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30. Januar 2012

Neuanfang ‒ gemeinsam statt einsam

In den Häusern des Wohnprojekts «in buona compagnia» wollen rund zwei Dutzend Menschen gemeinsam alt werden. Vor dem Umzug mussten sie sich aber von einem grossen Teil ihrer Habseligkeiten verabschieden. Das war nicht ganz einfach. Teil 2 unserer Serie über das Experiment von Bonaduz.

Lany und Giulio Giovanoli
Lany und Giulio Giovanoli in der neuen Wohnung: Wohin mit dem grauen Sofa?

Es regnet in Strömen an diesem Freitag Anfang August. Der Lastwagen mit den Möbeln von Lany und Giulio Giovanoli ist eben auf den Vorplatz des Wohnprojekts «in buona compagnia» gefahren. Vor ein paar Monaten haben sich die 60-jährige Laborantin und der 65-jährige pensionierte Servicetechniker entschieden, ihr verwinkeltes Haus im Bergeller Bergdorf Promontogno zu verlassen und nach Bonaduz, in eine Wohnung der Genossenschaft Wohnen 55+ zu ziehen. Lany hatte sich in die Idee, zusammen mit Gleichgesinnten alt zu werden, verliebt. Ihr Mann liess sich überzeugen, dass die grosszügige Dachwohnung mit direktem Liftzugang im Alter praktischer ist als sein Elternhaus mit den steilen Treppen. Nun stehen die gebürtige Holländerin und das Bergeller Urgestein im gelbgrün gestrichenen Eingang ihres neuen Daheims und versuchen erfolglos, ihr graues Ledersofa in den Lift zu hieven. Die Zügelmänner übernehmen. Zeit für eine kleine Verschnaufpause.

«Es ist wie heimkommen», schwärmt Lany Giovanoli, nachdem mehrere ihrer neuen Nachbarn auf einen Schwatz vorbeigeschaut haben. Giulio Giovanoli zögert: «Ja, ja», sagt er dann. Das Wochenende, verrät er später, werde er wieder im Bergell verbringen. In seinem Elternhaus. Es wird ihnen als Feriendomizil erhalten bleiben.

«Wohin damit?», fragt einer der Mitarbeiter des Zügelunternehmens, eine kleine Kommode tragend. Der Platz in der Neubauwohnung wird langsam knapp. «Ich habe doch gar nicht so viel mitgenommen», sagt Lany Giovanoli. Sie habe vor dem Umzug vieles verschenkt, Materielles bedeute ihr nicht viel. Und dann taucht doch noch ein Erbstück auf, eine alte Goldkette der Grossmutter. Und auch ein roter Holzstuhl aus der Zeit, als die Kinder noch klein waren, musste mit.

Lany Giovanoli konnte ihren Giulio von den Vorzügen der Dachwohnung in Bonaduz überzeugen. Sein Elternhaus im Bergell bleibt als Feriendomizil erhalten.

Ein Umzug in eine altersgerechte Wohnung bedeutet fast immer, sich von Möbeln und Erinnerungen trennen zu müssen. Viele Entrümpelungsexperten sehen darin die Chance, unnötigen Ballast abzuwerfen und sich zu befreien. So rät zum Beispiel Rita Pohle, Autorin des Buchs «Weg damit! Entrümpeln befreit», sich zu jedem Gegenstand, der in die Zügelkiste soll, folgende drei Fragen zu stellen: Brauche ich dich wirklich? Erleichterst du mein Leben? Machst du mich glücklich? Dreimal Nein bedeute, dass der Gegenstand überflüssig sei. Gut gemeint, aber für viele Menschen ein schmerzhafter Prozess. Die Sozialpädagogin Claudia Keller begleitet mit ihrer Firma Umzugshilfe für Betagte täglich ältere Menschen beim Schritt ins Altersheim. Ein wichtiges Arbeitsinstrument dabei sind Pläne. «Wer schwarz auf weiss sieht, was Platz hat und was nicht, tut sich mit der Trennung leichter», sagt Keller.

Sie lässt ihren Kundinnen und Kunden wenn immer möglich genügend Zeit, um sich von den Dingen, die am neuen Ort keinen Platz mehr haben, zu trennen. «Am besten, man findet für die Sachen, die einem am Herzen liegen, einen guten Platz», sagt Keller. «Wenn sich die liebe Nachbarin über ein Bild freut oder die Enkelin über einen Schal, macht das Entrümpeln plötzlich Freude. Wenn wir ehrlich sind», sagt sie, «horten wir doch alle viel mehr, als wir zum Leben brauchen.»

Das graue Ledersofa steht inzwischen im Wohn-Ess-Bereich der Wohnung Giovanoli. Einer der Zügelmänner dreht sich um und sagt: «Schreiben Sie das: Solche Projekte sollte es viel mehr geben. Dann wären die alten Leute nicht alleine und die grossen Wohnungen würden frei für junge Familien.»

Lesen Sie in der nächsten Folge: Wie haben sich die Bewohner in Bonaduz eingelebt?

www.inbuonacompagnia.ch

Autor: Tanja Polli

Fotograf: Siggi Bucher