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26. September 2016

Nahe an den Frauen dran

Gynäkologe Antonino Siragusa spricht mit seinen Patientinnen über ihre intimsten Probleme. Wie geht der Frauenarzt mit Vorurteilen rund um seinen Beruf um? Und wie steht es um die Lust nach einem Arbeitstag in der Frauenpraxis??

Gynäkologe Antonino Siragusa
Antonino Siragusa (49) lebt mit seiner Frau in Seon AG. Er hat drei Kinder im Alter von 16 bis 20 Jahren. Seit 2010 hat er eine Praxis in Zürich.

Antonino Siragusa, wenn ich zu Ihnen komme, plaudern wir jeweils kurz. Dann mache ich mich unten frei, setze mich auf den gynäkologischen Stuhl, Sie untersuchen mich, und wir plaudern weiter. Irgendwie schon seltsam, nicht?

Doch. Aber das ist immer so, egal, ob Sie zu einer Frau oder zu einem Mann gehen. Es ist immer eine spezielle Situation, ein intimer Moment, der viel mit gegenseitigem Vertrauen zu tun hat. Die Untersuchung läuft sehr professionell ab. Ich bin immer wieder überrascht, mit welcher Natürlichkeit die Frauen das machen. Ich bezweifle, dass das bei Männern auch so wäre.

Frau
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Man hat uns Studierende dafür sensibilisiert, wie man untersucht, ohne die Intimsphäre der Frau zu verletzen.

Haben Männer ein anderes Verhältnis zu ihrem Körper?

Frauen haben ein anderes Verhältnis zum Untersuchtwerden. Für Frauen ist es selbstverständlich, sich unten frei zu machen. Männer wären in einer vergleichbaren Situation verklemmter.

Sind Sie bei Ihrer Ausbildung speziell für die Untersuchung geschult worden?

Natürlich, das war ein grosses Thema. Es ging dabei nicht um die Frage, ob ein Mann eine Frau untersucht. Sondern um diesen intimen Moment, wo man, wenn man eine Patientin berührt, eigentlich gewisse Grenzen überschreitet. Man hat uns Studierende dafür sensibilisiert, wie man untersucht, ohne die Intimsphäre der Frau zu verletzen. Ich weiss, wo ich meine Hand respektive das Instrument platzieren darf, sodass es für die Frau nicht unangenehm oder schmerzhaft ist. Gleichzeitig steht die medizinische Symptomatik im Fokus.

Und nicht die halbnackte Frau.

Der Körper einer Frau hat für mich natürlich auch eine ganz andere Bedeutung als die medizinische. Das ist mein Intimleben, meine Art und Weise, wie ich Frauen gern habe. Im Moment der Untersuchung ist das aber ausgeblendet. Es ist fast eine schizophrene Situation: Beide Male geht es um einen Frauenkörper, aber im Privaten ist es ganz etwas anderes.

Hat man nach acht Stunden freier Sicht auf Geschlechtsteile und Gespräche über mangelnde Libido noch Lust auf Sex?

(lacht) Es ist etwas komplett anderes. Das Private und die Sexualität haben nichts mit Nacktheit zu tun.

Ich bin bei Ihnen, weil Ihre Vorgängerin pensioniert wurde. Gab es Frauen, die die Praxis wechselten, weil sie nicht von einem Mann untersucht werden wollten?

Die gab es. Vor allem manche langjährigen Patientinnen konnten es sich nicht vorstellen, zu einem Mann zu wechseln. Ich kann das gut nachvollziehen.

Ich finde Sie viel einfühlsamer als Ihre Vorgängerin. Von Freundinnen habe ich oft gehört: Frauenärztinnen sind ruppiger als Frauenärzte.

Das habe ich schon oft gehört. Ich kenne Frauen, die sagen: Ich gehe nie mehr zu einer Frauenärztin. Ich kann mir vorstellen, dass man als Mann bei der Untersuchung vorsichtiger ist, weil man nicht aus Erfahrung weiss, wie sich das anfühlt. Sagen Sie mir «Ich habe Mensschmerzen», muss ich erfragen, ob man diese behandeln muss. Vielleicht klingt das Symptom für eine Frauenärztin, die Mensbeschwerden kennt, nebensächlicher.

Es gibt, so abgedroschen das klingen mag, eine Weiblichkeit im Denken, eine Sensibilität und Intuition, die nur die Frauen haben.

Könnten Sie eine Erfahrung in einem Frauenkörper machen, welche wäre es? Eine Jahreskontrolle beim Gynäkologen? Sex? Eine Geburt?

(Überlegt)

Menstruieren wohl kaum.

Einerseits würde ich natürlich gern eine Geburt erleben. Andererseits gibt es, so abgedroschen das klingen mag, eine Weiblichkeit im Denken, eine Sensibilität und Intuition, die nur die Frauen haben. Ich würde gern ein Problem aus Männersicht und dann unter Einfluss weiblicher Hormone beurteilen und angehen.

