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06. Februar 2012

Neues Heim, neues Glück

Wenn Fremde zusammenziehen, um gemeinsam alt zu werden, fliegen bisweilen die Fetzen. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Wohngemeinschaft «in buona compagnia» stört das nicht. Die Bilanz nach einem halben Jahr im neuen Zuhause im dritten Teil der Migros-Magazin-Serie.

«in buona compagnia»
Marianne Fink (62): «Wir verstehen uns ausgesprochen gut.»

Schwellen- und stufenlos: Die wichtigsten Tipps und Links zum altersgerechten Bauen und Wohnen im Überblick.

Zum ersten Mal im Frühling letzten Jahres besuchten wir einige Mitglieder der Genossenschaft «in buona compagnia». Acht Frauen und Männer im Alter zwischen 50 und 74 Jahren, die sich zum Ziel gesetzt hatten, zusammen mit Gleichgesinnten alt zu werden. In zwei Mehrfamilienhäusern, welche die Genossenschafter zu ebendiesem Zweck im Dorfzentrum des bündnerischen Bonaduz erbauen liessen. Damals lebten die zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner noch in der ganzen Schweiz verteilt, aber ihre Wünsche und Hoffnungen ähnelten sich: Von der Lust, «zusammen mit anderen etwas auf die Beine zu stellen» war die Rede oder von der Angst, im Alter zu vereinsamen. Und die Idee, sich gegenseitig beizustehen, begeisterte alle.

Es knistert ab und zu im Gebälk der beiden Minergie-Häuser

Im Hochsommer letzten Jahres ist es endlich so weit: Zügelwagen fahren vor, Designmöbel, Erbstücke und allerlei Sportgeräte werden ausgeladen. Bereits auf Hilfe oder gar Pflege angewiesen ist niemand, der hier einzieht. Die Menschen, die wir kennenlernen, sind aktive, sportliche sogenannte Best Agers. Ein Teil ist weiterhin berufstätig, ein anderer seit Kurzem pensioniert. Für die meisten ist ihr neues Daheim im Moment vor allem idealer Ausgangspunkt für Wanderungen, Velotouren und den Besuch von kulturellen Anlässen. Nicht wenige haben ihre alte Wohnung behalten oder ihr ehemaliges Wohnhaus zum Feriendomizil gemacht. Gute Voraussetzungen für eine sanfte Landung im neuen gemeinschaftlichen Leben. Trotzdem knistert es ab und an gehörig im Gebälk der beiden Minergie-Häuser. Verantwortlichkeiten müssen geregelt, die neue Rolle des Vorstands definiert und das Zusammenleben organisiert werden: Wer bestimmt jetzt, was im Garten gepflanzt wird oder wer wann das Treppenhaus putzt? Ohne längere, auch einmal heftige Diskussionen klärt sich so etwas nicht. Überrascht hat das kaum jemanden. «Auseinandersetzungen gehören dazu», sagen die einen Bewohner. «Alles braucht seine Zeit», die anderen.

«in buona compagnia»
In den beiden Gebäuden des Wohnprojektes gibt es 26 Wohnungen für Paare und Singles ab 55.

Simone Gatti, Organisationsberaterin und Spezialistin für Wohnen im Alter, lächelt, wenn sie von den Reibereien hört. «Sobald die Häuser bezogen sind, müssen die Karten neu gemischt werden», sagt sie. «Diejenigen, die bisher alles geregelt haben, müssen loslassen und die anderen wagen, sich einzubringen.» Das seien anspruchsvolle Prozesse, die ihre Zeit bräuchten. Gatti begleitet als Beraterin mehrere Alterswohnprojekte und hat selber eines ins Leben gerufen. Besondere Voraussetzungen müsse man nicht mitbringen, wenn man in einem Alterswohnprojekt glücklich werden wolle. «Man muss wissen, wer man ist, was einem guttut, und Interesse an Menschen haben. Mehr braucht es nicht.» Glaubt man Gatti, werden bald überall in der Schweiz Wohnprojekte wie «in buona compagnia» entstehen. «Sie sind die Chance für die Babyboomer-generation, im Alter genügend Unterstützung zu bekommen. Die jetzigen Kapazitäten in der Alterspflege werden nicht ausreichen, und neue Altersheime wird man für uns nicht bauen, weil man sie nach uns nicht mehr brauchen wird», sagt die Wohnexpertin. Ins gleiche Horn bläst das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan), das voraussagt, dass die heutige Zahl von 125'000 Menschen, die jetzt auf Alterspflege angewiesen sind, sich bis 2030 verdoppeln könnte. «Betreutes Wohnen oder Alterswohngemeinschaften sind daher vielversprechende Zukunftsmodelle», folgern die Experten.

