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17. September 2012

Musikalische Förderung zu Hause

Unabhängig von der Rolle, die der Staat der Musik in seinen Schulen zuordnet, können Eltern daheim einiges für einen sinnvollen Ausgleich der Kinder und ihre ganzheitliche Förderung tun. Eigenes Talent und Geld sind dabei kaum Bedingung, ein spielerischer Zugang schon.

Nach neuesten Studien lohnt sich Dauerberieselung mit Mozart (oder Rap) bei Babys oder gar vor der Geburt kaum – natürlich schadet es auch nichts und kann durchaus einen positiv beruhigenden Einfluss auf die Mutter haben, der sich ein Stück weit auf das Kind überträgt. Späteres Musikverständnis oder gar Ansätze zu Fertigkeiten gehen damit aber nicht einher.

Geige? Ohnehin zu früh für Kinder im Vorschulalter
Geige? Ohnehin zu früh für Kinder im Vorschulalter (Bild Keystone)

Generell gehen Wissenschaftler davon aus, dass ein Kind durchschnittlich in der ersten Hälfte des dritten Lebensjahres Musik nicht nur auf für Erwachsene unbestimmte Art wahrnimmt, sondern diese Wahrnehmung auch bereits in erste Reaktionen und Bewegungsmuster verarbeiten kann. Gewöhnlich dreht es sich zuerst einmal zu Musik, die ihm gefällt.
Mit dem vierten Lebensjahr beginnt in der Regel das spielerische und ansatzweise bewusste Variieren von Rhythmus, Tonhöhen und Akzenten beim Erzählen, es folgt erstes Mit- oder Nachsingen beliebter Kinderliedchen oder weiterer eingängiger Reim-, Vers- und Musikstücke. Das Auspropieren von Instrumenten oder zumeist von Alltagsgeräten als Instrumenten folgt parallel. Anfänge dazu können längst vor dem vierten Lebensjahr beginnen, doch ist unklar, ob es sich dabei schon um musikspezifisches Verhalten handelt oder noch um (ebenfalls wichtige) Tests von Schlagbewegungen, Aktion- und Reaktionsmustern und dergleichen. Was ja nicht unbedingt an die Produktion von Geräuschen gebunden sein muss.
WOZU DIENT MUSIK BEI KINDERN?
Im Kleinkindalter sollten also noch nicht planmässig Talente geweckt und gefördert werden. Einerseits weil es immer noch fast nichts an Resultaten bringt, andererseits, weil der Stressfaktor für eine allfällige kleine Wirkung viel zu hoch ist. Gegen das vorgesungene Gutenachtlied in Tempo und Schwierigkeitsgrad, dass die Kleinen mitsummen oder so etwas wie mitsingen können, spricht deswegen natürlich nichts. Gegen ein lustiges Ringelreihen mit dem Nachwuchs, wenn er etwas laufen kann, genauso wenig. Aber das Kind MUSS sicher nicht mitsingen und auch nicht tanzen, wenn es ihm nicht darum ist.
Ein wenig vor dem Kindergartenalter kann zu Hause durchaus spielerisch mit etwas weitergehenden Aktivitäten begonnen werden, im Kindergarten geschieht es dann spätestens ohne Eltern. Noch immer zählen aber nicht das genaue Treffen der Tonhöhe im Singen oder der exakt eingehaltene ¾-Takt mit dem Xylophon, und Talent wird sehr selten auf. Vielmehr werden jedoch nebenbei folgende Bedürfnisse mit Musik gestillt:

- Anregung von Vorstellungskraft und Fantasie
- Ein Grundbedürfnis nach Bewegung
- Austausch mit anderen (Eltern oder Gspänli), um die nichtsprachliche Ebene erweitert
- Stärkung von Gemeinschaftsgefühl und Selbstbewusstsein
- Schulung von Erinnerungsvermögen und Gedächtnis
- Verfeinern von Motorik und Rhythmusgefühl
- Beschleunigung der Sprachentwicklung (bald schon folgen frühe Kontakte und Anwendungen ohne schematisches Lernraster von Hoch- oder gar erster Fremdsprache!)
- Einsetzen und -üben der Stimme als allererstes und zentrales Organ (‚Instrument‘) des Menschen
WORAUF SOLTTEN ELTERN ACHTEN?
Will man mit dem Kind im Vorschulalter etwas Musik machen oder sich schlicht zu Musik bewegen, gilt es, nicht ein bestimmtes (Lern-)Programm abzuspulen. Denn das dürfte bei den meisten die Lust schnell zum Verschwinden bringen, und es lässt obendrein das ganze Potential an Entdeckungs- und Gestaltungswillen ungenutzt. Lieber einfach auf Ideen des Kindes eingehen, wenn es von selbst erste Tanzbewegungen unternimmt oder auf Alltagsgegenständen schlagzeugerisch tätig wird. Ein paar konkrete Ideen helfen dabei vielleicht etwas:
A. Die 'Früh-Rhythmik'
Am besten eignet sich für erste (aktive) Kontakte mit Musik nicht unbedingt gleich gemeinsames Singen oder gar der vorsichtige Einstieg mit einem Instrument. Ideal sind einfache Spiele auf dem Gebiet, das in der Musikpädagogik klassischerweise Rhythmik genannt wird. Natürlich geraten derartige Aktivitäten eher zum Erfolg, wenn noch ein bis zwei weitere Kinder mitmachen (oder eben streckenweise die Eltern…).