Wie oft sprechen Ihre Patientinnen mit Ihnen über ihr Sexleben?

Häufig kommen wir ins Gespräch, wenn ich spüre, es steht mehr als ein medizinisches Problem im Raum, und ich frage nach. Manchmal werde ich auch direkt darauf angesprochen. Wenn die Lust weg ist, der Sex wehtut, der Kinderwunsch unerfüllt bleibt. Manchmal ist der Grund dafür, dass eine Frau nicht schwanger wird, dass ein Paar gar keinen Geschlechtsverkehr hat. Sie haben ein anderes Intimleben, das für sie befriedigend ist, und haben sich so arrangiert.

Was können Sie da tun?

Wünschen sie sich ein Kind, muss ich unterstützend wirken. Das kommt häufiger vor, als man denkt, und ist ein grosses Tabu.

Warum sind Sie Frauenarzt geworden?

Ich war schon immer lieber mit Kolleginnen zusammen, das war auch im Gymnasium so. In der Praktikumszeit im Studium haben mir meine Chefs in der Gynäkologie am meisten imponiert. Sie haben mir das Fach grossartig vermittelt und mir einen einfühlsamen Umgang mit den Patientinnen vorgelebt. Dass man als Gynäkologe auch operiert, hat mir auch entsprochen. Und der Zufall spielte ebenfalls mit: Ich bekam die Stelle auf der Gynäkologie.

1993 lag nicht einmal jede fünfte Gynäkologiepraxis in Frauenhand, 2013 war es bereits jede zweite. Heute beschäftigen Spitäler in der Frauenheilkunde 55 Prozent Ärztinnen. Warum ziehen sich die Männer aus diesem Spezialgebiet zurück?

Ich denke, die Frauen sind vorgestossen und haben viele Plätze wettgemacht. Es ist ein Frauenberuf geworden. Fälschlicherweise war die Gynäkologie, ja die ganze Medizin, früher ein Männerberuf. Mitte der 1980er-Jahre gab es ein Umdenken. Die ersten Frauen sagten: Ich werde Gynäkologin und eröffne eine Praxis. Die Pionierinnen haben den Weg für etwas Naheliegendes bereitet.

Offenbar gab es Zeiten, in denen Chefärzte die gynäkologische Jahreskontrolle mit dem Garagenservice eines Autos verglichen haben.

Das klingt natürlich absolut abschätzig. In der Medizin, vor allem unter Operateuren, wählt man das Vokabular gerne herb. Operieren Chirurgen Hämorrhoiden, sprechen sie auch von «Auspuff flicken». Das muss nicht heissen, dass der Umgang mit den Patientinnen oder Patienten weniger professionell und vorsichtig ist.

Ich musste über den Vergleich lachen.

Das dürfen Sie sagen. Ich nicht.

Muss man sich als Gynäkologe unter Ärzten eigentlich faule Sprüche anhören?

Nein, von den Ärzten nicht. Von Leuten, die ich neu kennenlerne, kommt vielleicht mal ein Sprüchli. Die Frauen sagen oft «Du Armer». Die Männer sagen vielleicht: «Aha, du bist sozusagen an der Quelle.»

Mein Vater war Banker. Um in den Ferien nicht ständig über Geldanlagen sprechen zu müssen, sagte er einmal, er sei Gynäkologe. Dann sprach ihn prompt ein Herr an, weil seine Frau ein akutes gynäkologisches Problem hatte. Outen Sie sich in den Ferien als Gynäkologe?

In den Ferien würde ich das nie erwähnen. Auch nicht, wenn ich Kinderarzt wäre. Ich sage dann lieber: Ich arbeite im Spital im Magazin. Da fragt niemand nach.

Kann man einem Paar helfen, zu einem Kind zu kommen, ist das grossartig.

Nach meiner ersten, schwierigen Geburt sprachen wir fast eine Stunde darüber. Wie oft sind Sie auch der Therapeut?

Das ist schwer zu sagen. Was Ihnen unser Gespräch gebracht hat, weiss ich nicht. Meine Patientinnen erzählen, was sie belastet, und ich höre zu. Ich erfahre so vieles aus der Familie oder der Vergangenheit. Natürlich könnte ich sagen: Ich mache jetzt einfach diesen Abstrich. Aber so verstehe ich meinen Beruf nicht. Hatten Sie ein schlechtes Erlebnis bei der Geburt, müssen Sie das loswerden. Mich interessiert, was nicht gut gelaufen ist. Daraus lerne ich auch. Hilft ­Ihnen das Gespräch weiter – umso besser.

Warum haben Sie sich auf künstliche Befruchtung spezialisiert?

