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24. Oktober 2011

Mutter ohne Verfallsdatum

Eizellen einfrieren, um den Kinderwunsch auch noch nach der Karriere zu erfüllen? Ab sofort ist das auch in der Schweiz möglich. Ethisch gesehen aber eine heikle Sache.

Mutter ohne Verfallsdatum (Bild: Katrina Wittkamp/Getty Images).
Kinderglück um jeden Preis? Mit zunehmenden Möglichkeiten nimmt auch der Druck auf die Frauen zu. (Bild: Katrina Wittkamp/Getty Images).

Frauen sind zu Regisseurinnen ihres eigenen Lebens geworden: Sie schneidern ihre Karriere nach Mass und suchen ihren Traumprinzen ohne Eile. Zumindest ist dies das Frauenbild der österreichischen Firma Ovita. Sie bietet jungen Frauen an, ihnen für 3000 Franken Eizellen zu entnehmen und einzufrieren. Später, nach der Karriere, könnten die Eizellen aufgetaut und im Reagenzglas mit den Samen des Traummanns befruchtet werden. Die Firma bietet in der Schweiz ein Verfahren an, das sonst an Uni-Spitälern nur Krebspatientinnen offensteht. Ist das Dilemma von Kind und Karriere damit gelöst? Christoph Rehmann-Sutter, Bioethiker an der deutschen Universität Lübeck, hat Bedenken. «Man hat wenig Erfahrung mit dieser Technik. Bis vor einem Jahr gab es weltweit erst 14 Kinder, vor sieben Jahren ist das erste auf die Welt gekommen», sagt der ehemalige Präsident der Nationalen Ethikkommission für Humanmedizin. «Ovita tut aber so, als ob es ein sicheres, etabliertes Verfahren wäre.» Es sei aber noch unklar, ob es Spätfolgen gebe.

Die Angst der Frauen vor Unfruchtbarkeit wird geschürt

Auch die Tatsache, dass die künstliche Befruchtung nur relativ geringe Erfolgschancen hat, die durch das Tiefgefrieren nochmals verringert werden, werde verschleiert. Stattdessen locke Ovita mit emotionalen Bildern und nähre die Angst vor Unfruchtbarkeit. Für Christian de Geyter, Chefarzt der Reproduktionsmedizin am Unispital Basel, ist es ein grosses gesellschaftliches Problem, dass Frauen immer später versuchen würden, Kinder zu bekommen. Es sei wichtig, Wunscheltern darüber aufzuklären, dass bei Frauen mit 35 Jahren die Fruchtbarkeit rapide abnehme. Durch Angebote wie jenes von Ovita könnten sie sich in falscher Sicherheit wiegen. Die Chance, mit zehn eingefrorenen Eizellen ein Kind zu gebären, liege bei etwa 30 Prozent. «Der Druck, der auf Frauen lastet, wird durch solche Verfahren nicht kleiner», sagt Willemijn de Jong, Professorin für Ethnologie an der Universität Zürich. «Mit neuen Technologien werden auch neue Erwartungen produziert. Es wird der Anschein erweckt, dass dank moderner Technik für Frauen alles machbar ist.»

Autor: Yaël Debelle