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22. April 2013

Neiddebatte oder fairer Ausgleich?

Geschichtsprofessor Jakob Tanner äussert sich zur Frage, ob Reiche sich zu Recht beklagen, ins Fadenkreuz der Politik geraten zu sein, sowie über die Eigenverantwortung heutiger Unternehmer oder das (absehbare?) Ende der Finanzkrise.

Jakob Tanner
«Es bleiben viele strukturelle Probleme, nicht nur staatliche, sondern vor allem auch wirtschaftliche. Eine rasche Erholung ist nicht in Sicht.»

Wirtschaftshistoriker Jakob Tanner über …

… den Vorwurf, mit Abzocker- und 1:12-Initiative werde «Klassenkampf» betrieben

Bürgerliche und wirtschaftsnahe Kreise sprechen von «Klassenkampf» und «Neid-Debatte». Und es ist ja tatsächlich so, dass die Reichen auch ihre Vorteile für die Gesamtgesellschaft haben: Sie zahlen sehr viele Steuern, sie spenden, ihre Unternehmen schaffen im Idealfall Jobs, sie tragen zum Wohlstand bei.

Schon. Im internationalen Vergleich steht die Schweiz noch immer sehr gut da. Auch jene, die nur «normal» verdienen, sind weit besser gestellt als die meisten der über sieben Milliarden Menschen, die auf unserem Planeten wohnen. Es gehört aber zu den Eigenheiten einer Demokratie, dass sie immer auch die Verteilungsfrage nach innen und, was es zu fördern gilt, nach aussen stellt.
Ganz anders die «Neid-Debatte»: Dieses Stichwort wird eingesetzt, um die Frage sozialer Ungleichheit zu psychologisieren, d.h. zu entpolitisieren. Im Extremfall wird das Streben nach Fortschritten bei den Menschenrechten seit der Aufklärung auf Neidgefühle zurückgeführt. Eine solche Haltung fördert in der Politik aber nur das Unverständnis für Probleme sozialer Ungleichheit, auf die dann nicht mehr angemessen reagiert werden kann. Sie ist Ausdruck eines bürgerlichen Klassenkampfs von oben, wie er in der Geschichte der modernen Schweiz immer wieder zu beobachten war.

… Unternehmer, die heute das Geschäftsrisiko nicht mehr selber tragen müssen

Wirtschaftstheoretiker Jakob Tanner
Wirtschaftstheoretiker Jakob Tanner

Früher rettete man Unternehmen nicht, man liess sie tatsächlich untergehen.

Ja, wenn früher ein Unternehmen bankrott ging, schlug das nicht nur auf die Angestellten, sondern auch voll auf Besitzer und Manager durch. Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler zum Beispiel machte im Ersten Weltkrieg Geschäfte für die schweizerische Landesversorgung. Als der Krieg rascher als erwartet zu Ende ging, blieb er auf seinen Lagern sitzen. Um einen Bankrott zu vermeiden, verkaufte er seine Villa. Er stand quasi auf der Strasse und wanderte für einige Jahre nach Brasilien aus – zum Glück! Sonst hätte es die Migros vermutlich nie gegeben, die nämlich war seine nächste Geschäftsidee. Der Kapitalismus beruht historisch auf einer Kopplung von Risiko und Haftung. Die Aktiengesellschaften, die seit Ende des 19. Jahrhunderts einen Boom erlebten, schotteten zwar das Privat- vom Geschäftsvermögen ab. Aber die Investoren, welche die Firmen häufig selber führten, trugen das volle Risiko. Das gilt heute nicht mehr.

Weshalb?

Seit Ende des 20. Jahrhunderts wird die Schweizer Firmenwelt nach angelsächsischem Muster umgekrempelt. In der Zeit vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende des Kalten Krieges 1989/91 gab es so etwas wie eine wirtschaftliche Festung Schweiz. Diese bestand aus soliden, aktienrechtlich gut geschützten Schweizer Unternehmen mit riesigen stillen Reserven und betrieblichen Sozialeinrichtungen. Diese wurden nun zunehmend nach dem Shareholder-Value-Prinzip umgebaut und internationalisiert. Im Zeitfenster dieser grundlegenden Veränderung konnte man mit dem Ausverkauf von helvetischen Industrieflaggschiffen so richtig reich werden. Martin Ebner und Christoph Blocher haben das vorgemacht. Mit dem «Gang zur Börse» und fortgesetzten Firmenfusionen erlebten viele Aktienbesitzer ein goldenes Zeitalter. Die Kursentwicklung war in vielen Fällen gerade dann gut, wenn Kosten eingespart, sprich Entlassungen vorgenommen wurden. Die Börsenkapitalisierung stieg in der Schweiz zwischen 1980 und 2005 von 76 Milliarden auf 1240 Milliarden Franken an. Ein paar Finanzunternehmen wurden dabei sehr gross. So gross, dass ein allfälliger Kollaps systemgefährdend wäre. Deshalb wurde jetzt in der Krise das Risiko an die Allgemeinheit ausgelagert.

… die Finanzkrise, die einfach nicht enden will

Die grosse Krise dauert jetzt schon gut fünf Jahre und flackert immer wieder neu auf, wenn man gerade dachte, jetzt sei es dann überstanden. Was ist da los? Und wie lange dauert das noch?

Krisen gehören zum Kapitalismus. Die aktuelle Krise ist gravierender als die letzten. Man kann sie durchaus mit der grossen Depression der 1930er-Jahre vergleichen. Die zahlreichen Notprogramme und Rettungspakete von Staaten und Notenbanken haben jedoch eine «Kernschmelze» des internationalen Finanzsystems verhindern können. Doch es bleiben viele strukturelle Probleme, nicht nur staatliche, sondern vor allem auch wirtschaftliche. Eine rasche Erholung ist nicht in Sicht.

Fotograf: Andreas Eggenberger