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16. Januar 2017

Mythos offene Beziehung

Paar plant das Eigenheim
Klassische Familienplanung der Generation Y: Ein Paar plant das Eigenheim ... (Bild: Keystone)

Meiner Generation eilt ein zweifelhafter Ruf voraus. Egozentrisch sollen wir sein. Verwöhnt, opportunistisch, übersensibel, stetig zweifelnd und unfähig, Verantwortung zu übernehmen oder uns festzulegen. Diese Haltung widerspiegelt sich auch in den Partnerschaften – das Modell «offene Beziehung» boomt: «Ich möchte mich nicht festlegen», «ich habe genug Liebe für mehrere Per­sonen», «Monogamie ist veraltet», so der Tenor. Es klingt, als würde das Freigeistige der 70er-Jahre wieder aufkeimen.

Anne-Sophie Keller
Anne-Sophie Keller (27)

Doch dem ist nicht so. Diverse Studien zeigen, dass die Generation Y im Grunde total «bünzlig» ist. Angesichts der (zu) vielen Möglichkeiten sehnt sie sich nach Heirat und Ehe, Einfamilienhaus, Kindersegen und festen Strukturen. Von der Hippiebewegung von anno dazumal ist sie ideologisch meilenweit entfernt.

Die offene Beziehung ist bei genauerer Betrachtung nicht mehr und nicht weniger als Egoismus und die Angst, sich auf eine andere Person einzulassen. Es könnte ja schiefgehen; es könnte ja jemand Besseres kommen. Schlechte Voraussetzungen. Es erstaunt darum auch nicht, dass die meisten dieser polygamen Konstrukte früher oder später in Tränen, gebrochenen Herzen und enttäuschten Erwartungen enden.

Doch was dann? Wie räumen wir dieses emotionale Chaos wieder auf? Die Lösung ist so hart wie einfach: Es braucht einen «reality check». Es braucht die Erkenntnis, dass «anything goes» eine Illusion war, dass man im Leben nicht alles haben kann und dass ein bisschen Verbindlichkeit manchmal notwendig ist. Weil der Haupt­gewinn noch nie mit dem Mindesteinsatz kam. 

Autor: Anne-Sophie Keller