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26. Mai 2015

Nachbarfest statt YB-Match

Gartenkistchen
Die Gartenkistchen wurden beim Nachbarsfest gemeinsam bemalt.

Es klingelt, und weil es bei uns zwei unterschiedliche Klingeltöne gibt, je nachdem, ob jemand drunten vor der verschlossenen Haustür oder bereits vor unserer Wohnung wartet, weiss ich: Das ist ein Nachbars-, kein Fremdklingeln. Also kein Paketpöstler, kein Monteur, keine Zeugen Jehovas; ich kann die Tür öffnen, wie ich grad bin, zerzaust, im Unterleibchen, wie auch immer. Denn vor der Tür steht – ahnte ichs doch! – ein kleiner krauser Blondschopf, der Finn vom unteren Stock: Ob er zwei Zitronen haben dürfe, sie würden drum Zitronenguetsli backen. Er und sein Vater haben öfter solch spontane Ideen, mal fehlt dann halt ein Ei, mal Milch, mal Butter. Kein Problem, umgekehrt hole auch ich bei ihnen jeweils Reis, Zwiebeln oder was ich sonst einzukaufen versäumt habe. Finn bittet also um zwei Zitronen, und ich bin selber baff, dass wir noch zwei Stück vorrätig haben.

Bänz Friedli hat super Nachbarn.
Bänz Friedli (50) hat super Nachbarn.

Nachbarschaft ist etwas Wunderbares. Man hat sie sich ja nicht ausgesucht. Dennoch helfen wir uns, wo es geht, giessen Pflanzen, organisieren Mittagstische, leihen einander das Leiterwägeli aus, um etwas in die Sperrgutabfuhr zu transportieren, und geben Kinderkleider weiter. Vielleicht haben wir Glück, aber: Unsere Nachbarschaft ist eine arschlochfreie Zone. In vollen zehn Jahren gab es bei uns nie Streit um die Waschküche. Nie! Und das bei zwei Maschinen auf neun Parteien. Im Gegenteil: Man springt ein, hilft sich aus, hängt auch mal jemandem die Wäsche auf, wenn er sie in der Trommel vergessen hat, und legt Getrocknetes zusammen. Gute Nachbarschaft ist unspektakulär wie alles Wichtige im Leben.

Wundern Sie sich deshalb nicht, dass ich vorigen Sonntag, statt das Fussballspiel Basel - YB schauen zu gehen, ein ungezwungenes Grillfest mit den Nachbarinnen und Nachbarn veranstaltete. Zuerst bemalten wir mit den Kindern unsere Gartenkisten, die wir auf einem Vorplatz aufgestellt haben, dann sassen wir gemütlich im Schatten zusammen.
Nachbarn sind beste Freunde, zu denen man nicht «Freunde» sagen muss. Doch sie sind, was Freunde sein sollten: Sie sind einfach da. Als ich Ulrike vom unteren Stock unlängst im Treppenhaus einen Kummer anvertraute und mich sogleich entschuldigte, sie damit zu belasten, meinte sie nur: Nein, das sei doch okay. «‹Thanks for sharing›, würden Amerikaner in diesem Fall sagen», lachte sie. Und ich glaube, genau darum geht es: ums Teilen. Ums Teilen von guten und schwierigen Momenten.

Oder auch mal nur ums Teilen von Backzutaten. Gegen Abend kommt Finn mit einem Teller und lässt uns von seinen Zitronenguetsli naschen. Mmmh, sind die fein! Fast wie selber gemacht.

Bänz Friedli live: 29. 5. Wängi TG; 2. 6. Zürich, «Hechtplatz».


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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli