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02. April 2012

«Nachfragen ist wichtig»

Seit 1999 können Schweizer Jugendliche bei Problemen die Nummer 147 wählen. Bei der Hotline meldet sich im Durchschnitt einmal pro Tag jemand, der an Suizid denkt.

Seit 1999 können Schweizer Jugendliche bei Problemen die Nummer 147 wählen. (Bild: Getty Images/Peter Glass)

Christina Wehrlin (42) leitet die Netzstelle Deutschschweiz Pro Juventute Beratung + Hilfe 147. Gleichzeitig berät sie
die jugendlichen Anrufer, und das seit bald zwölf Jahren.

Christina Wehrlin (42) leitet die Netzstelle Deutschschweiz Pro Juventute Beratung + Hilfe 147. Gleichzeitig berät sie die jugendlichen Anrufer, und das seit bald zwölf Jahren.
Christina Wehrlin (42) leitet die Netzstelle Deutschschweiz Pro Juventute Beratung + Hilfe 147. Gleichzeitig berät sie die jugendlichen Anrufer, und das seit bald zwölf Jahren.

Christina Wehrlin, aus welchen Gründen haben Jugendliche, die auf der 147er-Hotline anrufen, Suizidgedanken?

Suizidgedanken entstehen nicht aufgrund von einem Faktor, sondern meistens wenn mehrere Risikofaktoren zusammenkommen. Das können beispielsweise belastende Ereignisse wie Liebeskummer oder schlechte Noten, Stress, psychische Erkrankung und fehlendes Bewältigungswissen sein.

Wie merken Sie, dass ein Anrufer Suizidgedanken hat?

Er sendet Signale aus. Er sagt zum Beispiel sogleich, dass er Hilfe braucht, weil er Suizidgedanken hat. Vielleicht sagt er aber auch nur, dass es ihm ganz schlecht gehe und dass er keine Kraft mehr habe. Dann ist es ganz wichtig nachzufragen, was das zu bedeuten hat, ob er Suizidgedanken habe.

Sie sprechen die Jugendlichen direkt darauf an?

Ja, auch wenn es nicht einfach ist. Es fällt vielen schwer, das Thema beim Namen zu nennen, weil sie befürchten, dass man so die Jugendlichen auf falsche Ideen bringen könnte. Aber dem ist nicht so. Nachfragen ist wichtig.

Und wenn sie auf die Frage mit Ja antworten?

Dann wollen wir wissen, ob sie schon konkrete Pläne haben. Wo, wie, wann? So klären wir ab, wie akut die Gefahr ist. Es gibt viele Jugendliche, die solche Fantasien haben, weil das Jugendalter halt eine schwierige Zeit ist. Richtig ernst wird es dann aber, wenn konkrete Suizidgedanken oder sogar Pläne vorhanden sind.

Wird in den Familien zu selten darüber gesprochen?

Die Gesellschaft weiss immer noch nicht, wie mit dem Thema umgehen, sie verharmlost es sogar. Viele, die Suizid machen wollen, deuten das im Vorfeld an. Manchmal sind Angehörige überfordert und hilflos. Sie sagen dann: Schlaf mal drüber, dann wird es schon besser.

Was steht in Ihrer Macht als Beraterin?

Sind die Pläne konkret, versuchen wir, den Jugendlichen zu überzeugen, die Suizidmittel wegzulegen oder sich vom Bahngleis zu entfernen. Wir bringen ihn dazu, die Sicht der Angehörigen einzunehmen, reden mit ihm darüber, was er in seinem Leben verpassen wird, wo es Veränderungsmöglichkeiten gibt und fokussieren auf das Positive.

Und wenn das alles nicht hilft, informieren Sie die Polizei. Dabei heisst es doch, die Hotline sei anonym.

Wir sehen die Telefonnummer. Wir arbeiten daran, das Wort «anonym» durch «vertraulich» zu ersetzen. Wenn es um Leben und Tod geht, müssen wir Hilfe organisieren können.

Es rufen mehr Mädchen an als Buben, aber 80 Prozent aller Suizide werden von männlichen Jugendlichen begangen. Warum?

Männer und Jungen holen sich weniger Hilfe. Das ist ein Thema, das man in der Suizidprävention vertieft angehen sollte. Jungs erzählen viel distanzierter von ihren Problemen.

Seit 1980 sinkt die Suizidrate. Gleichzeitig nimmt bei Ihnen die Zahl der Anrufe zu. Wie erklären Sie sich das?

Dank unserer Präventionskampagne in Fernsehen und Internet ist die Telefonnummer 147 bekannter geworden und die Leute sind sensibilisierter.

Pro Juventute Beratung+Hilfe per Telefon und SMS unter der Nummer 147 und im Chat unter www.147.ch