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26. Mai 2015

«Früher ist Luca mit dem Töffli rumgebrettert»

Als Martha und Christian Josi vor 13 Jahren ins bernische Uetendorf zogen, suchten sie vor allem die Ruhe. Schliesslich konnte niemand ahnen, dass der damals siebenjährige Nachbarsbub Luca Hänni dereinst zum prominenten Unruhestifter wird.

Luca Hänni mit seiner Nachbarsfamilie
Als Martha und Christian Josi vor 13 Jahren ins bernische Uetendorf zogen, suchten sie vor allem die Ruhe. Schliesslich konnte niemand ahnen, dass der damals siebenjährige Nachbarsbub Luca Hänni dereinst zum prominenten Unruhestifter wird.

Was geschieht, wenn 4000 Leute ein 6000-Seelen-Dorf überrennen? Es bricht das totale Chaos aus. Passiert ist es im Sommer 2012 in Uetendorf BE. Luca Hänni (20) stand im Finale der deutschen Castingshow «Deutschland sucht den Superstar», und Tausende von Fans schauten sich die Liveübertragung in der Turnhalle Uetendorf an. Mädchenschwarm Luca gewann und wurde über Nacht zum Star. Jeder wollte ein Stück von ihm. Die Folgen des Hypes bekam das ganze Dorf zu spüren. Lucas Anhänger, die «Fännis», besetzten jeweils das Trottoir komplett. Einmal blockierten 1000 Leute die Strasse – dann kam die Polizei. Ein anderes Mal rannten die Fans vor lauter Euphorie den Gartenzaun der Hännis um. Jetzt steht an der Stelle ein robuster Holzzaun.

Die Nachbarsfamilie Josi kann sich an das Leben vor dem Rummel erinnern. Sie zog 2002 von Adelboden BE nach Uetendorf. «Früher ist Luca mit dem Töffli rumgebrettert, ein Unruhestifter war er schon immer!», sagt Vater Christian Josi (50) und schmunzelt. Doch sie hatten sofort einen guten Draht zu den Hännis. «Wir hüteten in den Ferien gegenseitig das Haus und die Tiere. Das ist in Uetendorf einfach so», sagt Mutter Martha Josi (44). Als Luca an der Castingshow teilnahm, hatten die Josis noch keinen TV-Empfang. Also gingen sie mit ihren Kindern Alisha (10), Renato (12) und Timon (4) jeweils zu anderen Nachbarn in die Stube. Als das Finale in der Turnhalle ausgestrahlt wurde, gab es unerwarteten Besuch: «Einige Fans campierten auf der Wiese vor unserem Haus. Das war wie ein Pfadilager.»

Und was sagt eigentlich Luca selbst dazu? «Ich glaube, manche hatten weniger Freude am Rummel. Es wurde zuweilen etwas viel. Uetendorf wurde beinahe touristisch!» Gerade bei den nächtlichen Gesangseinlagen habe sich die Frage aufgedrängt: «Was denken wohl die Nachbarn?»

Lucas Mutter Marianne Schmid (53) liess sich nicht aus der Ruhe bringen: «Die Fanshaben die Hauswand bekritzelt, das Haus oder den Hund Samy fotografiert, Geschenke gebracht und teilweise im Fünfminutentakt geklingelt. Nach der Arbeit musste ich an 40 Fans vorbei», sagt die Lehrerin. Diese kamen aus Österreich oder Berlin und fuhren zwölf Stunden mit den Eltern zu ihrem «Pilgerort». «Hereingelassen habe ich niemanden. Aber die Tür habe ich immer geöffnet. Und manchmal sagte ich halt: ‹Nein! Luca muss jetzt erst mal etwas essen.›» Vorbereitet sein könne man auf so etwas nicht: «Doch wir sind als Familie sehr zusammengewachsen», sagt sie.

Seit einem Jahr läuft das Leben in Uetendorf wieder in geregelteren Bahnen. 2014 zog Luca in seine erste eigene Wohnung in der Nähe von Bern – fernab vom Elternhaus. Die genaue Adresse verrät er nicht. Das dürften wohl auch seine neuen Nachbarn zu schätzen wissen.

Autor: Anne-Sophie Keller

Fotograf: Salvatore Vinci