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24. Juni 2014

Juli bis September 1945: Das russische Abenteuer

Das Migros-Magazin suchte zum Supergedenkjahr Andenken oder Bilder von Leser(inne)n zu beiden Weltkriegen oder dem Mauerfall. Detlev K.E. Bandi sandte uns diesen Bericht seines Vaters Leo R. Bandi, der 1946 erstmals im 'Landboten' erschien.

Als die Russen in unser Städtchen einzogen, war ich mit meinen drei Buben alleine zu Hause, meine Frau lag immer noch im Spital in Gera und wegen Typhus standen wir zur selben Zeit unter Quarantäne. Nebst den 2'000 Einwohnern haben inzwischen 1'200 russische Besatzungstruppen bei uns Quartier bezogen. Sämtliche Häuser und Wohnungen waren überfüllt und von den Russen beschlagnahmt.

Meine Firma, die Bayer I.G. Farben, stellte beim Einzug der Russen sofort die Arbeit ein. In einem beispiellosen Durcheinander gelang es mir zweimal unter grösster Gefahr, die gesperrte Stadt zu verlassen und meine Frau im Spital zu besuchen. Bei dieser Gelegenheit versuchte ich einen Passierschein für die Fahrt nach Bayern zu holen, leider vergeblich. Mein Auto, ein Adler-Sportcabriolet mit Anhänger für 700 Kg Gepäck stand fahrbereit unter Stroh und Heu versteckt in einer Scheune. Die Verständigung mit den Russen war äusserst schwierig. Der Dolmetscher war erst nach Empfang von Zigaretten oder ähnlicher seltener Sachen bereit, zu übersetzen.

Am 2. Juli wurde die Klinik in Gera von den Russen beschlagnahmt und meine Frau war gezwungen, mit noch offener Wunde, in einem steinalten Bus die 15 km nach Köstritz zu fahren. Nach 10 Tagen erschien ein russischer Offizier bei uns und forderte uns mit barschen Worten auf, das Schloss in 1 ½ Stunden zu verlassen. Russische Lastwagen stünden bereit, um uns ins neue Quartier zu fahren. Ich verliess mich aber nicht darauf und holte bei meiner Firma unser Tempo-Dreirad, genannt der Blechesel. Damit transportierte ich unsere Habseligkeiten zu einer befreundeten Familie, die uns trotz Platzmangel sofort aufnahm. Als ich die letzte Fuhre holte, standen die anderen Bewohner inmitten ihrer Möbel immer noch im Hof und warteten auf die Lastwagen. Am anderen Morgen standen sie immer noch da und die Russen hatten in der Zwischenzeit das Schloss restlos geräumt. Was dabei aus reinem Unverstand und Vandalismus zugrunde ging, spottet jeder Beschreibung. Von einer wundervollen Sammlung aus den ersten Anfängen der Meissner Porzellan Manufaktur blieb nur ein einziges Stück übrig; ein Elefant und der befindet sich noch heute in unserem Besitz. Die mit Gobelins bespannten Wände wurden aus hygienischen Gründen mit Kalk überschmiert und die Bilder wurden aus den Rahmen gerissen, um diese später als Brennholz zu verwenden. In jener Nacht wurden Werte im Betrag von über einer Million zerstört.

Weil ein grosser Bedarf an Arzneimitteln herrschte, nahm meine Firma nach einer Woche den Betrieb wieder auf. Vom russischen Kommandanten liessen wir uns einen Schein ausstellen, wonach jedes Requirieren von Ware ohne spezielle Erlaubnis verboten war. Der bei uns stationierte Sanitätsstab wurde von einem 22-jährigen Oberleutnant geleitet, der mich für einen Vertreter des Roten Kreuzes hielt. Ich trug immer ein kleines Schweizer Kreuz als Abzeichen, das schon damals mit dem Roten Kreuz verwechselt wurde; eine Angelegenheit, die mir noch oft nützlich sein sollte.
Dieser Arzt, ein Hals-, Nasen- und Ohrenspezialist, sprach ziemlich gut deutsch. Auf meine Frage, was geschieht, wenn ein Soldat mit Blinddarm eingeliefert wird, erklärte er mir ohne Aufregung: «dann Soldat warten bis Blinddarmspezialist kommt». Da Russen keinen Spott vertragen, unterdrückte ich mein Lächeln mit Mühe. Für sein Lazarett verlangte er das Medikament Cibazol zu kaufen. Vier Offiziere und fünf Soldaten holten die Ware ab, und unser ganzer Bestand im Wert von über 10'000 Mark war restlos ausverkauft.

