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26. Mai 2015

«Wir teilen viel, da braucht es Übergänge in sinnvoller Distanz»

Peter Scholer und Susi Sailer wollen die Nachbarschaft über den Rhein pflegen. Darum kämpfen sie dafür, dass Rheinfelden (Schweiz) und Rheinfelden (Deutschland) bald wieder mit einem Steg verbunden sind.

Leben am Rhein
Peter Scholer und Susi Sailer wollen die Nachbarschaft über den Rhein pflegen. Darum kämpfen sie dafür, dass Rheinfelden (Schweiz) und Rheinfelden (Deutschland) bald wieder mit einem Steg verbunden sind.

Über 100 Jahre gab es in Rheinfelden zwei Brücken über den Rhein. Eine grosse breite aus Stein und eine kleine schmale aus Eisen. Der Eisensteg war Teil des historischen Kraftwerks, das 2011 vollständig ­zurückgebaut wurde. Seither fehlt den Rheinfeldern beidseits des Rheins ein wichtiger Verbindungsweg: «Der Steg istaus städtebaulichen und touristischen Aspekten wichtig», sagt alt Vizeammann Peter Scholer (68), der die Interessengemeinschaft Pro Steg präsidiert. Das Kurzentrum und das Spital etwa würden viele Grenzgänger beschäftigen, die früher mit dem Velo oder zu Fuss über den alten Steg gekommen seien. Zudem sei die Grenze in den letzten Jahren viel durchlässiger geworden. «Heute teilen wir viel mit Badisch-Rheinfelden, wie etwa die Bibliothek und viele Vereine. Da braucht es Übergänge in sinnvoller Distanz.»

Nicht immer war das Nachbarschaftsverhältnis der beiden Rheinfelden so entspannt. In den Kriegsjahren waren die Grenzen dicht, und bis in die 80er-Jahre waren in beiden Städten Männer am Ruder, die in den Kriegswirren sozialisiert wurden. Versöhnt hat man sich über die Jahre auf der sogenannten AHV-Runde: dem sonntäglichen Spaziergang über die beiden Brücken mit Einkehr in einer oder mehreren Beizen entlang der Strecke. «Um diese Tradition zu erhalten, die längst nicht nur von Alten gepflegt wurde, brauchen wir einen Ersatzsteg», sagt Susi Sailer (48), Vizepräsidentin der IG Pro Steg und Vertreterin der badischen Seite.

In Rheinfelden Schweiz stiess die IG Pro Steg schnell auf offene Ohren: Die Gemeindeversammlung sprach sich noch 2011 für die Erneuerung des Stegs aus. Auf der deutschen Seite hingegen hat das Volk kein direktes Mitspracherecht. Solche Entscheide liegen in der Hand des Gemeinderats. Dieser aber zögerte lange, sich an den Kosten von rund sechs Millionen Franken zu beteiligen – unter anderem auch, weil die Kasse längst nicht so gut gefüllt ist wie ennet dem Rhy. 2013 sagten auch die deutschen Behörden Ja zum Steg. Inzwischen führten die beiden Städte einen Ideenwettbewerb für den Brückenschlag durch und vergaben den Auftrag an ein Ingenieurbüro aus Deutschland. Der Übergang soll bis spätestens 2017 realisiert werden. Nun müssen die beiden Städte nur noch zur Ausführung Ja sagen.

Dazu muss man wissen: Peter Scholer hat Erfahrung im Mobilisieren von binationalen Interessengruppen: In den 70er-Jahren gründete er die «Gewaltfreie Aktion Kaiseraugst» und war federführend im Kampf gegen das geplante Atomkraftwerk. Anders als vor 50 Jahren kann er heute auch auf finanzielle Hilfe aus Bern und Brüssel zählen. Der Bund und die Europäische Union beteiligen sich aus ihren Fonds für regionale Entwicklung mit jeweils rund zwei Millionen am Steg.

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Salvatore Vinci