Archiv
26. Mai 2015

«Man kann niemanden vom Suizid abhalten»

Die Nachbarin von Nina * nahm sich vor zwei Jahren das Leben. Ein Erlebnis, das bei ihr bis heute nachwirkt.

Der Tod einer Nachbarin
Die Tür, die nicht mehr geöffnet wird: Nina* vor der Wohnung ihrer ehemaligen Nachbarin.

Kennengelernt habe ich meine Nachbarin vor drei Jahren, als ich nach Wollishofen ZH zog. Sie wohnte gleich nebenan und hatte wie ich einen Hund. Zwei Monate nach meinem Einzug kamen wir beim Gassigehen ins Gespräch. Wir tauschten Nummern aus und gingen fast jede Woche gemeinsam an den See. Der Freund meiner Nachbarin war um die 40 und hatte Drogenprobleme. Sie war damals 28 Jahre alt und depressiv. Es waren also viele Probleme vorhanden. Die beiden waren eigenartig. Mein Freund und ich gingen dennoch etwa zweimal zu ihnen grillieren. Menschen sind nun mal unterschiedlich.

Meine Nachbarin und ich beschäftigten einen Hundesitter. Eines Tages rief er mich an und sagte, dass meine Nachbarin sich das Leben genommen habe. Erfahren hat er es von den Eltern der Verstorbenen. Er hütete damals ihren Hund. Wie genau sich meine Nachbarin umgebracht hat, weiss ich bis heute nicht.

Vier Tage, nachdem ich vom Selbstmord erfahren hatte, war ich an einer Büroparty. Plötzlich klingelte das Telefon. Es war die Mutter der Verstorbenen. Sie fragte mich, ob ich noch einen Schlüssel zur Wohnung habe. Leider konnte ich ihr nicht weiterhelfen. Vielleicht hätte ich eine Beziehung zu den Eltern aufbauen sollen. Vielleicht hätten wir das Erlebte gemeinsam verarbeiten können. Es hätte die Eltern bestimmt gefreut zu hören, dass es ihrer Tochter nicht immer schlecht ging. Hätte … Dieses Wort sagte ich nach diesem Erlebnis oft.

Die Nachricht ihres Suizids kam unerwartet, aber sie hat mich nicht überrascht. Hierzulande distanziert man sich von Depressiven und Kranken. Man will nicht fragen, man will nicht unhöflich sein. Zudem kümmert man sich wenig um die Nachbarn. Es gibt alle zwei Monate einen Fall in der Schweiz, bei dem man den Tod einer Person erst bemerkt, wenn es im Treppenhaus riecht. Aber auch mir bedeutet Nachbarschaft wenig: Ich bin oft sogar froh, wenn ich meine Nachbarn nicht sehe. Denn sobald ich jemanden treffe, beschweren sich die Leute: über die Waschküche, die Sauberkeit, die Lautstärke.

Zu den anderen Leuten im Haus habe ich gar kein Verhältnis. Die Einwohner in unserem Block sind merkwürdig. Wenn man zufälligerweise gleichzeitig ins Treppenhaus kommt, verkriechen sich manche gleich wieder in der Wohnung. Ich glaube, das ist etwas sehr Schweizerisches. Zudem kann man sich und seine Probleme in der Stadt besser verstecken.

Seit dem Suizid meiner Nachbarin fragte ich öfter mal in meinem Umfeld nach, ob jemand Hilfe brauche. Manchmal sollte man weniger Angst vor unangenehmen Fragen haben und sich mehr einmischen. Ich habe mich nie wirklich von meiner Nachbarin verabschieden können. Ich weiss bis heute nicht, wann man ihre Leiche gefunden hat. Es hat keine Todesanzeige gegeben, kein Grab, nichts. Alles, was ich tun konnte, war, dafür zu sorgen, dass für ihren Hund ein schönes, neues Plätzchen gefunden werden konnte.»

* Name der Redaktion bekannt

Autor: Anne-Sophie Keller

Fotograf: Salvatore Vinci