Als sich ein russischer Soldat beim Motorradfahren den Schädel eingeschlagen hatte, wurde ich von einem Offizier mit vorgehaltener Pistole gezwungen, diesen mit dem Auto ins Lazarett zu fahren. Dort war nur der Hals-, Nasen- und Ohrenspezialist anwesend, und so durfte der verunglückte Iwan warten, bis der Spezialist «Schädel, Arm und Bein» im Lazarett erschien. Ein kunstliebender Hauptmann vom politischen Stab liess sich jeden Abend in seinem Quartier von der Dame des Hauses auf dem Klavier vorspielen. Nach wenigen Tagen erklärte er dem Hausbesitzer, er solle sich von seiner Frau scheiden lassen. Die nehme er, obwohl auch verheiratet, jetzt für sich in Anspruch, Diese und ähnliche Geschichten waren an der Tagesordnung. Am schönsten aber war der Betrieb im Sommerbad, wo die Soldaten, teilweise nur mit Schirmmütze bekleidet, im Bassin ihre Hemden wuschen...

Anstelle der Buchenwälder hatten nun ehemalige K.P.D. Mitglieder unter russischer Oberaufsicht eine neue Regierung gebildet. Nach drei Wochen wurden aber der Bürgermeister und der Polizeichef durch Leute aus der S.P.D. ersetzt. Von den früheren Funktionären war keiner mehr zu sehen und so wurde eben nach «Schnauze» regiert.
Eines Tages sah ich mein Auto mit einem Russen am Steuer, ein Ortsbewohner hatte mein Versteck verraten. Als ich beim Kommandanten reklamierte, wurde ich an eine andere Stelle verwiesen und als ich mich auf meinen Schutzbrief berief, wurde ich ziemlich heftig rausgeschmissen. Dieser Schutzbrief wurde von den Russen überhaupt nicht respektiert und sogar der einfachste Soldat wusste, dass unser Konsulat in Leipzig es vorgezogen hatte, vor dem Einmarsch der Russen zu verschwinden. Wir Schweizer hatten keine Stelle mehr, wo wir Schutz oder Hilfe gefunden hätten. Es würde zu weit führen, wenn ich all die kleinen und grossen Erlebnisse schildern würde, die wir im Lauf der sechs Wochen unter russischer Besatzung mitmachen mussten, das allergrösste Abenteuer stand uns ja noch bevor.

