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15. Juni 2015

Na und?

Trikot der US-Fussballerin Megan Rapinoe
Das Trikot der US-Fussballerin Megan Rapinoe.

Neiiin! Bitte nicht! Zuerst verlieren die Schweizerinnen ihr erstes WM-Spiel wegen eines irrtümlichen Penaltyentscheids der Schiedsrichterin. Danach sagt Torfrau Gaëlle Thalmann in die Kamera: «Ich bin sehr stolz auf meine Mannschaft!» Ramona Bachmann doppelt nach: «Wir waren die bessere Mannschaft.»
Das stimmt, und es hat sich gelohnt, für dieses Team mitten in der Nacht den Wecker zu stellen. Aber, Frauen! Sagt nicht «Mannschaft» zu euch selber!

Kolumnist Bänz Friedli
Kolumnist Bänz Friedli (50)

Ob ich schon wieder über Frauenfussball schreibe? Ich muss! Denn ich will von Megan Rapinoe erzählen, meiner Lieblingsspielerin an dieser Endrunde. Schon im Auftaktmatch erzielte die US-Aussenläuferin zwei Tore, eines davon mittels satten Weitschusses nach einer blitzschnellen Drehung um die eigene Achse – sehenswert!
Zum ersten Mal gehört hatte ich von Rapinoe, als sie eine schüchterne braunhaarige College-Fussballerin mit dicken Brillengläsern war, 18-jährig vielleicht, und auf Youtube erzählte, sie möge die Musik der Indigo Girls.
Ich horchte auf: Eine so junge Frau hört dieselben Songs wie ich alter Romantiker? Das musste mit deren Inhalt zu tun haben und damit, dass das lesbische Gesangsduo sich seit Jahrzehnten für gleichgeschlechtliche Paare einsetzt.

Bis zum Coming-out der Profifussballerin Rapinoe dauerte es noch einige Jahre, inzwischen ist sie platinblond, zu einer der besten Fussballerinnen der Welt gereift und mit der Sängerin Sera Cahoone liiert. Warum ich das erzähle? Weil es an der WM der Frauen ganz selbstverständlich ist, dass die lesbische Megan Rapinoe und ihre heterosexuelle Mitspielerin Christen Press sich nach einem Torerfolg in den Armen liegen. Weil es niemanden kümmert, dass Stürmerin Abby Wambach mit einer Frau, Goalie Hope Solo aber mit einem Mann verheiratet ist. Auch die Trainerin der US-Frauen ist lesbisch, diejenige der Schwedinnen genauso. Na und?

«Siebzehn Teilnehmerinnen an der Frauen-WM bekennen sich offen zu ihrer Homosexualität. Das sind exakt siebzehn Personen mehr als vor Jahresfrist an der WM der Männer», stellt das Magazin «Out» lapidar fest. Warum fällt es Frauen so viel leichter als Männern, Mitspielende nicht nach deren sexueller Ausrichtung zu be-, geschweige zu verurteilen? Warum ist schwulen Fussballern kein Leben ohne Versteckspiel möglich?
Der Brite Justin Fashanu wurde vom eigenen Trainer als «Schwuchtel» beschimpft und nahm sich das Leben. Der Deutsche Thomas Hitzlsperger outete sich – aber erst nach seinem Rücktritt. Einzig der Amerikaner Robbie Rogers stand als aktiver Profi dazu, schwul zu sein, worauf er die Filmrechte seiner Lebensgeschichte verkaufen konnte. Eingesetzt aber wurde er kaum mehr. Schade.


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Autor: Bänz Friedli

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