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26. Mai 2015

«Es ist wichtig, eine Vertrauensperson zu haben»

Ihre Nachbarschaft ist nicht freiwillig: Kreshnik Krasniqi und Petar Gashi sitzen beide im Regionalgefängnis Thun in Untersuchungshaft, Zelle an Zelle. Die beiden Kosovaren haben sich auf Anhieb gut verstanden.

Zellennachbarn im Regionalgefängnis Thun
Zelle an Zelle: Kreshnik Krasniqi (vorn) und Petar Gashi im Regionalgefängnis Thun.

Sie machen, was alle guten Nachbarn tun: Sie helfen sich aus mit Kaffee, tauschen die Tageszeitungen, gehen sogar zusammen spazieren. Nur eins dürfen sie nicht: ihr Zuhause verlassen. Kreshnik Krasniqi* (43) und Petar Gashi* (51) sitzen beide in Untersuchungshaft im Regionalgefängnis Thun BE. Krasniqi wegen Diebstahls, Gashi wegen Einbruchs. Kennengelernt ­haben sie sich bei einem Spaziergang in einem der Innenhöfe mit den hohen Mauern, am 22. Oktober 2014. Damals wurde Krasniqi vom Regionalgefängnis Burgdorf nach Thun verlegt, wo Gashi bereits seit Mitte Juni sass. «Wir sprechen die gleiche Sprache, deshalb haben wir miteinander zu reden begonnen», sagt Krasniqi.

Sie sprechen zusammen über alles

Die Kosovaren verstanden sich auf Anhieb, seit vier Monaten bewohnen sie benachbarte Zellen. «Natürlich lernt man unter diesen Bedingungen nur bestimmte Seiten voneinander kennen», sagt Gashi. «Man kann nirgends zusammen hin, lernt weder Freunde noch die Familie des anderen kennen.» Aber sie reden viel, «über alles», sagt Krasniqi. Ihre Familien, die Politik im Kosovo, Sport, ihre Situation, auch über ihre Taten, die Gründe, die Scham.

Beide sind schon zum zweiten Mal im Gefängnis. «Das ist auch richtig so. Wir haben Fehler gemacht, und das muss bestraft werden», sagt Gashi, der einige Jahre mit einer Schweizerin verheiratet war und nach der Scheidung auf die schiefe Bahn geriet. Sein erster Gefängnis­aufenthalt in St. Gallen kostete ihn die C-Bewilligung und führte zu einem ­zehnjährigen Landesverweis. Trotzdem kam er in die Schweiz zurück, weil er hier noch immer Familie hat. Er arbeitete erst schwarz auf dem Bau und machte dann den erwähnten Einbruch. «Ich schäme mich, und ich bin froh, dass wir hier in Thun so gut behandelt werden. Die Betreuer sind alle sehr anständig, und das Essen ist gut.» Viele sässen im Gefängnis und würden über die Schweiz schimpfen. «Dabei haben sie Scheisse gebaut. Sie sind schuld, nicht die Schweiz. Es ist ein schönes Land.»

Auch Krasniqi war nur als Tourist hier. Er lebt eigentlich in Holland, ist auch geschieden und hat zwei Kinder, die bei ihrer Mutter wohnen. Monatelang schon hat er sie nicht mehr gesehen. «Ich geriet an die falschen Leute, habe viel getrunken und dann diese Dummheit gemacht.» Er beteiligte sich am Diebstahl einer grossen Menge von Zigaretten und wurde erwischt. «Ich schäme mich. Aber es ist passiert, und ich kann es nicht ungeschehen machen. Ich kann nur verhindern, dass es je wieder passiert.»

Das Schwierigste im Gefängnis sei, dass man ganz allein mit allem fertig werden müsse. Etwa mit schlechten Nachrichten von zu Hause, sagt Krasniqi. «Umso wichtiger ist es, wenigstens eine Vertrauensperson zu haben, mit der man über diese Dinge reden kann.» Und das ist Gashi.

Nachbarschaft auf Zeit

Die beiden arbeiten fast täglich gemeinsam in der Wäscherei, um etwas Geld zu verdienen. Damit können sie sich ein Mal pro Woche beim internen Kiosk Lebensmittel kaufen. Sie trainieren auch mehrmals pro Woche zusammen im Sportraum. «80 Prozent der Zeit verbringen wir miteinander», so Krasniqi. Dazu kommen ab und zu noch andere Häftlinge, mit denen sie sich gut verstehen. Aber es sind nie sie selbst, die entscheiden, ob die Zellentüren aufgehen und sie eine dieser Aktivitäten machen dürfen oder nicht. Und wenn die Türen zu sind, haben sie nur sich selbst, den Fernseher mit seinen paar Sendern und etwas Lesematerial.

Hinzu kommt: Sie leben eine Nachbarschaft auf Zeit. Eine, die jeden Tag zu Ende gehen kann. Ein U-Haft-Gefängnis ist eine Durchlaufstation; schon morgen kann der eine oder andere verlegt werden. Krasniqi weiss seinen Gerichtstermin schon: 1. Juni 2015. Bei Gashi ist der Ablauf noch weniger klar. Er hat auch keinerlei Vorstellung, wie ­lange er letztlich im Gefängnis bleiben muss. Krasniqi hofft auf nicht mehr als drei Jahre. Mit etwas Glück dürfte er nach 24 Monaten wieder raus, zurück nach Holland zu seiner Familie. Dort will er sich dann wieder richtige Arbeit suchen, zum Beispiel als Chauffeur. «Ich bin ein guter Arbeiter, hier drinnen genau wie draussen.» Gashi will zurück in den Kosovo, wenn er wieder frei ist. Dort allerdings ist die wirtschaftliche Situation alles andere als rosig. «Aber ich möchte sowieso nicht in Europa bleiben.» Sein Traum ist es, nach Kanada oder in die USA auszuwandern. «Dort brauchen sie Leute, die anpacken können», sagt der Automechaniker.

Werden die beiden sich wiedersehen, wenn sie dereinst ihre Zeit im Gefängnis hinter sich haben? Wie aus er Pistole geschossen kommt von Krasniqi «Ich glaube schon» und von Gashi «Ich glaube nicht» – worauf beide lachen müssen. «Wir werden nachher ziemlich weit weg voneinander ­leben», sagt Gashi, «das wird schwierig.» Krasniqi ist optimistischer. «Ich bin sicher ab und zu in Kosovo zu Besuch. Ausserdem gibt es heute ja Facebook und Skype, das kriegen wir schon hin.»

Noch aber erfreuen sie sich ihrer Nachbarschaft, so lange das halt möglich ist. Denn schon jetzt ist klar: Wenn einer der beiden plötzlich in ein anderes Gefängnis verlegt wird, werden sie einander vermissen.

*Namen der Redaktion bekannt

Fotograf: Salvatore Vinci