Am 24. August 1945 erschien ein deutscher Polizist mit dem Ausweisungsbefehl. Der russische Kommandant hatte verfügt, dass alle Ausländer (Polen, Franzoschen, Belgier, Holländer, Ukrainer und Schweizer) sich am nächsten Tag punkt 12 Uhr mit dem nötigsten Gepäck, maximal 10 Kg pro Person, vor dem Rathaus einzufinden hätten. Ein Sammeltransport würde uns in ein Internierungslager fahren, und von dort sollte in wenigen Tagen der Transport in die Heimat erfolgen. Ich wollte nicht mit dem Sammeltransport fahren und rannte daher von einem Kommandanten zum anderen. Überall hiess es «Perkas», auf Deutsch: Befehl ist Befehl, und Ausnahmen würden keine gemacht. Da im 15 km entfernten Gera noch kein Ausweisungsbefehl erfolgt war, schickte ich meine Frau und die Kinder auf einem Lastwagen dortin. Ich selbst fuhr einige Stunden später. Unser Gepäck, sechs Koffer und drei Bettsäcke hatten wir bei Bekannten deponiert.
In Gera fanden wir Aufnahme beim Professor, der meine Frau operiert hatte. Eines Abends, wir hörten gerade Radio Beromünster, vernahmen wir, dass am 3. September ein schweizerischer Sanitätszug russische Internierte aus der Schweiz an die russisch-amerikanische Demarkationslinie bei Hof in Bayern bringen würde, um sie von dort in die Heimat zu fahren. Dies war für uns Signal zum Aufbruch, umso mehr ich in der Zwischenzeit erfahren habe, dass ich wegen Nichtbefolgen des Ausweisungsbefehls von den Russen verhaftet werden sollte. Für 1'000 Mark mietete ich einen kleinen Lastwagen und am 1. September fuhren wir von Gera ab. Gegen Abend kamen wir todmüde in Schöneberg bei Plauen an, wo wir in einer ehemaligen Textilfabrik unsere erste Unterkunft fanden.
20 Schweizer waren bereits dort und der Lagerleiter informierte uns, wenn 60 Schweizer zusammen sind, geht der Transport ab in die Heimat. In dem Lager befanden sich bereits Holländer, Belgier, Franzosen, Spanier und Oesterreicher. Am 3. September fuhr ein Italiener Transport Richtung Süden und ich bat den Kommandanten, bis nach Hof mitfahren zu dürfen, was dieser sofort ablehnte. Inzwischen waren noch mehr Schweizer angekommen, so dass wir 63 Personen waren. Der Kommandant des italienischen Zuges war bereit, uns zwei Wagen bis nach Hof zur Verfügung zu stellen. Leider blieb es aber ein Traum, denn um 10 Uhr wurden sämtliche Franzosen, Holländer, Belgier und Luxemburger aufgefordert, sich zum Italienerzug zu begeben. Mit wehmütigen Gefühlen und neidvollen Augen schauten wir dem Zug nach, der mit fröhlichen, singenden Leuten, geschmückt mit italienischen Fahnen, zu den Amerikanern hinüberfuhr. Für uns Schweizer fing nun eine Leidenszeit an, die ich mit einfachen und wahrheitsgetreuen Worten schildern will, auch auf die Gefahr hin, dass die ganze Geschichte wie ein Abenteuerroman klingt.

Wir wurden nun zur Arbeit zugeteilt; Lager sauber halten, die Frauen in der Küche Kartoffeln schälen, Geschirr waschen, die Männer Latrinen putzen, Holz sägen etc. Als ein Spezialist für 'Elektrisch' gesucht wurde, habe ich mich gemeldet. In der Schneiderei für die Offiziere der russischen Armee sollte elektrisches Licht installiert werden. Auf meine Frage nach dem nötigen Material führte mich ein Offizier zu einer Fabrik, schlug dort die Scheibe ein und gab mir zu verstehen, ich soll das Nötige einfach herausreissen. Mein Werkzeug bestand aus einem Beil und meinem Militärmesser, und trotzdem gelang das Werk, das Licht brannte. Allerdings eine Installation, die nicht einmal ein Lehrling anerkannt hätte. Die Russen waren begeistert und zur Belohnung erhielten wir 100 Gramm Rohzucker und Butterschmalz. Die Ernährung im Lager war einigermassen zufriedenstellend, was wir später erhielten war mehr als schlimm. Wer fleissig war erhielt ab und zu einige Gramm Tabak und auf Schleichwegen organisierten wir bei den Bauern Kartoffeln sowie Schmalz. Damit konnte meine Frau zwei bis drei mal Rösti machen. Pro Kind bis zu zehn Jahren wurde jeden Tag ein halber Liter Milch verteilt und dazu etwas Weissbrot, was ein wenig Abwechslung in das tägliche Einerlei der russischen Küche brachte. Eine Wasserleitung gab es nur in der Lagerküche, aber die durften wir nicht benützen. Wasser gab es für uns nur im Bach hinter dem Bahnhof, und obwohl die Soldaten im Bach ihre Wäsche wuschen, sind wir glücklicherweise nie krank geworden.

Nach weiteren 14 Tagen im Lager wurden wir aufgefordert zu packen. Wir sollten am nächsten Tag direkt in die Heimat gefahren werden. Am Abend erschienen tatsächlich drei grosse Lastwagen, doch als wir nach dem Ziel fragten, fuhr uns ein heftiger Schreck in die Glieder. Man nannte uns Frankfurt an der Oder. Da erfuhren wir ein weiteres Mal das beispiellose Organisationstalent der Russen. Statt 17 km nach Hof ins amerikanisch besetzte Gebiet zu fahren, sollten wir 500 km in östliche Richtung an die russisch/polnische Demarkationslinie gebracht werden. Wir schliefen schlecht in jener Nacht; Fluchtpläne wurden gemacht und wieder verworfen. Widerstand war sinn- und zwecklos.

Um die Mittagszeit standen die Lastwagen vollbeladen mit Menschen und Gepäck bereit. Als endlich die Wachmannschaften zugestiegen waren, ging die Fahrt los, um nach zwei Minuten wieder gestoppt zu werden. Der Herr Kommandant persönlich nahm noch zwei Fahrräder vom Wagen, dann gab er das Zeichen zur Abfahrt. Bei strömenden Regen ging die Fahrt Richtung Chemnitz, Dresden und Berlin. Die Fahrer legten ein rücksichtsloses Tempo vor, war eine Brücke zerstört, wurde quer durch Wiesen und Acker gefahren, wir wurden durchgerüttelt und mit Dreck bespritzt. Wir waren alle niedergeschlagen und verzweifelt, keiner wusste welchem Schicksal wir entgegen fuhren. Einziger Lichtblick auf dieser Fahrt war die Schweizer Fahne (von meiner Frau aus Stoffresten genäht), die unser Ältester nie aus den Händen liess. Hungrig und müde hofften wir auf einen Halt, um die Knochen zu strecken und etwas zu essen. Nach etwa drei Stunden ertönten zwei Schüsse und die Wagen stoppten. Was war geschehen? Einem Russen war seine Mütze weggeflogen. Bei dieser Gelegenheit durften wir auch aussteigen, aber nach 10 Minuten ging die Fahrt ins Graue schon wieder weiter, glücklicherweise hatte es zu regnen aufgehört. Was wir auf der Fahrt an Zerstörung und Elend gesehen haben, führte uns so recht die Sinnlosigkeit dieses Krieges vor Augen. Nach etwa sieben Stunden kamen wir am sogenannten Ostring der Berliner Reichsautobahn an. Links und rechts war die Strasse mit Trümmern von Panzern, Flakgeschützen und abgestürzten Flugzeugen übersät, die reinste Fundgrube für einen Alteisenhändler.

