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01. Oktober 2012

Netzwerker, Werber, Exhibitionisten und Erfinder

Für die Generation der bis 35-Jährigen ist ein Leben ohne Facebook und andere Social Medias nicht mehr denkbar, für viele ältere auch. Doch was motiviert sie alle? migrosmagazin.ch stellt vier Typen vor – zu welchem zählen Sie?

1. Der Netzwerker

Sie oder er sieht speziell Facebook recht nüchtern als einen bequemen Kanal, um unkompliziert mit guten Arbeitskontakten, Freunden, Familienangehörigen und anderen zu kommunizieren. Das Instrument ist schnell und billig, sprich: für alle Arten von Nachrichten, Infos, Terminvereinbarungen und Chats schlicht gratis. Muss man nicht die Stimme hören und etwas Persönliches besprechen also genau das Richtige. Der Netzwerker kennt etliche, aber üblicherweise ihm wirklich bekannte Personen als 'Freunde' und trifft sich mit vielen auch mal real. Selten ersetzt ihm die virtuelle Welt reale Kontakte, und er passt durchaus auf, was er für alle oder für wen genau einzusehen an seine Pinnwand 'postet'. Meist nutzt er einen Kanal eher für die Arbeit, einen anderen privat. Oder er trennt die Empfängergruppen in seinem Profil konsequent und passt seine Verlautbarungen dem Zielpublikum an.

2. Der Werber

Wie der Netzwerker sieht auch der PR-Spezialist in eigener Sache die Social Media-Welt eher analytisch, würde sie aber kaum missen wollen. Mehr als der erste sieht er in ihr aber zuallererst einen oder mehrere Kanäle, um sich in der Karriere oder durchaus nicht ohne Leistungsgedanken in einem Hobby zu positionieren, bei Zielgruppen (pardon: 'Peer Groups'!) bekannt zu machen und zu punkten. Facebook ist dabei mehr ein breites Streu-Element, eher wichtiger sind Xing, spezifische Universitäts- oder andere Plattformen. Denn die sind ja häufig bereits schön sortiert nach Zielgruppen zu nutzen. Klar, dass es alles andere als Nebensache ist, viel hierarchisch und sozial (noch) besser Gestellte als 'Friends' oder Followers' zu haben, und dass im eigenen Karriereprofil neben der sorgsam rückverfolgbaren Karriere auch keine Unterstützung oder gar ein Praktikum in einem sympathischen anderen Berufsfeld fehlen soll; am besten in einer bekannten Nichtregierungsorgansiation für Nachhaltigkeit, allenfalls auch für soziale Ziele oder etwa Menschenrechte.

3. Der Exhibitionist

Ihm geht es nicht speziell ums Vorankommen im Job oder sonstwo, er will teilen. In erster Linie: sich mitteilen. Sein unangefochtenes Mittel ist Facebook, zumindest noch für eine Weile. Sicher verfolgt ('liken' und kommentieren) er bisweilen auch witzige Erlebnisse, Bekenntnisse und Aperçus von Freunden. Vor allem aber redet, berichtet und zeigt er natürlich gerne was von sich. Seine Ferien in Bildern, wobei sich kitschige Sonnenuntergangsbildchen und übliche Touristenschnappschüsse mischen mit vielen Bildchen von ihm (oder ihr) selbst am Strand, beim sich räkeln, Sport treiben uvm. Seine meist spontanen Kommentare zum Weltgeschehen (auch Sport, Mode, Events, Kultur) sind fast legendär und nehmen Überschwemmungs-Umfang an, wenn sie/er in Form ist. Selbstverständlich zeigt man auch immer an, wo man sich befindet und was man gerade so erlebt. Gehört man nicht zu seinen besten Freunden, fragt man sich mitunter, ob gewisse Einträge wirklich auch für einen gedacht sind. Aber aus seiner Warte ist das nicht der Punkt: Er kommuniziert mit seinen besten Freunden in enger Weise – und wer es noch nicht ist, soll oder kann es ja gerade durchs Verfolgen noch werden.

4. Der Erfinder

Hier handelt es sich um eine eher kleine Minderheit der Social-Media-Nutzer, aber um eine überaus aktive und kreative. Sie pflegen nicht primär Kommunikation im Interesse ihres wahren Lebens, wahrer Bekannte usw. oder dann haben sie dafür ein weniger intensiv genutztes zweites Profil. Sie erfinden sich mehr oder weniger umfrangreich ein künstliches Ich, das es so nur in der virtuellen Welt gibt. Dieses zeigt Aktivitäten, Bilder (natürlich schon das Profilbild!) und Kommentare, die zu einer virtuellen Person gehören, die vielleicht durchaus mit dem echten Mensch was zu tun hat, aber mit ihm nicht identisch ist. Im Idealfall wird das virtuelle Ich Kult, schafft sich unzählige Freunde, vielleicht sogar Chancen für profitable Aktivitäten. Der echte Mensch verhält sich dazu wie der Autor zu einer Roman- oder der Regisseur zu einer Filmfigur.


UND SIE?
Was bringt Sie zur regelmässigen Nutzung von Facebook, Twitter oder anderen Social Media-Kanälen?
Gehören Sie zu einem der vier Typen, oder kennen Sie noch ganz andere Beweggründe?
Verraten Sie Ihre Motivation in einem Kommentar.

Autor: Reto Meisser