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08. Juni 2015

Neue Ideen für die Schweiz

Es ist Wahljahr – aber wissen die Politiker überhaupt, was das Volk möchte? Zwei Organisationen haben die Bevölkerung eingeladen, Vorschläge an die Politik zu formulieren. Unter den zehn Chancenreichsten wählen Gäste und Parlamentarier im Schloss Thun diese Woche einen aus, der den Parteien vorgelegt wird. Wir stellen die Finalisten und ihre Ideen vor. Was ist Ihr grösster Wunsch an die Politik? Nennen und begründen Sie ihn ganz kurz in einem Kommentar (unten)!

Das altehrwürdige Schloss Thun BE wird am 9. Juni zum Wunsch-Schloss: Zehn Schweizerinnen und Schweizer stellen dort vor grossem Publikum ihre Ideen für die Schweiz von morgen vor, ihre Wünsche an die Politik im Wahljahr. Hinter diesem Ideenwettbewerb stehen der Berner Unternehmer Jobst Wagner mit seiner Stiftung «StrategieDialog21» und Hans-Ulrich Müller, Präsident des Swiss Venture Clubs.
«Die Gesellschaft soll auf dem Schlossberg Thun eine Plattform bekommen, um innovative Ideen auszutauschen», sagt Müller.

Beide haben den Eindruck, dass Politik, Wirtschaft und Volk zunehmend auseinanderdriften, und wollen mit dieser Aktion ein wenig Gegensteuer geben. «Einige Abstimmungen der letzten Monate haben für Verunsicherung gesorgt», sagt Jobst Wagner. «Wir wollen mit dem Wunsch-Schloss in Diskussion mit der Bevölkerung positive, in die Zukunft gerichtete Ideen entwickeln.» Beide können sich vorstellen, künftig weitere solche Aktionen zu organisieren, wenn diese gut läuft.

Politik und Wirtschaft hätten sehr positiv auf die Initiative reagiert, sagen die Initianten. Und auch die Bevölkerung zeigte reges Interesse: 70 Personen aus elf Kantonen und allen Schichten haben sich am Wettbewerb beteiligt und auf 120 Seiten ihre Wünsche und Ideen eingereicht. Das Altersspektrum lag ­zwischen 23 und 81 Jahren, ­dar­unter waren allerdings nur 20 Prozent Frauen.

Eine siebenköpfige Jury, unter anderem mit Schriftsteller Lukas Bärfuss und der Präsidentin des Arbeitgeberverbands Uhrenindustrie, Elisabeth Zölch Bührer, wählte zehn Ideen aus, die nun im Schloss Thun dem Publikum präsentiert werden. Ihre Kriterien waren Originalität, Umsetzbarkeit, Nachhaltigkeit, Breitenwirkung und ­Relevanz. 150 Gäste und ein ­Politbeirat mit Parlamentariern aller Bundesratsparteien küren daraus am 9. Juni den Sieger oder die Siegerin. Er oder sie darf die Idee anschliessend persönlich den Generalsekretären der grossen Parteien unterbreiten.

Neue Akteure für die Politik?
Diese sind durchaus offen für solche Anregungen: «Kreative Ideen von Bürgern sind immer wertvoll», sagt Martin Baltisser, Generalsekretär der SVP. «Sie regen die Politik an, sich auch einmal vom Tagesgeschäft und ausgetretenen Pfaden zu lösen.» Und Samuel Lanz, sein Pendant bei der FDP, ergänzt: «Bürgerideen ermöglichen es, die Ketten der gedanklichen Verbohrtheit zu sprengen, und öffnen so Wege für neue Perspektiven. Das ist Teil des Erfolgsmodells Schweiz.»
Béatrice Wertli von der CVP hofft gar, dass über den Ideenwettbewerb «neue Akteure in die Politik kommen und mitmachen». Das Wunsch-Schloss zwinge den Parteien Bürgernähe auf, und «das ist notwendig». Schlicht «begeistert» ist Miriam Behrens, Generalsekretärin der Grünen. «Die Teilnehmenden haben sehr engagiert gearbeitet und viele gute Ideen entwickelt. Eine innovative Sache!»

Alle Parteien sind bereit, sich mit den Vorschlägen auseinanderzusetzen. Nina Zosso von der BDP betont, dass die eine oder andere Idee von ihrer Partei bereits thematisiert worden ist. Leyla Gül, Co-Generalsekretärin der SP, findet sogar viele der Vorschläge umsetzbar. «Am Anfang jedes politischen Vorstosses steht eine gute Idee! Und jede Art von Partizipation der Menschen in unserem Land ist gut und wichtig für die Demokratie.»

Das Migros-Magazin präsentiert hier exklusiv die zehn Finalistinnen und Finalisten mit ihren Ideen.