Für das mutige Grüpplein rund um «in buona compagnia»-Präsident Ruedi Jecklin ist das Zukunftsmodell bereits Gegenwart. Alle Träume werden in den beiden markanten Holzbauten mitten in Bonaduz wohl nicht wahr werden. Den Einzug ins Wohnprojekt bereut hat aber niemand. Im Gegenteil: «Es hat sich gelohnt. Wir sind glücklich hier», lautet der Tenor. Ob die Gemeinschaft auch dann trägt, wenn die ersten Bewohnerinnen und Bewohner auf Pflege angewiesen sind, wird sich zeigen müssen. Bis dahin bleibt hoffentlich noch viel Zeit, unbeschwert in «buona compagnia» — in guter Gemeinschaft — älter zu werden.

www.inbuonacompagnia.ch

Marianne Fink (62)

Wir verstehen uns ausgesprochen gut

«Ich wusste vor ein paar Monaten noch nicht, ob ich tatsächlich nach Bonaduz ziehen werde. Der asphaltierte Platz vor meiner Wohnung störte mich sehr. Doch der Vorstand hat meine Bedenken ernst genommen. Er hat den Asphalt abtragen lassen und die Grünfläche vor meiner Wohnung vergrössert. Ausserdem dürfen wir jetzt bei der Bepflanzung mitreden. Es ist ein gutes Gefühl, ein Mitspracherecht zu haben und ernst genommen zu werden. Da ich zurzeit noch als Ethnologin in Zürich arbeite, bin ich vorläufig nur an den Wochenenden und in den Ferien in Bonaduz. Kaum bin ich da, kommen die ersten SMS von Mitbewohnern. Kommst du zum Znacht? Wer hat Lust auf eine Wanderung? Vor allem wir alleinstehenden Frauen unternehmen viel gemeinsam. Wir haben ähnliche Interessen und verstehen uns sehr gut. Und auch mein Englischkurs, den ich ab nächstem Sommer im Haus anbieten möchte, stösst auf grosses Interesse.»

Anna Flury (51) und Klaus Sorgo (74)

Wir sind realistischer geworden

Anna Flury (51) und Klaus Sorgo (74).
Anna Flury (51) und Klaus Sorgo (74) haben sich in ihrer neuen Wohnung sofort wohlgefühlt.

Anna Flury Sorgo:«Es ist gut, hier zu sein. Wir haben uns in unserer neuen Wohnung sofort wohlgefühlt. Alle Möbel passten, und die Aussicht auf die Berge ist schlicht fantastisch. Ich bin manchmal fast ein bisschen neidisch auf meinen Mann. Während er hier bleiben kann, arbeite ich noch als Psychotherapeutin. Aus der Arbeitsgruppe Innere Organisation bin ich inzwischen wieder ausgetreten. Ich musste akzeptieren, dass ich mit meinem Arbeitspensum von 80 Prozent zu wenig freie Kapazität für ein solches Engagement habe. Das sind alles Prozesse, die dazugehören – nicht immer einfache, aber lehrreiche.»

Klaus Sorgo: «Als passionierter Berggänger bin ich hier in meinem Element. Bei schönem Wetter findet man mich oft auf einem der zahlreichen Berggipfel der Umgebung. Seit dem Umzug war ich nie mehr in Mönchaltorf ZH, wo wir vorher 17 Jahre gewohnt haben. Ein radikaler Schnitt also. Aber einer, den ich wieder machen würde. Vor dem Umzug hatte ich Angst, mich zu wenig abgrenzen zu können, wenn im Gemeinschaftsraum immer etwas laufen würde. Diese Gefahr bestand aber bisher noch nie. Viele, die hier eingezogen sind, nutzen ihre Freiheit und sind dementsprechend wenig zu Hause. Engere Kontakte pflegen wir vor allem zu unseren direkten Nachbarn. Ich glaube, ich bin realistischer geworden in meinen Erwartungen, und wahrscheinlich macht gerade das unsere Wohnbeziehungen langfristig tragfähig.»

Lany (60) und Giulio (65) Giovanoli

Alles braucht Zeit

Lany Giovanoli: «Rückblickend waren wir vielleicht ein wenig blauäugig. Ich bin davon ausgegangen, dass wir alle hier so viel Lebenserfahrung mitbringen, dass fast alles vernünftig gelöst werden kann. Dass es auch Menschen gibt, die ganz anders funktionieren, habe ich wohl etwas ausgeblendet. Dadurch, dass Giulio jetzt verantwortlich ist für die Technik und ich in der Baukommission bin, sind wir sehr ans Haus gebunden. Ich bin erst ein Mal auf einer kleinen Velotour gewesen, den Rest der Zeit sind wir in irgendeiner Form mit Arbeiten für «in buona compagnia» beschäftigt. Schlimm ist das nicht. Wenn wir es nicht tun, dann trifft es andere. Das ist eine Zeit lang okay, muss sich aber auch wieder ändern. Ich bin zuversichtlich. In einem Jahr sieht hier alles ganz anders aus, und wir leben hoffentlich noch viele Jahre hier.»

