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12. Januar 2015

Hirnverletzung: Nichts wie es mal war

Jedes Jahr erleiden rund 20 000 Menschen eine Hirnverletzung. Eine von ihnen ist Sarah Stucki.

Sarah Stucki
Sarah Stucki hat wieder einen 20-Prozent-Job als Lehrerin.

Auf den ersten Blick ist die Bernerin Sarah Stucki (34) eine selbstbewusste, gross gewachsene, junge Frau. Sie hat eine offene Art, auf Menschen zuzugehen, und spricht ohne grosse Scheu mit Fremden. Erst auf den zweiten Blick zeigt sich, dass vieles davon Fassade ist, wie sie selber sagt. «Ich verstecke manchmal hinter dem selbstsicheren Auftreten und viel Ironie meine Unsicherheit.» Denn Sarah Stucki hat ein Handicap – von Behinderung spricht sie nicht gern – sie ist hirnverletzt.

Der 8. April 2004 war der wohl einschneidendste Tag im Leben der jungen Bernerin, auch wenn sie selber keine Erinnerung an den Tag hat. Sie war 24, steckte voller Leben, wohnte in einer WG, ging tanzen, machte regelmässig Sport, zog mit Freunden um die Häuser, hatte soeben in Biel eine Stelle als Lehrerin einer 6. Klasse angetreten. «Ich genoss das Leben und hatte Pläne für die Zukunft», beschreibt sie sich rückblickend selber.

Dazu gehörten auch Ferien, die sie über Ostern 2004 zusammen mit ein paar Freundinnen in Sardinien verbrachte. Während eines Ausflugs mit dem Auto, Sarah sass hinten links, tauchte in einer Kreuzung von links plötzlich ein Wagen auf und rammte das Fahrzeug, in dem sie sass. Die Wucht des Aufpralls katapultierte ihren Kopf gegen die Seitenscheibe.

«Ich erwachte aus dem Koma praktisch als Säugling»

Erst sechs Wochen später erwachte Sarah Stucki wieder aus dem Koma. Wochen, die ihr Leben komplett auf den Kopf stellten. «Vor dem Unfall wollte ich auf dem zweiten Bildungsweg die Ausbildung zur Physiotherapeutin machen», erzählt sie. «Nun benötigte ich plötzlich selber Therapien.» Diagnose: schweres Schädel-Hirn-Trauma (SHT). Das sind Verletzungen am Kopf, bei denen das Gehirn, die Hirnhäute, die Blutgefässe im Gehirn und teilweise der Schädelknochen mit einbezogen sind.

«Ich erwachte aus dem Koma praktisch als Säugling, konnte weder sprechen noch gehen, noch selber essen, lesen oder schreiben, war halbseitig bewegungsunfähig und konnte erst nach Wochen Fragen knapp mit Ja oder Nein beantworten.» Besucher, selbst gute Freunde, erkannte sie nicht.

Heute, nach über zehn Jahren intensiver Therapie und ständigem Auf und Ab, hat sie zwar vieles wieder gelernt. Doch auch wenn sie äusserlich unverletzt wirkt und weder durch entstellte Gesichtszüge auffällt noch im Rollstuhl sitzt, hat das SHT tiefe Spuren hinterlassen. An den Unfall oder die drei Monate vor dem Unfall hat sie bis heute keine Erinnerung. «Ich war erinnerungsmässig weder in Sardinien, noch unterrichtete ich je eine 6. Klasse», erzählt sie. Auch vom ersten Jahr in den verschiedenen Spitälern und Rehabilitationskliniken, hat sie nur noch vereinzelte unscharfe Bilder im Kopf.

Würde sie nicht den rechten Fuss leicht nachziehen und etwas unsicher gehen, sähe man ihr das Handicap nicht an. «Das ist genau das Problem bei vielen Hirnverletzten» erklärt sie. Das sei eine Verletzung, bei der Betroffene mit viel Unverständnis und Vorurteilen konfrontiert werden.