Arbeiten statt Sozialhilfe

Anita Bäumli (60) aus Zürich, Historikerin und Psychologin, Inhaberin der AAA Kommunikation für Team- und Organisationsentwicklung

Anita Bäumli (60)
Anita Bäumli (60)

Mein Wunsch: Wir etablieren landesweit 500 Sozialfirmen, seien es Neugründungen oder Umwandlungen bestehender KMU. Die Belegschaft besteht je zur Hälfte aus Menschen mit und ohne Leistungsbeeinträchtigung. Unter den Mitarbeitenden jeden Alters sind auch Migranten und Asylsuchende aus aller Herren Länder. Sie tragen nach einigen Jahren die Idee zurück in ihre Heimat und gründen dort Partnerunternehmen. In vier bis fünf Jahren werden so rund 20 000 neue Arbeitsplätze geschaffen und mindestens 10'000 Menschen nicht mehr von staatlicher Unterstützung abhängig sein. Eine andere Welt ist möglich, aber nur wenn möglichst viele das wollen und dafür arbeiten!

Freie Software als Motor für die Wirtschaft

André Kunz (39) aus Bern, Chief Communications Officer und Head of Open Source Solutions

André Kunz (39)
André Kunz (39)

Mein Wunsch: Mit Steuergeldern finanzierte Software sollte der Öffentlichkeit frei zur Verfügung stehen. So werden IT-Projekte in der Schweiz vom massiven Kostenfaktor zum neuen Motor der Wirtschaft. Quelloffene Software schafft Transparenz und fördert dank neuer Formen der Zusammenarbeit den Wettbewerb und die Innovation. Und sie schafft die nötige Unabhängigkeit sowie das Vertrauen in eine digitale Welt, die immer stärker unser Leben bestimmt. Kollaborative Softwareentwicklung auf der Basis von quelloffener Software gehört auf die politische und wirtschaftliche Agenda der Schweiz.

Migrations-Allianz mit erfolgreichen Kleinstaaten

Nicola Forster (30) aus Bern, Innovationsberater sowie Gründer und Präsident des Thinktanks ­«foraus – Forum Aussenpolitik»

Nicola Forster (30)
Nicola Forster (30)

Mein Wunsch: Wir wollen grenz­überschreitenden Erfolg! Meine Schweiz ist kein Freilichtmuseum, sondern das innovativste Land der Welt – dafür brauchen wir eine ­kluge Globalisierung der Migration. Damit niemand eine «Masseneinwanderung» befürchten muss, sollte die Schweiz gezielt Personenfreizügigkeiten mit erfolgreichen Kleinstaaten anstreben, die ebenfalls eine eher reiche und kleine Bevölkerung haben (etwa Israel, Singapur, Neuseeland). Daneben kann die Schweiz ein spezielles Unternehmervisum schaffen, um gezielt weltweit innovative Start-ups und Investoren anzulocken.

Duales Währungssystem

Hans Ryser (62) aus Murten FR, Betriebswirt, Unternehmer

Hans Ryser (62)
Hans Ryser (62)

Mein Wunsch: Ein duales Währungssystem Euro/Franken. So entsteht eine Schweiz, die für den Werkplatz attraktiv bleibt und trotzdem die Anziehungskraft als Finanzplatz nicht verliert. Dank des Euros legt unser Werkplatz die Nachteile der Frankenstärke ab, während die Kapitalwirtschaft den Franken behält und so vorhandenes Kapital und getätigte Investitionen schützt.

Eine neue, ehrliche Schweizer Bank

Jorge Frey (51) aus Erlenbach ZH, Betriebsökonom

Jorge Frey (51)
Jorge Frey (51)

Mein Wunsch: Eine Neue Schweizer Bank (NSB), die an die Tugenden von früher anknüpft und der ursprünglichen Funktion einer Bank wieder gerecht wird: transparent, fair, mit sozialverträglichem Lohnsystem, genossenschaftlich organisiert. Und vor allem ohne die Exzesse der angelsächsischen Finanzwelt. So kann ein erster Schritt gemacht werden, um das Schweizer Finanzdienstleistungsgeschäft zu reformieren. Wir sollten uns abheben von anderen Ländern und wieder zu einem Innovator werden.

Von der Steuer- zur Datenoase

Jonathan Hayes (37), Deutscher aus Zürich,Bankangestellter

Jonathan Hayes (37)
Jonathan Hayes (37)

Mein Wunsch: Von der Steuer- zur Datenoase – die Schweiz fördert die Ansiedlung von Webdienstleistungen. Die «Digital Economy» und die «Cloud» sind weltweit ein starker Trend. Gleichzeitig ist die Sorge um die Sicherheit persönlicher und geschäftlicher Daten gewachsen. Mit ihrer politischen Stabilität, guten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und ihrer Tradition des Schutzes der Privatsphäre ist die Schweiz hervorragend positioniert als «Datentresor» und Anbieter von Cloud Services. Sie braucht nun eine Strategie, um diese Stärke auszuspielen.

