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22. August 2016

Negativzinsen für Privatkunden sind kein Tabu mehr

Die Banken kratzen an einem Tabu und diskutieren derzeit über Negativzinsen für Privatkunden. Migros-Bank-Chef Harald Nedwed erklärt im Interview die Hintergründe und gibt Entwarnung für Kleinsparer.

Noch ist das Geld von Kleinsparern besser auf der Bank aufgehoben als unter dem Kopfkissen.

Was die Alternative Bank Schweiz bereits tut, könnten auch andere Banken bald in die Praxis umsetzen: Sie gibt seit Anfang des Jahres die Negativzinsen der Schweizerischen Nationalbank (SNB) an Privatkunden weiter. Bereits heute wälzen grössere Schweizer Banken die Negativzinsen teilweise auf ihre Unternehmenskunden ab.

Die SNB erhebt seit Januar 2015 einen Negativzins von 0,75 Prozent, um den Franken zu schwächen und die Wirtschaft zu stützen. Banken, die bei der SNB ein Girokontoguthaben haben, müssen den Minuszins ab einem gewissen Freibetrag bezahlen. Das heisst, sie verlieren dabei selber Geld. Einige Banken haben deshalb kein Interesse, dass die Kunden viel Geld auf Privat- oder Sparkonten horten. Bankexperten befürchten, dass die Einführung von Negativzinsen bei Privatkunden dazu führen könnte, dass Guthaben von einer Bank zur anderen verschoben werden, was das Finanzsystem destabilisieren könnte.

Zwischen September 2011 und Januar 2015 hielt die SNB einen Mindestkurs von 1.20 Franken pro Euro, indem sie Euros und Dollars aufkaufte. Seit der Aufhebung des Mindestkurses versucht sie zu verhindern, dass Fremdwährungen in Franken gewechselt werden, indem sie den Franken mit einem Negativzins belegt. Ein Zinsschritt nach oben ist laut Experten frühestens in einem Jahr möglich.

Migros-Bank-Chef Harald Nedwed erklärt, warum es zum Problem wird, wenn Sparer viel Geld auf der Bank lassen: Sparkonten verursachten nur Kosten. Gleichzeitig gibt er Entwarnung: Der Strafzins soll nur für Grossanleger gelten.

DAS EXPERTENINTERVIEW

«Die Strafzinsen werden nicht alle betreffen. Wir sprechen sicher nicht von Kleinsparern»

Harald Nedwed, was dachten Sie, als Sie das erste Mal von Negativzinsen hörten?

Die spontane Reaktion war: Das ist etwas Unnatürliches. Natürlich wäre es, dass der Sparer Zinsen erhält, wenn er der Bank Geld leiht. Dieses Prinzip wird auf den Kopf gestellt.

Harald Nedwed (56), Chef der Migros Bank.
Harald Nedwed (56), Chef der Migros Bank.

Wir leben in einer verkehrten Welt: Wie hat es so weit kommen können?

Bis vor anderthalb Jahren verfolgte die Nationalbank die Strategie, die Frankenaufwertung mit Zukäufen von Euros und Dollars zu begrenzen. Ende 2014 begann sich abzuzeichnen, dass dies nicht länger funktioniert. Man musste also versuchen, den starken Schweizer Franken mit anderen Mitteln zu schwächen. Mit Negativzinsen verliert der Franken an Attraktivität. Finanzspekulanten haben weniger Interesse, Geld in Franken anzulegen, wenn sie dafür einen Strafzins zahlen müssen.

Die Migros Bank erwägt derzeit, den Strafzins auch auf Privatkunden abzuwälzen. Warum?

Die Marktzinsen sind so tief, dass wir auch auf den Sparkonten negative Zinsen verrechnen müssten. Stattdessen subventionieren wir die Sparkonten mit dem Hypothekargeschäft. Das ist unfair gegenüber den Hypothekarschuldnern.

Aber die Kunden bezahlen doch schon heute hohe Kontogebühren.

Damit wird der Aufwand für Informatik, Infrastruktur und Personal verursachergerecht abgegolten.

Wird der Strafzins alle betreffen?

Nein, wir sprechen hier momentan sicher nicht von Kleinsparern mit ein paar 10 000 Franken, sondern von vermögenden Personen, die über einen Kontostand von mehr als einer Million oder von vielleicht mehr als einer Viertelmillion verfügen. Solche Leute haben ein Polster und können es darum riskieren, ihr Vermögen alternativ auch in Aktien oder Immobilien zu investieren.

«In den frühen 70er-Jahren betrug die Teuerung jährlich mehr als 7 Prozent. Wenn sie damals also einen Zins von 5 Prozent hatten, sah das gut aus, sie verloren aber jährlich 2 Prozent.»

Was raten Sie Sparern, wie sollen sie ihr Geld künftig anlegen?

Wie immer bei Finanzangelegenheiten gilt, erst mal kühlen Kopf zu bewahren. Zudem sollten sie nicht nur die Zinsen, sondern auch die allgemeine Preisentwicklung betrachten. In den frühen 70er-Jahren betrug die Teuerung jährlich mehr als 7 Prozent. Wenn sie damals also einen Zins von 5 Prozent hatten, sah das gut aus, sie verloren aber jährlich 2 Prozent. Derzeit liegt die Teuerung im Minusbereich. Das heisst, ihr Vermögen gewinnt an Wert – selbst wenn sie keinen Zins dafür erhalten.

Manche überlegen sich, in teuren Wein oder alte Autos zu investieren.Was halten Sie davon?

Das kann durchaus attraktiv sein, wenn man über entsprechendes Fachwissen verfügt. Güter, die nicht beliebig reproduzierbar sind, gewinnen an Wert.

Viele entscheiden sich derzeit für Wohneigentum. Steigt damit nicht das Risiko einer Blase?

Das Risiko besteht tatsächlich. Wir haben schon seit Jahren eine Preissteigerung im Immobilienmarkt und eine gewisse Korrektur ist nicht auszuschliessen. An gewissen Hotspots sind die Preise bereits am Sinken.

Derzeit sind 42 Millionen Tausendernoten im Umlauf. Viele davon dürften unter Matratzen stecken.

Das Geld nach Hause zu nehmen ist durchaus eine Überlegung. Allerdings geht man damit auch ein Diebstahlrisiko ein. Darum taugt diese Option eher für Grossanleger, die entsprechende Vorsichtsmassnahmen treffen können und für die sich die damit verbundenen Kosten auch rechnen.

Welche Anlagestrategie verfolgen Sie persönlich?

Ich diversifiziere in Aktien, Sparkonten, wenigen ausgewählten Obligationen, Kunst und Immobilien, Letzteres allerdings nur in Form von Direktanlagen, keine Fonds.

Autor: Andrea Freiermuth