Koordination und Kurzzeitgedächtnis eingeschränkt

Als Beispiel erzählt sie eine Begebenheit aus ihrem Alltag: «Als ich an einem Morgen etwas unkoordiniert und ein Bein nachziehend durch den Bahnhof Bern ging, hielt ein Mann mit Aktenkoffer und Krawatte an und fragte mich, ob ich mich denn nicht schäme, bereits am Morgen früh so betrunken und voll Drogen zu sein.» Während sie das erzählt, greift sich Sarah an die Brust und sagt: «Das gibt mir hier drinnen einen Stich.» Und solche Bemerkungen oder abschätzigen Blicke muss sie des Öftern über sich ergehen lassen. «Diese Leute haben keine Ahnung, wie es in mir aussieht, und doch urteilen sie.»

Sich für längere Zeit auf etwas zu konzentrieren, ist für sie noch heute schwierig, ihre Koordination ist eingeschränkt, und sie ist schnell erschöpft. Auch das Kurzzeitgedächtnis ist eingeschränkt. So musste sie ihren Lehrerberuf aufgeben, Sport war nur noch beschränkt möglich, und die Freunde arbeiteten tagsüber und hatten kaum Zeit für sie. Viele wendeten sich ganz von ihr ab, da sie nicht wussten, wie sie mit Sarahs Verletzung umgehen sollten.

«Es war der Horror», erzählt sie rückblickend. «Montag 24 Stunden nichts tun, Dienstag 24 Stunden nichts tun, Mittwoch 2 Stunden Therapie-Yoga, Donnerstag 24 Stunden nichts tun, Freitag 24 Stunden nichts tun.» Sie kam sich nutzlos und ungeliebt vor. Selbstmordgedanken schlichen sich in Sarahs Alltag.

Die Stütze in ihrem Leben war und ist ihre Mutter. «Sie baute mich immer wieder auf und machte mir klar, dass ich ein riesiges Glück hatte, überhaupt noch am Leben zu sein, und ich soll das Geschenk des zweiten Lebens nutzen und es geniessen.»

Sie reiste allein durch Irland und Namibia

Sarah Stucki lernte so, ihr Handicap zu akzeptieren, lernte, den Unfall nicht mehr als elementar hinzustellen, sondern mit den Folgen umzugehen. «Wenn ich heute das Portemonnaie verlege, entschuldige ich das nicht mehr mit meiner Hirnverletzung», erklärt sie, «ich weiss, das ist eben Sarah.» Sie lernte, dass ihre Energie begrenzt ist, dass sie nicht mehr so viel leisten kann wie früher. «Ich mag nicht mehr fünf Stunden wandern», sagt sie. «Nach zwei Stunden bin ich schon völlig erschöpft.»

Dennoch führt die junge Frau ein selbstbestimmtes Leben in einer eigenen Wohnung. «Ich geniesse mein Leben wieder», sagt sie bestimmt. Dazu gehört auch, dass sie allein durch Irland reiste, Namibia besuchte, wieder Zumba, Nia oder Yoga macht und sich in Selbsthilfegruppen für Hirnverletzte engagiert. Seit sechs Jahren arbeitet sie auch wieder. Sie bekam ein 20-Prozent-Pensum als Lehrerin in einer Tagesschule. «Das gibt mir enorm viel, denn ich muss mit Menschen arbeiten können.»

Und trotz all der Fortschritte musste sie Abstriche machen: «Das Thema Kinder habe ich abgehakt», sagt sie bedauernd. «Ich kann ja nicht einmal 100-prozentig für mich selber sorgen, wie soll ich da 180 Prozent für ein Kind aufwenden können?»

Und auch zehn Jahre nach dem verhängnisvollen Unfall ist ihr Leben noch immer ein Ausprobieren: «Was geht, wie weit kann ich gehen, wie viel Energie habe ich?» Und dabei stellte sie immer wieder fest: «Eigentlich geht ganz viel.»

Autor: Thomas Vogel

Fotograf: Vera Hartmann