Wir hielten vor einer scheinbar leerstehenden Villa. Unser Transportführer ging auf das Haus zu und öffnete die Türe mit einem Fusstritt. Nach kurzer Zeit kam er wieder aus dem Haus mit einem Korb voll Äpfel und lief direkt in die Mündung einer Maschinenpistole. Die Villa war nicht leer, sie diente einem russischen Offiziersposten als Quartier. Durch das geräuschvolle Öffnen wurden die Wachtposten aufmerksam, rannten herbei und verhafteten unseren Transportführer. Die Überraschung war wohl auf beiden Seiten gleich gross; heftig schreiend und fluchend wurde unser Mann von seinen eigenen Landsleuten ins Haus geführt. Sein Stellvertreter, der auf unserem Wagen sass, rief nun seine Leute zusammen und mit entsicherten Waffen ging die ganze Truppe gegen das Haus vor. Von unserem Wagen konnten wir das Schauspiel bewundern, Russen gegen Russen. Nach einiger Zeit erschien der Offizier, dem die Villa gehörte und ein wildes Gebrüll ging los, jeder gab dem andere Schuld. Wir sassen wie auf Nadeln, jeden Augenblick konnte eine Schiesserei losgehen, und unsere Wagen, von der Mannschaft auch als Deckung genützt, standen direkt in der Feuerlinie. Ein Militäroffizier, der inzwischen auf einem Damenfahrrad erschien, klärte die Situation auf, und der Krach löste sich in Wohlgefallen auf. Wir erhielten nun die Erlaubnis, abzusteigen und zu essen. Schnell wurde ein Lagerfeuer gemacht und Kaffee gekocht. Zur Strafe, dass sich unser Transportführer daneben benommen hatte, durften unsere Kinder nicht im Haus übernachten und wir mussten sie zum Schlafen auf dem Lastwagen hinlegen. Die Männer 'durften' im Wald Holz holen und die ganze Nacht für die Machmannschaft ein Lagerfeuer unterhalten. «In der Eile» hatten die Russen vergessen, Proviant mitzunehmen, und so durften wir unsere kläglichen Rationen mit ihnen teilen. Da wir nach dieser Aufregung nicht schlafen konnten, vertrieben wir uns die Zeit mit Jodeln und Holz sammeln. Um 7 Uhr ging die Fahrt weiter und gegen Mittag trafen wir in Frankfurt an der Oder ein. Nach einer langen Fahrt kreuz und quer durch die halbzerstörte Stadt fanden die Fahrer endlich den Sammelplatz. Dort warteten im Freien bereits über 7'000 russische Heimkehrer.

Von dem Moment an begann eine Kette von Demütigungen und Schikanen, und wir wundern uns noch heute, dass wir alles mehr oder weniger gut überstanden haben. Als erste Begrüssung kam der Befehl, dass wir alle entlaust werden sollten. Als sogenannter Ältester der Schweizer Gruppe bestehend aus 63 Personen musste ich die Leute ins Entlausungszelt führen. Damit aber entlaust werden konnte, mussten die Männer zuerst noch das Brennholz klein schlagen. Unsere Kleidung musste auch in die Desinfektion, danach waren es feuchte «Fäglümpe». Für die ganze Gruppe bekam ich einen Entlausungsschein, der sich später noch als sehr wertvoll erweisen sollte. Danach musste ich zum Kommandanten, um für meine Gruppe ein Quartier zu finden, nichts war vorbereitet. Unser Gepäck war noch auf dem Entlausungsplatz, bewacht von fünf Mann. Ohne diese Vorsichtsmassnahme hätten wir nichts mehr vorgefunden, es wurde gestohlen, was nicht niet- und nagelfest war. Erst gegen Abend fand ich eine grosse, auch schon überfüllte Reithalle ohne Beleuchtung, wo ich nach einigem Widerstand die Schweizer Gruppe unterbringen konnte.
Zum Schlafen diente der dreckige Sandboden. Pro Familie, egal ob zwei oder acht Personen, standen höchstens 5-6 Quadratmeter zur Verfügung. Am nächsten Morgen machten wir uns auf die Suche nach Brettern, Dachlatten, alten Türen, alles, was wir zum Bauen von Pritschen verwenden konnten. Unsere Registrierung im Lagerbüro bestand lediglich in der Anzahl der Frauen, Kinder und Männer, Namen wurden keine verlangt. Ich musste dann ein Formular mir vielen Stempeln und russischen Wörtern unterschreiben, eine Übersetzung gab es keine. Hätte wohl auch nicht viel genützt, denn ich konnte ja nicht wissen, ob es auch korrekt übersetzt worden wäre. Einfache Zettel von irgendeinem Quittungsblock waren unsere «Mahlzeiten-Coupons». Auch diese waren auf Russisch, und mit diesen Zetteln konnten wir jeden Tag dreimal das gleiche Essen holen, morgens, mittags und abends Graupensuppe ohne Fett und etwas Brot, meistens feucht und schimmlig. Jeden Morgen um 07 Uhr holte uns der russische Barackenchef mit dem Ruf «Dawai, dawai, robothi» («schnell, schnell, arbeiten») aus dem Schlaf. Nach dem 'Frühstück' musste bis 12 Uhr gearbeitet werden,'Mittagessen' war von 13 bis 14 Uhr und danach wieder arbeiten bis 18 Uhr 30. Arbeiten bestand aus Putzen der Lagerstrassen, Strassenbau im und zum Lager, Holz für die Küche und die Bäckerei sägen und hacken, Latrinen putzen und Aufräumen. Jede, auch die kleinste Arbeit, war jedes Mal eine 'Staatsaffäre'; einmal brauchte es 12 Mann und 3 Tage zum Bau einer Latrine. Zum Transport von vier grossen Mist- und Dreckhaufen von einer Seite zur anderen stellte uns die Lagerleitung einen Zweispännerwagen zur Verfügung, leider fehlten immer die Pferde. Als ich unseren Lagerchef auf die fehlenden Pferde aufmerksam machte, sagte er nur «Pferde miede, Swizzari selber ziechen».

