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28. November 2016

Finanzwort des Jahres: Negativzinsen

Die fünfköpfige Jury
Die fünfköpfige Jury mit Schriftsteller Michael Theurillat, finews.ch-Gründer Claude Baumann, dem ehemaligen Bankier Oswald Grübel, der Wirtschaftsprofessorin Sita Mazumder und dem Migros-Bank-Ökonom Albert Steck (von links / Bild: Gerry Nitsch).

Negativzinsen stellen die Grundprinzipien der Wirtschaft auf den Kopf. Zudem tangieren sie die Schweiz stärker als die meisten anderen Länder. Aus diesen Gründen hat eine Jury aus Finanzexperten den Begriff zum Schweizer Finanzwort des Jahres 2016 gekürt.

Was an den Finanzmärkten eingetreten ist, widerspricht dem gesunden Menschenverstand: Der Schuldner erhält Kapital vom Gläubiger und wird dafür auch noch bezahlt. Die Profiteure sind vor allem die Staaten, die mit ihren Schuldtiteln erstmals Geld verdienen. Negativzinsen begünstigen somit die Schuldner und bestrafen die Sparer – was eine massive Umverteilung von Einkommen bewirkt. Der fehlende Zinsertrag bringt insbesondere die Vorsorgewerke in Bedrängnis: Sie können die versprochenen Leistungen nicht mehr garantieren.

Mit der Einführung von Negativzinsen haben die Notenbanken zu einem neuartigen, noch unerprobten Instrument der Geldpolitik gegriffen. Ihr Ziel ist es, die Wirtschaft, die unter den Folgen der Finanzkrise leidet, zu stimulieren. Doch weil die Zentralbanken damit Neuland betreten, geben sie Anlass zu grundsätzlichen Fragen: Was bedeutet die zunehmende Machtfülle der Notenbanken für die Gesellschaft? Wie verändert sich die Wirtschaft, wenn der Zins seine Koordinationsfunktion nicht mehr wahrnehmen kann? Ab welcher Höhe erreichen Negativzinsen eine «Schmerzgrenze», bei der eine allgemeine Flucht in Bargeld einsetzt?

Diese Fragen sind für unser Land von besonderer Bedeutung, weil die Schweizerische Nationalbank (SNB) mit dem aktuellen Leitzins von minus 0,75 Prozent weiter gegangen ist als alle anderen Länder. Auf diese Weise möchte sie eine übermässige Aufwertung des Frankens verhindern. Die Schweiz ist damit zu einem weltweit beachteten Versuchslabor für die Wirkungsweise negativer Zinsen geworden. Unbeantwortet bleibt vorläufig, ob dieses geldpolitische Experiment bereits an seine Grenzen gestossen ist. So empfiehlt der Internationale Währungsfonds (IWF) der SNB, eine weitere Zinssenkung durchzuführen.

Mit der Wahl des Begriffs «Negativzinsen» zum Schweizer Finanzwort des Jahres 2016 möchte die Jury zu einer breiten Diskussion über die Folgen der aktuellen Geldpolitik beitragen. Dazu zählt namentlich die Gefahr, dass die Währungen und das Geldwesen längerfristig an Glaubwürdigkeit verlieren. Seit der Einführung der sogenannten Papierwährungen, die nicht mehr an eine Reserve wie Gold gebunden sind, ist das Vertrauen der Gesellschaft in die Währungsordnung der einzige Garant für deren Stabilität. Dieses Vertrauen gilt es zu bewahren.

WAS IST IHRE MEINUNG ZUM THEMA NEGATIVZINSEN?
Diskutieren Sie mit unter: blog.migrosbank.ch

Autor: Albert Steck