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24. September 2012

Nationalrat Lohr lässt sich nicht behindern

Der Thurgauer Christian Lohr ist eines von neun «Contergankindern» der Schweiz und der erste Schwerbehinderte im Nationalrat. Das Migros-Magazin hat den CVP-Politiker in der ersten Woche der Herbstsession einen Tag lang begleitet. Die Bilder zwischen Hotel, Ratsaal, Zug und Podiumsveranstaltung in der Galerie (oben).

Christian Lohr frühmorgens beim Verlassen des Hotels.

Wie begrüsst man einen Menschen, der keine Arme und keine Hände hat? Mit einem Kopfnicken? Christian Lohr, 50 Jahre alt, Journalist, Hochschuldozent, Sportfunktionär und seit 13 Jahren auch Politiker, lässt einen nicht lange grübeln. Er streckt sein kurzes rechtes Bein etwas in die Höhe, und schon kann man seinen Fuss schütteln. Später an diesem Tag wird auch Bundesrat Alain Berset den schwerbehinderten CVP-Nationalrat so grüssen.

Christian Lohr ist wegen des Medikaments Contergan behindert. Das deutsche Pharmaunternehmen Grünenthal brachte das Schlaf- und Beruhigungsmittel 1957 auf den Markt. Es sei speziell für Schwangere geeignet, hiess es. Tatsächlich führte der Wirkstoff Thalidomid bei den Föten zu Missbildungen. Weltweit waren rund 10 000 Menschen betroffen, in der Schweiz, wo das Medikament rezeptpflichtig war, kamen neun Kinder contergangeschädigt zur Welt.

Christian Lohrs warmer rechter Fuss hat viel Ähnlichkeit mit einer Hand. Der andere Fuss ist weniger beweglich — «aber genauso wichtig», sagt Lohr, «er sorgt für Gleichgewicht und Stabilität.»

Christian Lohr gibt seine Stimme mit dem grossen Zeh ab
Am Drücker: CVP-Nationalrat Christian Lohr gibt seine Stimme mit dem grossen Zeh seines rechten Fusses ab.

Es ist kurz nach halb acht, als Christian Lohr an diesem 13. September das Berner Hotel verlässt, wo er während der Session wohnt. In seinem Elektrorollstuhl fährt er gemächlich zum nahe gelegenen Bundeshaus. Ohne Hindernisse überwinden zu müssen, gelangt er in den Empfangsbereich, wo es einen «Behinderten-Schnellzugang» hat: Auf einer rollstuhlgängigen Rampe umgeht er die ersten Treppenstufen. Von da aus bringt ein moderner Lift, den Lohr vom Rollstuhl aus bedienen kann, ihn in die obere Etage zum Nationalratssaal. Der Politiker schmunzelt. Das Innere des Bundeshauses erfuhr in den letzten Jahren eine umfassende Renovation — «auch an die Behinderten wurde gedacht, nur einbezogen hat man sie nicht überall.»

«Ich bin privilegiert. Ich kann so vieles tun, das mich erfüllt.»

Die Nationalräte entscheiden am heutigen Sitzungstag unter anderem über Gesundheits- und Landschaftsfragen. Zu einer der Vorlagen, dem Präventionsgesetz, hielt der CVP-Politiker aus dem Thurgau als Vertreter der eigenen Fraktion seine Jungfernrede als Nationalrat, und prompt konnte er dort eine Mehrheit vom neuen Gesetz überzeugen, sodass schliesslich auch im Nationalrat die Ja-Stimmen überwogen und man auf das Geschäft eintrat. Am heutigen Tag geht es darum, die Differenzen zum Ständerat zu bereinigen. «Die Vorsorge wird zunehmend an Bedeutung gewinnen», erklärt Lohr sein Engagement für das neue Gesetz, «und jeder sollte wissen, wie er fair mit seinem Körper umgeht.»

Parallel zum Nationalrat ist Lohr auch im Kantonsrat. Zwei hohe politische Ämter — das ist nicht üblich, auch für einen Menschen ohne Handicap nicht. Doch Lohr arbeitet darüber hinaus als freier Journalist, ist Dozent an verschiedenen Fachhochschulen zu Gesundheits- und Sozialthemen und bei Pro Infirmis aktiv. Bis vor Kurzem war er auch im Kreuzlinger Gemeinderat. «Alle diese Aufgaben geben mir Energie zurück», erklärt er, «ich mache ja alles gerne, bin interessiert und neugierig. Aber ich weiss auch: Ich bin privilegiert.» Dieser letzte Satz klingt seltsam, ausgesprochen von einem Menschen mit einer schweren Behinderung. «Mir geht es gesundheitlich gut. Ich kann so vieles tun, das mich erfüllt. Ich habe eine Familie, die mich unterstützt, und positive Freunde. Und diejenigen, die nicht positiv sind, versuche ich dorthin zu bringen. Ich bin einfach glücklich.»

Die Zugreise an eine Podiumsveranstaltung will geplant sein: Ankunft am HB Zürich
Christian Lohr am Abend im Zürcher Hauptbahnhof: Der Elektrorollstuhl hält ihn mobil. Sein Neffe Andy Lohr (rechts) übernimmt die Rolle des Assistenten.

