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11. August 2014

Neuer Wind im Swissminiatur

Demnächst übernimmt die dritte Generation das Swissminiatur in Melide. Und obwohl der neue Chef Joël Vuigner indische Wurzeln hat, soll die Schweiz im Kleinstformat zwar moderner, aber nicht weniger helvetisch werden.

Dominique und Joël Vuigner vom Swissminiatur
Generationenwechsel in der Mini-Schweiz: Seniorchef Dominique Vuigner übergibt an Sohn Joël.

Für Dominique Vuigner (61) aus Arogno TI am Luganersee sind 42 Jahre genug. So lange arbeitet er schon für das Swissminiatur in Melide, seit 1986 als Direktor. «Als mein Vater Pierre vor drei Jahren starb – er hatte das Swissminiatur 1959 eröffnet – habe ich plötzlich realisiert, dass das Leben endlich ist. Jetzt will ich mehr Zeit für meine Frau und mich haben. Nun müssen halt die Jungen mehr arbeiten.»

Die «Jungen», das sind sein indischstämmiger Adoptivsohn Joël Vuigner (30) und sein gleichaltriger Neffe Yannik Vuigner. Joël kümmert sich heute schon um Öffentlichkeitsarbeit und Marketing, Cousin Yannik um das Restaurant und die Parkanlage. Die beiden haben bereits als Kinder Touristen in Modellzügen herumgefahren, diese gereinigt und auf den Grünflächen gearbeitet.

In seinen ersten neun Monaten wuchs Joël in einem von Mutter Teresa gegründeten Waisenhaus in Mumbai auf und kam danach mit seinen Adoptiveltern ins Tessin. Er besuchte nach dem KV in Lugano eine Management-Schule in London, studierte Englisch im kanadischen Vancouver und lebte vier Monate in São Paulo, der grössten Stadt Brasiliens. Heute wohnt er mit seiner Partnerin in einer kleinen Wohnung – ebenfalls in Arogno und nur ein paar Kilometer von der Touristenattraktion entfernt.

«Wir müssen weiterhin die Schweiz repräsentieren»

Trotz seiner indischen Wurzeln und seines durch die vielen Reisen erweiterten Horizonts will Joël nichts davon wissen, die Attraktionen im Swissminiatur mit internationalen Sehenswürdigkeiten wie einem indischen Mini-Taj-Mahal anzureichern. «Wir müssen weiterhin die Schweiz repräsentieren», stellt er klar. Er selbst hat keinen Bezug zu Indien, plant aber, dieses Jahr erstmals auf den Subkontinent zurückzukehren. Aber nur aus geschäftlichen Gründen: Der indische Markt wird für das Swissminiatur immer wichtiger.

Die in die Jahre gekommene Anlage mit ihren 30 saisonalen Angestellten steht vor grossen Herausforderungen, sie sollte dringend modernisiert werden. Genau das hat Joël Vuigner auch vor: «Um mehr Touristen anzulocken, müssen wir den Park aufwerten.» In welche Richtung es gehen soll, zeigt eine diesjährige Neuerung: Erstmals ist es möglich, das Swissminiatur mit dem Handy interaktiv zu erleben.

«Ein dreidimensionaler Prospekt der Schweiz»: Im Swissminiatur stehen 120 bekannte Attraktionen.
«Ein dreidimensionaler Prospekt der Schweiz»: Im Swissminiatur stehen 120 bekannte Attraktionen.

Joël Vuigner liebt es, in Melide auf Augenhöhe mit dem Bundeshaus zu sein, dem Schloss Chillon oder den diversen Transportmitteln in der Schweiz. Weil der Stabwechsel von seinem Vater auf ihn und Cousin Yannik aber Schritt für Schritt erfolgen wird, entscheidet die dritte Generation erst nächstes Jahr über weitere Massnahmen zur Angebotserweiterung.