Als nach einer Woche die Kinderzuteilung nicht mehr ausgegeben wurde, beschwerte ich mich beim Lagerchef. Der streckte mir die Prawda entgegen: «Du lesen». Die bewusste Stelle hatte ungefähr folgendem Wortlaut: «Aus der Schweiz wird gemeldet, dass russische Internierte schlecht behandelt werden». An Hand dieser Zeitungsnotiz liess sich unschwer feststellen, dass die Streichung der Extrazuteilung für die Kinder das Resultat dieser Meldung war. Wir waren daher gezwungen, uns irgendwie zusätzliche Lebensmittel zu verschaffen. Meine Frau hatte die Idee, mit den Russen einen Tauschhandel zu organisieren. Wir öffneten unsere Koffer und Kisten, und viele Hemden, Pullover, Kleider, Tisch- und Bettwäsche wurden getauscht gegen amerikanischen Fleischkonserven, Margarine, Tee und andere Kostbarkeiten. Die Frauen meldeten sich zudem freiwillig zum Kartoffelschälen in der Lagerküche und auf diesem Weg fand manche Kartoffel ihren Weg in unsere Röstipfannen.

Ausgang in die Stadt war streng verboten, aber mit der Zeit kannten wir die schlecht bewachten Ausgänge. Als einmal ein Posten meinen Passierschein verlangte, zeigte ich ihm den Entlausungsschein. Da die viele russische Soldaten nicht lesen konnten, wurde dieser ohne Problem als gültiger Pass angesehen. Ich merkte mir diesen Mann und die Zeiten, wann er Wache stand. Einmal wagte ich dann das Experiment und hielt ihm den Schein verkehrt unter die Nase. Siehe da, es gelang zur beidseitigen Zufriedenheit.

Von einem Apotheker in Frankfurt, den ich von meiner Tätigkeit bei der Firma Bayer kannte, bekam ich Medikamente und Verbandstoff, und konnte so vom einfachen Kopfweh bis zum offenen Beingeschwür manchem Lagerinsassen helfen. Selbst einige Russen liessen sich von mir verarzten. Doch einmal versagte leider meine Kunst. Die Entkräftung und der innerliche Zerfall eines Mannes von 75 Jahren machte in Verbindung mit der beständigen Angst immer mehr Fortschritte. Der russische Arzt war nicht bereit, ihn im Lazarett aufzunehmen und sagte nur: «Warum Lazarett, alter Mann nix gut, bekommt Spritze, stirbt um 3 Uhr, wenn hier bleiben, stirbt um 5 Uhr, kann also 2 Stunden länger leben». Am 20. September 1945, ziemlich genau um 17 Uhr, schloss der Mann, ohne sein Bewusstsein wieder erlangt zu haben, für immer seine Augen. Eine Beerdigung auf dem städtischen Friedhof wurde von den Russen abgelehnt. Vom Kommandanten erhielten wir die Erlaubnis, die sterblichen Überreste auf dem Entlausungsplatz zu beerdigen. Ein Grabkreuz in deutsche Schrift wurde auch nicht gestattet und so ruht «der alte Mann» fern von seinen Lieben in fremder Erde.

