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24. Oktober 2016

Nasennebenhöhlenbilder

Ergebnis des kreativen Selbststudiums
Das Ergebnis des kreativen Selbststudiums.

Mein Handy spricht zu mir. «Der Speicher ist voll» ist der Satz, den es am besten kann. Ich liebe es, wenn diese Nachricht aufploppt. Sie klingt so harmlos, ein bisschen wie der Wetterbericht; heute leicht bewölkt. Dabei markiert der Satz das Ende von allem. Mein Mobiltelefon, das eigentlich fotografieren, filmen, surfen und selbstredend ohne Ende downloaden kann, zeigt ab sofort nur noch die Zeit an. Zuverlässig zwar, aber hallo? Ein Smartphone ist nur so lange ein Smartphone, solange man smarte Dinge damit machen kann.

Warum ist der Speicher voll? Ich habe doch erst gestern eine Million Fotos gelöscht oder in die Cloud verfrachtet, habe oberdämliche Apps gelöscht und sogar mein Mailfach ausgemistet. «Tja, der Speicher ist trotzdem voll» schreibt mir mein Handy. Ich öffne die Systemeinstellungen. Wurde etwa ohne meine Erlaubnis illegaler Schweinekram downgeloadet? Vielleicht alle Folgen von «Peppa Wutz»? Zweisprachig, weil pädagogisch wertvoller? (Ich kann Idas Stimme hören, wie sie mir erklärt, dass es doch toll sei, wenn man nicht nur Filme gucke, sondern dabei auch noch eine Fremdsprache lernen könne …)
Nein, keine gigantischen Videodateien im System. Die Gigabytes wurden eindeutig in Form von Fotos versenkt.

Fotos? Ich öffne das Album und staune. Irgendein Familienmitglied hat 231 (!) Bilder gemacht. Innerhalb weniger Minuten aufgenommen, immer die gleiche Einstellung, von unten nach oben, direkt in die Nase rein. Da es sich um eine kleine Nase (ohne Haare drin) handelt, ist Herr Leinenbach offiziell entlastet. Manchmal hat die Fotografin mit der Blendeneinstellung gespielt, hat einen Filter darübergelegt oder sogar bis zu den Nebenhöhlen hoch abgelichtet. (Sind das Nasenpolypen?) Toll!

Da ich auf einem Foto eine blitzende Milchzahnreihe entdecke, ist die Fotografin überführt. Eva! Ich suche meine talentierte Tochter und stelle sie zur Rede: «Was sollte das? Warum hast du immer und immer wieder Fotos von deinem Näslein gemacht? Wurde das nicht langweilig.» Eva schüttelt den Kopf und sagt in sehr ernstem Tonfall: «Aber Mami, du hast doch neulich selbst gesagt, dass man immer viele Bilder machen muss, um wenigstens ein paar wenige gute zu bekommen.»

Autor: Bettina Leinenbach

Fotograf: Eva Leinenbach