Betreuung mit Zeitgutschrift

Susanna Fassbind (72) aus Zug, Nachhaltigkeitsfachfrau

Susanna Fassbind
Susanna Fassbind

Mein Wunsch: Wer Senioren oder Menschen in Notsituationen bei der Bewältigung des Alltags hilft, erhält die dafür aufgewendete Zeit gutgeschrieben. Später können die Helfenden diese erarbeitete Zeit selbst in Anspruch nehmen, falls dies nötig wird. Der Dachverein Kiss (keep it small and simple, www.kiss-zeit.ch ) hat dieses Modell entwickelt, um einen Beitrag für eine einfache und faire Lastenverteilung zwischen den Generationen zu leisten. Nun hoffen wir, dass sich diese Idee im ganzen Land verbreitet.

Stiftungen zur globalen Förderung des lokalen Handwerks

Urs Maurer (69) aus Zürich, Schulraumentwickler (Architekt/Raumplaner), Erwachsenenbildner, Sportlehrer

Urs Maurer (69)
Urs Maurer (69)

Mein Wunsch: Die Unternehmen der Schweizer Wirtschaft schenken einen prozentualen Anteil ihres Gewinns für selbst gewählte Projekte, Stiftungen oder Patenschaften im In- und Ausland. Diese gemeinwohlorientierten Stiftungen fokussieren auf das Handwerk, entfalten global eine friedensfördernde Wirkung und tragen auch dazu bei, die Flüchtlingsströme zu bremsen. Unter der Bezeichnung «Craft Movement» fördern wir weltweit lokales Handwerk und lokal betriebene, traditionelle Landwirtschaft, um vor Ort dem unsäglichen menschlichen Leid entgegenzuwirken. Ich wünsche mir eine Schweiz, die erkennt, dass die wichtigsten Grenzen unserer sozialen und wirtschaftlichen Systeme längst nicht mehr die Landesgrenzen sind; eine Schweiz, die sich bewusst wird, dass das, was wir in der Schweiz zu viel haben, andere zu wenig haben. In meiner Heimat von morgen sind alle stolz darauf, dass sie in einem Land leben dürfen, das bei den drängenden globalen Friedensauf­gaben mit gutem Beispiel vorangeht.

Jugend an die Macht!

Jerónimo Calderón (31), schweizerisch-bolivianischer Doppelbürger aus Genf, Jungunternehmer und Chief Inspiration Officer der Non-Profit-Organisation Euforia.org

Jerónimo Calderón (31)
Jerónimo Calderón (31)

Mein Wunsch: Jugendliche sollten als vollwertige Mitglieder in Geschäftsleitungen, Vorständen und Verwaltungsräten sitzen. Sie sind nicht nur die Entscheidungsträger von morgen, sie sind vor allem die Akteure der Gegenwart! Ich wünsche mir, dass die Schweizer Politik, Gesellschaft und Wirtschaft einen echten Generationendialog wagen und das Innovationspotenzial der jungen Generationen voll ausschöpfen, statt sie nur als naiv und unerfahren zu belächeln. Es entstehen ­aussergewöhnliche Resultate, wenn Jung und Alt, Idealist und Zyniker, Studentin und Manager zusammenkommen, um gemeinsam Ideen zu entwickeln.

Fachkräftepotenzial 45+ stärken

Germar Dietz, aus dem Kanton Bern, Diplomingenieur, Sales Director

Germar Dietz
Germar Dietz

Mein Wunsch: Stärkung der Schweizer Wirtschaft durch gezielte Massnahmen zur Beschäftigung von Arbeitnehmenden ab 45. Durch flexible Arbeitsmodelle, Weiterbildungen und pragmatische gesetzliche Rahmenbedingungen sollen Anreize für Arbeitgebende und Arbeitnehmende geschaffen werden. Zudem soll eine Informationskampagne die hohe Leistungsfähigkeit von älteren Mitarbeitenden anhand wissenschaftlicher Studien nachweisen. Das wäre nicht nur eine ­Initiative gegen die Altersdiskriminierung – der Fachkräftemangel, die demo­grafischen Veränderungen und die Masseneinwanderungs-Initiative machen es nötig, das Potenzial inländischer Arbeitnehmender besser zu nutzen.

www.wunsch-schloss.ch
www.Strategiedialog21.ch
www.swiss-venture-club.ch

MEIN GRÖSSTER WUNSCH ...
... an die Schweizer Politik ist:

Autor: Ralf Kaminski