Am 23. September 1945 hiess es einmal mehr, alle Schweizer dürfen in die Heimat fahren und am nächsten morgen um 0800 zur Abfahrt bereit sein. Punkt 08 Uhr waren alle da, nur die Russen nicht. Gegen 12 Uhr 30 erschienen endlich die Lastwagen, und wir durften unser Gepäck aufladen und uns einen Platz auf dem Gepäck sichern. Ein hoher Offizier stoppte kurz darauf das ganze Geschehen und wir mussten wieder absteigen. Unser Kommandant hatte die «Lätzen verwütscht», die Lastwagen waren für eine Gruppe Belgier, Holländer, Franzosen und Spanier bestimmt.
Am 26. September war ich wieder einmal beim Stadtkommandanten, wo ich zu meiner grossen Überraschung auf einen ehemaligen Schulkameraden aus Bern traf. Er war als ehemaliger Leiter der Schweizer Kolonie in Berlin nach Frankfurt gekommen, um seine Landsleute aus dem russischen Lage frei zu bekommen. Er wollte alle 126 Schweizer nach Berlin bringen und von dort die Rückkehr in die Schweiz vorbereiten. Er versprach so rasch als möglich, Lastwagen zu schicken, aber dabei blieb es. Ein Brief, den wir an die Schweizer Kolonie in Berlin schmugglen konnten, wurde weder beantwortet, noch kamen die versprochenen Lastwagen. Uns ergriff eine tiefe Verzweiflung und wieder wurden Fluchtpläne geschmiedet, aber wir waren alle so mutlos, dass uns jede Kraft fehlte, einen vernünftigen Gedanken zu fassen.