Lany (60) und Giulio (65) Giovanoli
Lany (60) und Giulio (65) Giovanoli sind zuversichtlich.

Giulio Giovanoli: «In einem solchen Projekt zu wohnen, bedeutet viel Arbeit. Für mich als Mann und Techniker jedenfalls. Es gibt keine Verwaltung, die man anrufen kann, wenn etwas nicht funktioniert, und es funktioniert im Moment noch einiges nicht. Das ist zwar normal in einem Neubau, aber hier ist halt nie so richtig klar, wer wofür zuständig ist. Im Moment bin ich tagsüber oft der einzige Mann im Haus, und so landet fast alles irgendwann bei mir. Darum habe ich bis jetzt wenig von der Umgebung gesehen, und die gemeinschaftlichen Aktivitäten im Haus gehen vorläufig noch ein wenig an mir vorbei. Das braucht halt alles seine Zeit. Wenn es mir zu viel wird, ziehe ich mich in unser Ferienhaus im Bergell zurück. Was nicht heisst, dass es mir in Bonaduz nicht gefällt. Ich bin sehr glücklich hier.»

Elisabeth Röllin (63)

Es hat sich gelohnt

«Ich kann es manchmal kaum fassen, dass ich erst so kurz hier wohne. Wenn ich länger als ein paar Tage weg bin, kriege ich schon Heimweh nach unserer neuen Gemeinschaft. Es läuft viel im Haus. Wir helfen uns gegenseitig beim Fensterputzen, gehen zusammen ins Kino und auf Wanderungen. Das macht sehr viel Spass.

Elisabeth Röllin
Elisabeth Röllin (63): «Der Umzug nach Bonaduz hat sich für mich auf allen Ebenen gelohnt.»

Weil ich begeisterte Jasserin bin und niemand im Haus jassen kann, werde ich möglichst bald einen Jasskurs anbieten. Daneben haben wir die Agio gegründet, die Arbeitsgemeinschaft interne Organisation, die ein Verbindungsglied zwischen Vorstand und Bewohnerschaft bilden soll. Dort bin ich Mitglied. Wir treffen uns monatlich zu einem Höck und versuchen, die verschiedenen Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner aufzunehmen und an der nachfolgenden Vorstands- oder Haussitzung einzubringen. Nicht immer versteht man sich auf Anhieb, deshalb ist Gesprächsbereitschaft etwas vom Wichtigsten. Auch wenn es viel Zeit in Anspruch nimmt, sind das alles Dinge, für die ich mich gerne engagiere. Das wird sehr geschätzt, und die Rückmeldungen zu unserer Arbeitsgruppe sind durchweg positiv. Das beflügelt!

Mein Fazit zum Umzug nach Bonaduz: Der Schritt brauchte Mut, hat sich aber für mich auf allen Ebenen gelohnt.»

Willy Moser (61)

Ich geniesse die Umgebung

Willy Moser
Willy Moser (61): «Ich geniesse die Umgebung».

«Mir gefällt es ausgesprochen gut in Bonaduz. Als ich kürzlich mit dem Wäschekorb aus der Waschküche kam, haben mir gleich mehrere Frauen Hilfe beim Bügeln angeboten. Da ich seit meiner Pensionierung bügelfreie Hemden kaufe, komme ich gut zurecht. Trotzdem ist es schön zu wissen, dass man von so vielen hilfsbereiten Menschen umgeben ist, auch weil meine Frau Doris (60, siehe Bild) viel Zeit in unserem Ferienhaus in Spanien verbringt. An Aktivitäten im Haus habe ich mich bis jetzt nicht gross beteiligt, aber das wird sich alles noch entwickeln. Ich geniesse jetzt erst einmal die vielen Möglichkeiten in der Umgebung, fahre viel Velo, genehmige mir ein Glas Wein in der Dorfbeiz. Als ehemaliger Hotelier helfe ich gerne. Aber auch so etwas muss man hier langsam angehen. Es gibt Vegetarier im Haus und solche, die nur biologisch essen, andere wiederum vertragen keine Milchprodukte. Da muss man halt improvisieren lernen. Schön sind die Gespräche im Treppenhaus, die spontanen Kontakte in der Nachbarschaft. Kürzlich hat mich mein Bruder, der seit vielen Jahren in Argentinien lebt, hier besucht. Er hat sich einige der frei stehenden Wohnungen im Haus angeschaut und gesagt, wenn er jemals in die Schweiz zurückkehren würde, dann nur an einen solchen Ort.»

Autor: Tanja Polli

Fotograf: Siggi Bucher