Gerade weil er selber erfahren hat und immer wieder erlebt, wie viel mit Handicap möglich ist, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, engagiert sich der Sportfan für die Integration Behinderter in die Gesellschaft. Wichtig sei ihm dabei, «nicht in erster Linie ein Behindertenpolitiker zu sein, sondern Gesellschaftspolitik zu betreiben». Nur bei Rampen, Aufzügen und Fürsorgegeldern habe man noch keine behindertenfreundliche Gesellschaft. Es brauche auch die direkten Gelder für Selbstbestimmung, es brauche Bildungs- und Teilhabemöglichkeiten, die Gleichwertigkeit Behinderter müsse zur Selbstverständlichkeit werden. «Ich wünsche mir, dass die Schweiz auch hier eine Pionierrolle einnimmt», sagt Lohr. Wie diese aussehen könnte, wird er in einem Vorstoss zuhanden des Bundesrats umreissen: «Ich möchte, dass dieser eine übergeordnete Behindertenpolitik erarbeitet, die diesen Namen auch verdient.»

Smartphone und Tablet-PC haben Lohrs Leben erleichtert

Lohrs Smartphone piepst. Mit dem grossen Zeh seines rechten Fusses fährt er über das Display und tippt die Nachricht an, die soeben reingekommen ist. «Verspätung im Zugverkehr». Sein Neffe Andy (23), der ihm heute als Assistent im Bundeshaus zur Seite steht, werde etwas später eintreffen, sagt Lohr und checkt noch schnell die E-Mails, ebenfalls mit dem Zeh. Die dringlichsten beantwortet er umgehend. «Das Zehn-Zehen-System beherrsche ich leider nicht», scherzt der Vielschreiber, «aber mit zwei Zehen bin ich auch recht schnell.» Er könne zwar auch mit einem normalen Stift schreiben, den er zwischen zwei Zehen einklemmt, aber Smartphone und Tablet würden ihm das Leben enorm erleichtern.

Neffe Andy ist eingetroffen. Er erhält einen Badge und kann sich nun für den Rest des Tages zusammen mit seinem Onkel im Bundeshaus aufhalten, auch zum Nationalratssaal hat er Zutritt. Dort sitzt Christian Lohr in der hintersten Pultreihe. Am Morgen half ihm noch ein Ratsassistent: Brille aufsetzen, Dokumente aus der Mappe holen und so aufs Pult legen, dass Lohr sie lesen und wo nötig unterschreiben konnte — mit dem rechten Fuss selbstverständlich. Neffe Andy Lohr übernimmt vom Ratsassistenten und legt dem Onkel die Unterlagen der Geschäfte, die gerade behandelt werden, so hin, dass dieser bei Bedarf einen Blick darauf werfen kann.

Als die Nationalräte gebeten werden, ihre Stimme abzugeben, sieht man 184 rechte Hände sich bewegen und einen Fuss. Die Knöpfe für Ja oder Nein auf dem Pult von Christian Lohr sind etwas grösser als die seiner Kollegen und Kolleginnen. Er drückt auf den grünen Ja-Knopf und stimmt damit einem Postulat zu, das vom Bundesrat verlangt, dass er den Datenschutz im Gesundheitswesen verbessert. Das Postulat kam aus der Kommission für Soziale Sicherheit und Gesundheit, der Christian Lohr angehört.

In der Wandelhalle plaudern die Nationalräte über Parteigrenzen hinweg, die Stimmung ist mehrheitlich heiter und entspannt. Doch dann, zurück im Saal, verkündet der Ratspräsident eine traurige Nachricht: Alt Bundesrat Otto Stich ist gestorben. Christian Lohr ist der Einzige in der linken Ratshälfte, der sich nicht erhebt. «Nein», wird er kurze Zeit später erklären, «dass ich nicht wie alle anderen aufstehen konnte, hat mir nichts ausgemacht. Ich habe ja meine innere Haltung, und die zählt.»

Niemand stört sich daran, dass der Politiker mit dem Fuss isst

Unterwegs zum Essen in ein Berner Restaurant
Unterwegs zum Essen in ein Berner Restaurant.

Andy Lohr zieht seinem Onkel den Kittel über die Schultern, sie gehen in einem Restaurant mittagessen. Wie selbstverständlich legt Lohr den rechten Fuss auf den Tisch. Es stört sich niemand daran. «So sollte es immer sein», sagt der Politiker, «aber ich wurde früher deswegen auch schon kritisiert. Das tut weh, denn in solchen Momenten wirst du an deine Grenzen geführt. Ich brauche diesen Fuss ja zum Essen.»

Christian Lohrs Tage sind lang. Am Abend nimmt er in Zürich an einer Podiumsdiskussion teil. Das Thema: Politische Selbstvertretung von Menschen mit Behinderung. Bis dahin bleibt noch Zeit, um Anrufe zu erledigen, E-Mails zu schreiben und die eigene Website zu aktualisieren, Andy hilft ihm dabei. Und schliesslich ruft Christian Lohr die SBB an, um anzumelden, dass er beim Ein- und Aussteigen in Bern und Zürich Hilfe braucht.

«Je früher jüngere, handicapierte Menschen in die Politik einsteigen, desto besser.»

Der Mitte-Politiker will kein Erbarmen auslösen. Jüngeren, handicapierten Menschen, die in die Politik einsteigen möchten, rät er: «Dass sie an Perspektiven glauben — und selber auch etwas dafür tun, um dahin zu gelangen, mittels Ausbildungen etwa. Je früher sie einsteigen, desto besser.»

Autor: Esther Banz

Fotograf: Severin Nowacki