Archiv
10. März 2014

Nervensäge

Wenn kleinen Lieblingen Teufelshörner wachsen
Wenn den kleinen Lieblingen Teufelshörner wachsen... (Bild: Getty Images)

Ich habe die Annonce bereits 73 Mal aufs Ricardo gestellt oder bei Ebay veröffentlicht. – Selbstverständlich immer nur in Gedanken.
Obwohl es mich mindestens einmal pro Tag in den Fingern juckt. Es wäre so einfach: Zum Versteigerungsportal surfen, Rubrik «Kleingemüse» auswählen, Anzeige verfassen, bestätigen. Aber nein, besser nicht. Das würde nur Ärger mit der Elternpolizei geben. Die finden es nicht lässig, wenn eine entnervte Mama ihre Dreijährige im Internet versteigert. Obwohl ja mein Eva-Annoncentext wirklich gelungen ist. Finde ich zumindest. Gucken Sie mal:

«Charakterstarkes Kind, dreieinhalb Jahre alt, durchgeimpft und stubenrein, isst alles, was auf den Tisch kommt (vorausgesetzt es ist weder Fisch noch Fleisch noch Brot noch Käse noch Gemüse noch Salat und vor allem keine Kräuter), schläft gerne allein, wenn jemand bei ihm ist. Umständehalber aus Gründen der mütterlichen Psychohygiene für ein, zwei Tage zu verleihen. Mit 100-prozentiger Rücknahmegarantie.»

Hätte ich noch schreiben sollen, dass unser Nesthäkchen immer gerne brüllt, wenn etwas nicht nach seinem Kopf geht?

Kurzum: Eva sägt an meinen Nerven – ritsche-ratsche-ritsche-ratsche. Und das schon seit vielen Monaten. Am Anfang nannten wir es völlig gelassen «Trotzphase». Was total untertrieben war. «Trotzjahr» trifft es eher.
Im Prinzip geht es bei unseren Mutter-Tochter-Disputen immer um dieselbe Frage: «Wer ist hier der Boss?» Ich würde ja meinen: ich. An dieser Stelle schüttelt meine Dreijährige jeweils ihr Köpfchen und tippt sich mit ihrem kleinen Zeigefinger auf den Bauch.

Neulich, mein Nervenkostüm flatterte nach einem Machtkampf mit Eva mal wieder wie eine Gebetsfahne im Wind, rief ich meine Mutter an. Das machen wir Töchter manchmal, wenn wir nicht mehr weiter wissen. Jedenfalls jammerte ich ihr minutenlang die Ohren voll. Statt mich aufzupäppeln, hatte meine Mama aber nur zwei trockene Bemerkungen für mich parat:

1. Sei doch froh, dass Eva so ist, wie sie ist, denn: Kinder, die sehr genau wissen, was sie wollen, gehen später nicht vor die Hunde.
2. Es klingt so, als hätte Eva noch viel von deiner Schwester an sich.

Hilfe! Plötzlich waren alle Erinnerungen wieder da: 80er-Jahre, Einfamilienhaus, grosses vernünftiges Kind, kleiner Satansbraten. Ich fühlte mich schon viel besser. Im Vergleich zu meiner (heute heiss geliebten) Schwester ist Eva ein Engelchen. Diese kleinen Hörnchen rechts und links auf ihrer Stirn sind sicherlich nur Mückenstiche.

Autor: Bettina Leinenbach