Nur noch 65 Prozent aller Besucher sind Schweizer

Von der Jungmannschaft erwartet Dominique Vuigner, dass sie nicht immer derselben Meinung ist wie er. «Ich brauche die Auseinandersetzung und erwarte neue Ideen.» Die Besucherzahlen und die Gästestruktur in Melide – das Swissminiatur zählt jährlich rund 200 000 Touristen – haben sich verändert. Heute stammen noch 65 Prozent der Besucher aus der Schweiz, und inzwischen schauen sich mehr Touristen aus China und Indien die Mini-Schweiz an als Gäste aus Italien. Letztes Jahr waren die Eintrittszahlen insgesamt rückläufig. «Viele Schweizer Rentner fliegen ins Ausland, sie haben Zeit und Geld. Wir leiden darunter, dass Flüge wie Mailand–Teneriffa nur noch 150 Euro kosten», nennt Dominique Vuigner die Gründe.

Trotzdem sei die Identifikation der Schweizer mit helvetischen Produkten wie dem Swissminiatur stärker als früher. «Bei uns steht übrigens ein Modell des Kongresszentrums von Lugano, das noch gar nicht fertiggestellt ist. Wir haben hier also die Zukunft schon ausgestellt», sagt Vuigner senior.

Ob mit seinem bevorstehenden Rückzug nach über 40 Jahren nicht Wehmut aufkommt? «Nein. Als ich 19 war, sagte mein Vater zu mir, es sei nun Zeit, im Freilichtmuseum Hand anzulegen. Nach all den Jahren bin ich ein wenig müde und nicht mehr so kreativ wie früher.» Früher habe er täglich von März bis Oktober gearbeitet. «Das Swissminiatur ist wie mein viertes Kind.» Vuigner hat drei Kinder, neben Joël auch zwei Töchter. Wie Joël wurden sie in Indien geboren und von den Vuigners adoptiert. Seine Frau habe das so entschieden, weil das Paar nicht sicher war, ob es mit eigenen Kindern klappen würde.

In seiner langen Karriere erlebte Dominique Vuigner Hochs und Tiefs. Bis 1973 reisten jeden Sonntag Dutzende Busse aus Italien an und kombinierten den Besuch des Schweizer Parks mit dem Einkauf von Zigaretten, Schokolade und Zucker. Als darauf die Lira dramatisch an Wert verlor, blieben die damals für Swissminiatur so wichtigen italienischen Touristen aus. Einen weiteren Meilenstein in der Geschichte der Touristenattraktion bildete die Eröffnung des Gotthard-Strassentunnels 1980; der Kanton Tessin und damit auch Melide profitierten vom Massentourismus aus dem Norden.

Von der Jungmannschaft erwartet Vuigner Widerspruch und neue Ideen.

Für den «Direttore» ist das Swissminiatur «ein dreidimensionaler Prospekt der Schweiz auf 14 000 Quadratmetern mit den 120 wichtigsten Gebäuden und Verkehrsmitteln im Massstab 1:25». Seine liebste Ecke im Swissminiatur sind die Berge, weil er seine ersten fünf Lebensjahre oberhalb von Sion VS verbrachte, dann zogen seine Eltern mit ihm nach Lugano.

Jetzt möchte er seine Erfahrungen im Betreiben von Miniaturanlagen weitergeben. Dominique Vuigner besuchte Projekte im aserbaidschanischen Baku, im irakischen Kurdistan, und er erhielt Anfragen aus Teheran und dem indischen Rajasthan. «In diesen Teilen der Erde habe ich Bauvorhaben gesehen, die man in der Schweiz nie realisieren könnte. Die Investitionen bestehen aus mindestens acht Nullen und benötigen viel Land. So etwas zu verwirklichen, ist ein grosser Traum von mir.»

Ein anderer Traum wurde bereits Wirklichkeit: Dominique Vuigner ist dank Joël Grossvater. Xavier ist zweieinhalb Jahre alt. Ganz der Familientradition verpflichtet, sagt Joël: «Mein Sohn hat das Swissminiatur bereits besucht und mag es. Irgendwann soll er meine Nachfolge antreten.» Die vierte Generation scheint gesichert.

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Claudio Bader