Archiv
05. Dezember 2011

Mutiger als James Bond

Auf einer Skitour vom Wallis ins Berner Oberland passiert man einen Drehort des James-Bond-Streifens «Im Geheimdienst Ihrer Majestät». Doch Bond-Darsteller Lazenby war selbst gar nicht da – er liess sich durch ein Double vertreten.

Auf den Spuren von James Bond
Wie James Bond: Bergführer Stefan Urfer springt auf der Abfahrt vom Petersgrat Richtung Stechelberg über einen Felsen.

Ratatatatata». Meterhoch stiebt der Schnee – aufgepeitscht von den Gewehrkugeln, die den Mann im blauen Overall auf den Skiern verfehlt haben. Dann springt der verfolgte Skifahrer wagemutig über einen Sérac – einen Turm aus Gletschereis. Der Mann mit dem drolligen Overall, geschnürten Skischuhen und Zipfelmütze ist Bond, James Bond. Also... nein, eigentlich ist es Leitner, Luggi Leitner – deutscher Kombinationsweltmeister von 1964. Doch davon später.

Zum Tschingelfirn, dem Drehort dieser Szene, startet unsere vierköpfige Gruppe mit Bergführer um neun Uhr morgens im Skigebiet Lauchernalp im Lötschental. Wir haben die erste Gondel genommen und Stef, unser 29-jähriger Bergführer Stef Urfer aus dem Berner Oberland, macht von Anfang an Tempo.

Im Zickzack steigen wir den steilen Hang hinauf.
Im Zickzack steigen wir den steilen Hang hinauf.

Atemberaubendes Panorama als Belohnung

Die Sonne brennt vom Himmel, es ist warm. Nach einer knappen Stunde Aufstieg mit den Fellen an den Skiern erreichen wir einen 35 Grad steilen Hang, wo es im Zickack nach oben geht. Hier sollte man die Spitzkehre beherrschen – gar nicht so einfach mit der Laufbindung. Macht man es falsch, bleibt die Skispitze im Schnee stecken; dann heisst es würgen und auf einem Ski stehend die Balance behalten. Wer in diesem Steilhang fällt, fängt bestenfalls nochmals von ganz unten an.

Oben angekommen, läuft der Schweiss in Strömen. Doch für eine richtige Pause haben wir keine Zeit. Wir setzen einen Fuss vor den anderen und traversieren so erst den Tennbach-, dann den Tellingletscher. Gibt es mal eine kurze Abfahrt, so müssen wir uns die Höhenmeter am Gegenhang gleich wieder abverdienen. Nach zwei Stunden laufen die einen unter uns sozusagen auf dem Zahnfleisch – der Puls beträgt konstant um die 160. Dabei haben wir erst knapp die Hälfte des Aufstiegs geschafft. Das schlägt auf die Psyche. Was auch nicht hilft, sind ein Knack- und später ein entferntes Wummgeräusch – Hinweise darauf, dass sich in der Schneedecke Ungutes tut.

Gut vier Stunden sind wir unterwegs, als wir den scheinbar endlosen letzten Aufstieg zum höchsten Punkt unserer Tour, dem 3202 Meter hohen Petersgrat, endlich hinter uns bringen. Hier dürfen wir immerhin 20 Minuten ruhen und uns umsehen. Es lohnt sich. Das Panorama ist schlicht atemberaubend – nicht dass es bei uns da noch viel zu rauben gäbe. Wir staunen, ruhen und geniessen: Das imposante Bietschhorn dominiert die andere Talseite, Richtung Süden und Westen blicken wir über das Walliser Gipfelmeer bis zum Mont Blanc-Massiv, und nördlich thront die Blüemlisalpgruppe.

Geschafft: auf dem Plateau des Petersgrat angekommen, werden die Felle abgezogen. Die Abfahrt kann beginnen.
Geschafft: auf dem Plateau des Petersgrat angekommen, werden die Felle abgezogen. Die Abfahrt kann beginnen.

Was nun folgt, ist die angemessene Entschädigung für einen Grossteil unserer Mühen: die Abfahrt über den Gletscher hinunter Richtung Stechelberg und Lauterbrunnental. Der Schnee ist tief und herrlich pulvrig. Bei jedem Schwung sinken wir ein und kommen durch den Auftrieb unserer Skier wieder nach oben. So kurven wir wie auf weissen Wellen über die herrlich geneigten Hänge. Anstrengend ist natürlich auch das.

Kaviar für einen blasierten 007

Die Szene mit den Sprüngen über die Séracs sei in der Nähe der Mutthornhütte gedreht worden, erzählte mir der pensionierte Skilehrer Albert Feuz aus Mürren bei den Recherchen zum Filmdreh.

Der damals 26-Jährige war 1968 Statist bei den Dreharbeiten und bekochte als Küchenchef des Hotels Jungfrau in Mürren die Filmcrew. Alle Skifahrerszenen von James Bond seien von Skichampion Luggi Leitner gedoubelt worden, verriet Feuz. Der damalige Bond-Darsteller George Lazenby war gar nie auf dem Gletscher und stand, Gerüchten zu Folge, während den Dreharbeiten nie selbst auf den Skiern. Unangenehm sei ihm Lazenby aufgefallen, erzählte Feuz weiter: «Der war ziemlich blasiert.» Überhaupt seien die vielen Partys in Mürren für die Dorfbewohner sehr gewöhnungsbedürftig gewesen. «Einmal wünschte sich die Filmcrew ein Kilo Kaviar», erinnerte sich Feuz. «Den mussten wir per Helikopter in Zürich holen.»

Mehr als 40 Jahre sind seit den Dreharbeiten vergangen, was sich uns auch dadurch zeigt, dass am damaligen Drehort heute keine Séracs mehr existieren. Der Gletscherschwund ist Realität.

Wir fahren weiter. Was nun folgt, sind lange Traversen durch teilweise recht ausgesetzte Hänge. Immer wieder müssen wir kurze Strecken gehen oder gar im Treppenschritt nach oben steigen. Die Füsse schmerzen in den harten Schuhen, doch je weiter wir nach unten kommen, desto knapper wird es mit dem Schnee. Stellenweise müssen wir die Skier tragen. Aus der Bindung, in die Bindung, aus der Bindung – das schlaucht.

Nach gut acht Stunden und nur wenigen Pausen sind unsere Energiereserven gleich Null, als wir im Weiler Trachsellauenen ankommen. Von hier müssten wir mangels Schnee knapp 45 Minuten nach Stechelberg marschieren. Glücklicherweise wartet ein Taxi, das Bergführer Stef organisiert hat. Uns erscheint der Taxifahrer wie der Erlöser. Die Verarbeitung dieser Tour wird uns noch einige Tage beschäftigen - und immer weniger als Schinderei in Erinnerung bleiben, sondern als höllisch schönes Abenteuer - ohne Kaviar und ohne Doubles.

Autor: Text Üsé Meyer

Fotograf: Thomas Senf