aus der Fassung bringen. Denn wenn Hunziker eines ist, dann gelassen. Er schnappt sich sein Handy und ruft seine Frau an. «Du musst deinen Hausfreund früher nach Hause schicken», sagt er lachend, «ich bin schon in einer Woche wieder daheim.»

12.30 Uhr: Esther Maurer ist aus der Vollnarkose aufgewacht. Ihr ist übel. «Wie spät ist es?», fragt sie als Erstes. Nebenan im Operationssaal liegt Thomas Hunziker mit 15 Zentimeter weit geöffnetem Bauch. Das Bauchfell ist zur Seite gespreizt. Musik ertönt: Robbie Williams neue CD «Intensive Care». Der Chirurg näht gerade die Gefässe der Niere mit denen des Beckens zusammen und verbindet den Harnleiter der Spenderniere mit der Harnblase des Empfängers. «E suuberi Sach», kommentiert er den Verlauf der Operation.
13.35 Uhr: Der Patient wird auf die Intensivstation gerollt, wo er die nächsten 24 Stunden bleiben wird. Als Thomas Hunziker am Tag nach der Operation ins Zimmer D21 zügelt, streckt ihm Esther Maurer vom Nebenbett aus den Zeigfinger entgegen – die erste Berührung nach der geglückten Operation. Später wagen sie einen Spaziergang durch den Spitalkorridor. «Da habe ich sie zum ersten Mal umarmt», sagt Thomas Hunziker. Sieben Tage später, einen Tag nach Esther Maurer, kann Thomas Hunziker das Spital mit drei Nieren und trotz Schmerzen im Bauch verlassen. «Mir geht es gut», sagt er und schläft auf der Heimreise vor Erschöpfung ein. Warum hat es Esther Maurer, die keinen Spenderausweis auf sich trägt, getan? Eine Niere ist ein Geschenk auf Zeit: Ein Jahr nach dem Eingriff funktionieren noch 97 Prozent, nach 15 Jahren noch knapp die Hälfte. Um die Abstossung zu vermeiden, muss Thomas Hunziker Tabletten schlucken. Ein Leben lang. Esther Maurers Antwort kommt von Herzen: «Weil uns eine spezielle Beziehung verbindet und ich Thomas gern habe. Wir haben es zu viert sehr schön miteinander. Ich möchte, dass Thomas wieder wie früher ist, energiegeladen, unternehmungslustig, spontan. Deshalb würde ich es wieder tun.»

Spenderin Esther Hauser und Thomas Hunziker
Spenderin Esther Hauser und Thomas Hunziker im August 2006

DAS LEBEN IST KOSTBAR – BESONDERS DAS ZWEITE
Der zweite Artikel im Migros-Magazin vom 14. August 2006 (PDF)

Dieser Artikel wurde erstmals am 6. Februar 2006 publiziert.

Autor: Sabine Lüthi

Fotograf: Daniel Rihs