Und dann kam er doch noch, der grosse Tag. Am 30. September wurde am Nachmittag der Befehl erteilt, wir müssten in ein anderes Lager umziehen. Wir hatten knapp vier Stunden Zeit, in ein drei Kilometer entferntes Lager umzuziehen. Es sah wirklich zum Heulen aus, wie wir loszogen, bepackt wie Lastträger und Wagen ziehend, die nur von Ferne wie solche aussahen. Es wurde immer dunkler und fing zu regnen an, als ich mit der letzten Fuhre im neuen Lager ankam. Meine Frau und meine Söhnen waren verschwunden und nirgends zu finden, bis eine andere Frau leise zu mir sagte: «Ihre Frau ist beim Apotheker, lassen sie alles stehen und liegen, sie sollen nur die Aktentasche und den Wintermantel mitnehmen und hauen sie ab». Da war guter Rat teuer, die Tasche und der Mantel waren bereits im Lager. Ich ging also ins Lager und holte dort noch einen Koffer. Als mich der russische Posten fragte, wo ich hin wollte, erklärte ich ihm, dass der Koffer nicht mir gehört und ich ihn wieder hinausbringe. Den Koffer versteckte ich hinter einem Baum, ging nochmals ins Lager, zog den Mantel an und versteckte die Tasche unter dem Mantel. Als die Wache von einem anderen Soldaten abgelenkt wurde, nützte ich den Moment und verschwand im Dunkel. Ich hörte zwei Russen die Gewehre entsichern und hinter mir herlaufen. Links von mir war ein Gartenzaun, ich warf den Koffer hinüber, mich selbst mit einem Hechtsprung hinterher und versteckte mich in einem nassen Haufen Dreck und Laub. Dort wartete ich, bis die Russen fluchend die Suche aufgaben. Danach schlich ich dem Zaun entlang zum Bahnhof und bei einem finsteren Winkel kletterte ich auf die Strasse. Um allfällige Verfolger irre zu führen. ging ich kreuz und quer durch das dunkle Frankfurt, Auf einmal stand ich an einer Strassenbahnhaltestelle, die genau gegenüber vom Lagerausgang war, wo ich ausgerückt bin.
Wie ich dorthin gekommen war, weiss ich nicht mehr. Ich bestieg eine hell erleuchtete Strassenbahn und fuhr direkt zum Apotheker. Als ich mich dort mit einer Tasse starkem Kaffee wieder einigermassen aufgerappelt hatte, begannen wir wie eine Verschwörergruppe Pläne zu schmieden. Wir beschlossen, am nächsten Morgen mit dem Frühzug nach Berlin zu fahren. Vom Apotheker liess ich mir noch eine kleine Flasche mit Opiumtropfen geben. Unser Jüngster, damals 2 ½ Jahre alt, hatte schlimmen Durchfall und seit Tagen nichts mehr essen können. Am Bahnhof mussten wir erfahren, dass der Zug noch nicht von Berlin zurück ist, und deshalb auch nicht nach Berlin fährt. Wieder begann ein banges Warten und Hoffen, bis ich um die Mittagszeit erfuhr, dass ein Güterzug mit russischen Soldaten nach Berlin fahren würde und noch 100 zivile Passagiere mitfahren können. Ungefähr 500 Meter ausserhalb des Bahnhofs stand ein Zug mit 40 offenen Güterwagen. Vor einer weit geöffneter Schiebetür stand ein russischer Offizier, und ich fragte ihn, ob wir bei ihm noch Platz bekämen. Er deutete auf meine Kinderschar und fragte kurz: «Alles deine Kinder?». Als ich bejahte, sagte er lächelnd: «Dann du rein». Die Distanz von Frankfurt an der Oder nach Berlin beträgt etwa 85 Kilometer und wir brauchten dazu von Montag, 1. Oktober mittags, bis Dienstag, 2. Oktober kurz vor Mittag. Für uns hat sich Fahrt gelohnt, brachte uns doch jede Radumdrehung der Freihat näher. Wir verliessen den Zug in Berlin-Rummelsberg und von dort liefen wir über die Geleise nach Berlin-Lichtberg zur U-Bahn. Mit dieser fuhren wir zum Alexanderplatz, wo wir zu unserer grossen Freude wieder die ersten Amerikaner sahen. Vom 'Alex' gelangten wir mit dem Bus durch die Trümmerstadt Berlin nach Charlottenburg und von dort zu Fuss zum Kurfürstendamm zur Schweizer Kolonie. Mit einem Wagen der Kolonie wurden wir zur ehemaligen Gesandtschaft gefahren, wo wir herzlich empfangen, mit Maggisuppe, echtem Bohnenkaffee und frischem Brot bewirtet wurden. Die Nacht verbrachten wir im amerikanischen «Camp for displaced persons». Wir glaubten, im Palace Hotel in St. Moritz zu sein, jede Familie erhielt ein eigenes Zimmer. Unser Jüngster wurde noch am gleichen Abend vom amerikanischen Lazarettarzt untersucht. Auf Grund seines Gesundheitszustandes war an eine Weiterfahrt nicht zu denken. So blieben wir noch 10 Tage in diesem kleinen Paradies, um danach nach Fallersleben zu fahren. Dort blieben wir noch einmal 15 Tage unter Obhut der F.A.U. (Friends Ambulance Unit). Am 22. Oktober wurden wir auf Schweizerischen Rotkreuzwagen nach Hattersheim in der Nähe von Frankfurt am Main und am zweiten Reisetag direkt nach Basel in die Hallen der Mustermesse gefahren.
Nach 1'780 Kilometern auf offenen Lastwagen von Thüringen über Frankfurt an der Oder, dann nach Berlin und Fallersleben, bei jedem Wetter unterwegs, bis wir endlich am 24. Oktober wieder den Boden unserer Heimat betreten durften. In der Quarantäne im Lager «Le Mail» in Neuenburg wurden wir mit viel Liebe und Verständnis soweit wieder aufgepäppelt, gepflegt und für unser zukünftiges Leben in der Heimat vorbereitet, sodass nach kurzer Zeit all das Schlimme, das wir erleben mussten, beinah ins Nichts versank.

Leo R. Bandi (zur Verfügung gestellt von Detlev K.E. Bandi)