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09. Dezember 2013

«Negative Schlagzeilen haben mich immer motiviert»

Bardhyl Coli
Bardhyl Coli (29), Direktor im Waldhotel Davos.

Bardhyl Coli kam 1991 mit seiner Familie aus dem Kosovo in die Schweiz. Dass er einmal ein Hotel leiten möchte, wusste er schon im Teenageralter. Dafür schloss er zwei Berufslehren, als Servicekraft und Koch, ab, liess sich als Sommelier ausbilden, kellnerte in einem Londoner Luxushotel und besuchte die Hotelfachschule. Bevor er vor einem Jahr das Waldhotel Davos mit rund 50 Mitarbeitern übernahm, war er in Berlin Mitte stellvertretender Hoteldirektor.

Was wollten Sie als Kind werden?

Eigentlich wollte ich mal Fussballprofi werden. Als ich meine Lehre anfing, habe ich gemerkt, dass man dafür sehr talentiert sein muss. Ich habe mir das nicht zugetraut. Hobbymässig spiele ich aber immer noch Fussball.

Wie haben Sie Ihr erstes Geld verdient?

Als ich 12 war, habe ich in den Sommerferien mit meinen Geschwistern beim Bauern Äpfel gesammelt. Wir haben in der Woche 20 Franken verdient. Wir hatten kein Geld für Ferien, daher habe ich immer gearbeitet.

Waren Sie in der Schule der Streber?

Nein, ich hatte nur Fussball im Kopf. Ich habe meiner Schwester sogar Geld geboten, damit sie meine Hausaufgaben macht. In der Kochlehre wurde ich dann schon eher zum Streber. Mein damaliger Lehrmeister hat mir nicht viel zugetraut. Wenn man mich provoziert, dann entwickle ich noch mehr Ehrgeiz: Ich habe meine Lehre mit der Note 5,5 abgeschlossen. Mein Ehrgeiz war so gross, weil ich meine ganze Ausbildung selbst bezahlt habe. Mit der Hotelfachschule hat mich alles etwa 50’000 Franken gekostet.

Können Sie sich immer durchsetzen oder werden Sie wegen Ihres Alters auch belächelt?

Die Gäste reagieren schon überrascht, wenn sie sehen, dass ich der Direktor bin. Aber grundsätzlich gilt: Je überzeugender und vorbildlicher man sich verhält, desto eher kann man sich auch durchsetzen.

Gelingt Ihnen der Ausgleich zum Berufsleben?

Ich wünsche mir, dass es mir noch besser gelingen würde. In unserem Haus sind die Strukturen noch nicht so, dass ich mich komplett abmelden kann. Aber ich bin eben so wahnsinnig gern hier im Hotel. Das ist mein Leben.

Wie viel Freizeit haben Sie momentan?

Während der Saison habe ich jeweils einen Tag pro Woche frei. In der Nebensaison arbeite ich nur acht Stunden am Tag. Das kommt mir vor wie ein halber Tag, denn normalerweise hat mein Arbeitstag 13 bis 14 Stunden.

Was macht Ihre Generation aus?

Es ist sicher eine sehr sprunghafte Generation im Vergleich zu früher. Sie legt sich nicht gerne fest, strebt stark nach Erlebnissen. Heute ist der Trend, für kurze Zeit an verschiedenen Orten zu arbeiten. Wir gehen sicher sorgloser durch das Leben und überlegen uns nicht, wie es in 60 Jahren aussieht: Das Jetzt zählt. Dem stehe ich kritisch gegenüber.

Was ist Ihr persönliches Ziel?

Ich finde den Spruch sehr passend: «Wer ohne Ziel läuft, der braucht sich nicht zu wundern, wenn er nicht ankommt.» Persönlich habe ich die normalbürgerlichen Ziele: Mit 38 will ich mir ein eigenes Haus finanzieren können. Mit 35 will ich Kinder haben, aber erst will ich mich beruflich zu 100 Prozent sicher fühlen.

Ist Ihr Job eher Beruf oder Berufung?

Natürlich ist es meine Berufung, mein Stolz, dieses Hotel führen zu dürfen.

Was ist wichtiger, Sinn oder Status?

Zu 85% der Sinn. Mein Job ist mir sehr wichtig. Ich wollte diesen Beruf erreichen, damit ich im Leben glücklich sein kann. Der Sinn des Lebens ist ja zu einem Teil auch das Arbeiten, zum anderen Teil die Familie. Aufgrund meiner Vergangenheit ist mir auch der Status zu 15% wichtig.

Wie wichtig ist Ihnen Ihre Karriere?

Weil ich ein Immigrantenkind bin, war mir das immer wahnsinnig wichtig. Ich wollte meiner Nation zeigen, dass es in der Schweiz alle Möglichkeiten gibt. Nicht jeder muss ein Verwaltungsratsmitglied werden, man kann auch als Plättlileger erfolgreich sein. Als Immigrant sollte man es aber schätzen, dass man in der Schweiz sein darf. Jeder, der die Möglichkeiten der Schweiz nicht nutzt, verpasst eine Lebenschance. Negativschlagzeilen über Migranten haben mich immer motiviert zu beweisen, dass man es schaffen kann.

Wie wichtig ist Ihnen Erfolg?

Sehr wichtig, Erfolg ist meine Motivation. Er macht glücklich. Erfolg zeichnet sich für mich durch Leidenschaft und überdurchschnittlichen Einsatzwillen aus. Ich war immer sehr zielstrebig. Wenn man seinem Ziel geradlinig nachläuft, kann man erfolgreich sein. Dazu ist auch Bescheidenheit wichtig.

Was wurde Ihnen in die Wiege gelegt?

Mein Vater war eine Person, der kein Nein akzeptiert hat. Er sagte immer: «Wenn du dir etwas vornimmst, dann wirst du das auch schaffen.» Auch meine Geschwister haben das gelebt. Zum Beispiel meine Schwester hat es mit ihrem Ehrgeiz von der Realschule zum Jura-Master geschafft.

Hatten Sie auch Stolpersteine in Ihrem Leben?

Eigentlich nicht. Ich habe immer ein klares Ziel verfolgt. Ich wollte mit 32 mein eigenes Hotel führen. Nun habe ich es mit 28 Jahren schon erreicht.

Wo sehen Sie sich in 30 Jahren?

Als Direktor in einem ehrwürdigen Fünf-Sterne-Luxushotel. Vielleicht im «Baur au Lac».

Autor: Silja Kornacher

Fotograf: Tanja Demarmels