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29. August 2016

Mutterlügen

Lügen haben kurze Beine. Und lange Nasen. Auch bei Müttern
Lügen haben kurze Beine. Und lange Nasen. Auch bei Müttern (Bild: Getty Images).

Es gibt echte Lügen, und es gibt Mutterlügen. Echte Lügen sind in anständigen Familien selbstverständlich streng verboten. Aber das andere, das ist ganz okay. Ja, ich würde sogar sagen, dass Kindererziehung nur gelingt, wenn Mami hin und wieder die Tatsachen verdreht.

So wie neulich.

Wir waren im Tessin in einem Shoppingcenter. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatten wir endlich alle Einkäufe auf unserer Liste beisammen. Noch schnell bezahlen – und dann zurück zum Wagen. So lautete zumindest mein Plan. Der hätte auch funktioniert, wären da nicht diese Teufelsmaschinen gewesen, die ein böser Mensch direkt hinter den Kassen platziert hatte.

Ich rede von den Helikoptern/Raumschiffen/Rennautos aus Plastik, die mit bunten Lämpchen und Soundeffekten (brumm-brumm-brumm) ahnungslose Kinder in ihren Bann ziehen.

Ein Franken – und das Kind fliegt mal eben zum Mond. Toll, oder?

Während ich noch die Einkäufe in Säcke stopfte, stand Eva schon vor einem Monstertruck und träumte von einer Ausfahrt. «Nur einmal ganz kurz, Mami», bettelte sie.

Da ich keine Lust hatte, unser Geld auf diese Art und Weise aus dem Fenster beziehungsweise in den Schlitz zu werfen, bemühte ich eine Mutterlüge: «Liebste Tochter, ich habe leider nur Zürcher Geld im Portemonnaie, hier müssen aber Tessiner Münzen rein …» Klappte. Der obligatorische Wutausbruch blieb aus, was sich wiederum positiv auf die Gesamtstimmung auswirkte.

Einige Tage später wandte ich den Trick in Variation erneut an, denn Mütter sind ja so clever! Ida, mittlerweile acht Jahre alt, verlangte nach meinem Smartphone, um mal schnell «etwas zu googeln». Wie bitte? Das war ja wohl das Codewort für «gamen». Da ich keine Lust auf Diskussionen hatte, schaltete ich unauffällig die Roaming-Funktion aus und reichte das Handy weiter.

«Och, Ida, das tut mir jetzt echt leid, aber das Internet geht gerade nicht.» Meine Tochter griff nach dem Gerät, zog die Stirn kraus und sagte sehr mitleidig: «Mami, du musst halt unter Einstellungen das Daten-Roaming aktivieren, und WLAN geht hier auch.»

Autor: Bettina Leinenbach