Ich habe meine Ausbildung in Baden gemacht, in einer der führenden Kliniken im Bereich Kinderwunsch. Das wollte ich unbedingt auch lernen. Kann man einem Paar helfen, zu einem Kind zu kommen, ist das grossartig. Natürlich gibt es auch Paare, denen man nach zwei, drei Jahren sagen muss: Es geht einfach nicht. Das sind Begleitungen, die menschlich sehr bereichernd sind. Kürzlich hat mir ein junger Mann gesagt: «Weil ich keine Spermien produziere, endet unser Stammbaum.» Das hat mich ergriffen.

Was können Sie da sagen?

Wir probieren, alle medizinischen Möglichkeiten darzulegen. Wenn die gewünschte Schwangerschaft nicht eintrifft, sind wir empathisch. Wir hören zu. Tun sich Abgründe auf, vermitteln wir professionelle Hilfe.

Als ich Sie einmal fragte, wie viele Kinder Sie hätten, haben Sie mir erzählt, dass Sie ein Kind verloren haben. Wie hat Sie das als Arzt und Mensch verändert?

Diese Erfahrung hat grosse Abgründe aufgetan. Aber die schlimme Erfahrung hat uns auch menschlich weitergebracht. Durch meinen Beruf werde ich immer wieder mit ähnlichen Schicksalsschlägen konfrontiert. Verliert jemand sein Kind, sage ich nicht immer: «Das ist mir auch passiert.» Aber ich habe weniger Angst, darüber zu sprechen. Ich getraue mich, näherzugehen, weil ich weiss, wie weh es tut. Ich kann dem Paar sagen: «Auch wenn es sich jetzt so anfühlt: Es ist nicht das Ende von allem.»

Welche Schicksale lassen Sie nicht los?

Wenn ein Kind in der letzten Schwangerschaftsphase stirbt oder die Mutter unter der Geburt. Wenn sich ein junges Paar Kinder wünscht und ich bei den Abklärungen zufällig auf Brust- oder Hodenkrebs stosse.

Wie ist das für Sie, wenn sich jemand dazu entscheidet, ein Kind abzutreiben?

Ich urteile nie über das, was eine Frau oder ein Paar entscheidet. Das steht mir nicht zu. Liegt eine Ambivalenz vor, vermittle ich Institutionen, die andere Wege aufzeigen. Ist der Entscheid gefällt, helfe ich weiter. Es bringt nichts, meine persönliche Meinung reinzubringen.

Und die ist?

Für mich ist das Leben zu wertvoll, um es abzubrechen.

Sie sind seit 20 Jahren Gynäkologe. Wie hat sich Ihr Beruf in der Zeit verändert?

Die neuen Herausforderungen kommen erst auf uns zu. Der Aspekt der Genetik bei der Präimplantationsdiagnostik wird uns in Zukunft sehr beschäftigen. Das Erklären der neuen diagnostischen Möglichkeiten, das Entscheiden, wann solche angezeigt sind, und der Umgang mit den daraus zu ziehenden Konsequenzen werden uns Ärzte und die Betroffenen fordern.

Machen es sich manche Paare zu einfach?

Ob es um eine Operation, eine In-vitro-Fertilisation oder um einen Schwangerschaftsabbruch geht: Es braucht eine Auseinandersetzung. Einerseits bei mir selbst mit den Informationen, die ich habe. Und andererseits bei dem betroffenen Paar. Man kann heute sehr viel machen, aber es muss das Resultat eines Prozesses sein.

Glaubt man den Medien, ist heute auch die Vagina einem Schönheitsdiktat unterworfen. Ist das auch Thema in Ihrer Praxis?

Das ist drei-, viermal im Monat Thema in meiner Praxis, es ist nicht meine Spezialität. Die Patientinnen, die sich danach erkundigen, sind zwischen 20 und 50 Jahre alt. Sie empfinden ihre Schamlippen als zu gross und sagen, sie schmerzten beim Sport oder Sex. Im Gespräch merke ich oft, dass auch ein ästhetischer Druck da ist.

Können Sie das nachvollziehen?

Ich verurteile das nicht. Persönlich habe ich etwas Mühe mit der Uniformierung der Menschen. Langsam sieht jeder gleich aus. Das Individuelle passt mir viel mehr. Das macht den Menschen doch spannend.

Sind Gynäkologen die besseren Liebhaber?

Das weiss ich nicht. (lacht) Das kann ich nicht sagen.

Das anatomische Wissen ist wohl grösser?

Das wird im entscheidenden Moment auf null reduziert.

Würden Sie wieder den Beruf wählen?

Ja! Ich mag die Menschen, und ich finde es spannend, mit den Frauen zu sprechen. Es gibt keine klaren Frauen- oder Männereigenschaften. Aber es gibt eine Weiblichkeit im Denken. Manchmal spüre ich die richtig. Und das ist cool. Dann merke ich, dass ich doch noch nichts verstanden habe von den Frauen.

Den Moment würden Sie dann gerne als Frau erleben, richtig?

Genau!

Autor: Monica Müller

Fotograf: René Ruis

Illustrationen: Roland Ryser