Das einfachste ist der alte Wechsel zwischen Musik und Abwesenheit von Musik. Man lässt ein beliebtes Stück einer CD mit Musik für die Kleinen, bisweilen später auch irgendein Pop- oder klassisches Stück, mal lange und mal kurz laufen. Kind(er) laufen dazu im Raum herum, rennen vielleicht auch mal, machen Figuren oder Grimassen. Hört die Musik abrupt auf, müssen alle Teilnehmer genau in der Bewegung eine Weile stehen bleiben (bis die Musik fortfährt). Bei mehreren Kindern kann auch eines selbst den Schiedsrichter mimen und auf eine Trommel schlagen oder eben damit aufhören. Es können auch Gegenstände wie Ballone oder leichte Bälle zugespielt werden, die beim Musikstillstand ebenfalls möglichst sofort still zu stehen haben.

Eine Wettkampfsvariante davon ist das alte Spiel mit einer Sitzgelegenheit zu wenig für die Beteiligten, die sich bei Aussetzen der Musik (oder schlicht mal dem Stückende!) schnellstmöglich hinsetzen müssen – aber nicht zu früh! Ein Unglücklicher scheidet aus (und kann etwa Schiedsrichter spielen respektive die Musik bedienen und stoppen).

Jemand gibt zur Musik Schritt- und Bewegungsfolgen vor, die die anderen abwechslungsweise nachmachen. Das kann man bei Kindern ab dem Kindergartenalter etwa ausbauen, indem auch mal drei bis vier nacheinander vorgezeigte und nachgeahmte Bewegungsfolgen nachgeahmt werden sollen.

Zu einer Musiksequenz oder einem Stück wird etwas bestimmtes auf ein Blatt Papier gezeichnet, das die Musik 'zeigen' soll. Interessant, dass beim zweiten Mal zur selben Musik das Gezeichnete nie gleich aussehen dürfte.
B. So etwas wie Einsingen
Klar, die folgenden Anregungen erinnern an das Einsingen, wie es auch ältere respektive teils gar professionelle Musiker noch betreiben. Allerdings steht hier etwas ganz allein im Zentrum, was es bei Profis nur noch im Hintergrund tut: Das erste Erfahren, Entdecken und Einüben des allen gemeinsamen Instruments, das für den Menschen in Sachen Klang zusammen mit seinem Auftreten generell im Leben sehr wichtig wird, auch ohne jegliche musikalische Aktivität: Das Stimmorgan. Zu den Stimmbändern und ihrem ganzen Resonanzraum früh ein nahes Verhältnis aufbauen. Mal kraftvoll, auch mal leise aber jederzeit hörbar, mal gar schneidend zu tönen: Das ist für alle Voraussetzung gelungener Kommunikation.

Den Körper ausklopfen, etwa beginnend im Brust- und Bauchbereich, dann auch überall sonst, wo man mit Händen gut hinkommt. Dabei beginnt der Körper (ohne hier unerwünscht grosse Beherrschung) von selbst zu klingen, und ändert den Klang je nach mit Klopfen angesprochenem Resonanzraum oder etwa der Distanz zum Kopf stetig.

Besonders interessant wird es, wenn man eine Weile auf den Wangen tätschelt und dazu summt oder einen (möglichst 'konstanten') Ton ausstösst. Auch allein das Verformen des Gesichts und das Grimassen-Schneiden mit einem gehaltenen Ton (der sich natürlich immerfort völlig anders anhört) sorgen für viel Effekt.

Bei den Vorübungen zum Singen im klassischeren Sinn eignen sich für Kinder (knapp) im Vorschulalter vor allem noch nicht strenge Tonleiterübungen. Man kann etwa mit Lala, Bubu oder anderen bei Kindern meist beliebten Nonsens-Silben stets die beiden oder maximal drei gleichen Töne in der Abfolge singen, um sie nach einer Weile einen Ton oder gleich eine Terz nach oben oder unten zu verschieben. Auch ganz einfache Liedteile mit Nonsens-Vokabular sind geeignet, um spielerisch auf späteres Singen hinzuarbeiten. Dabei kann man als Eltern auch zusätzlich eine theatralische Note reinbringen und dieselbe Tonfolge ohne eigentlichen Text einmal sehr lustig, einmal ganz ernst und einmal traurig zu singen und mimisch zu untermalen. Bei sowas machen auch viele Kinder begeistert mit.
C. Singen ja – aber was?
Beginnt man nie in schulischer Strenge, aber doch weitergehend als das Mitsummen beim Gutenachtlied mit dem Kind etwas zu singen, so sollte es einerseits …
… genug einfach und altersgerecht für das Kind sein, andererseits aber auch vom Elternteil …
… gut und mehr oder weniger ‚richtig‘ gesungen werden können. Die meisten Eltern überschätzen ihre gesanglichen Vorzüge und geben bei komplexen Kunstliedern eine ebenso traurige Rolle ab, wie das Stück das Kind schon beim Zuhören überfordern dürfte.

Zu achten ist beim Schwierigkeitsgrad primär auf die drei Säulen Melodie, Rhythmus und Text. Der Text kann natürlich teilweise am Anfang auch weggelassen werden.
Oft heisst es bei ansonsten geeigneten Liedern auch, die Tonlage respektive –höhe zu variieren, um in einen kindgerechten Bereich zu kommen. Sehr tiefe oder hohe Töne sind zu schwierig und schrecken generell ab. Eine Blockflöte oder auch ein Xylophon hilft allenfalls, den guten Mittelweg zu finden.
Immer gut ist es, wenn man das Lied auch gut in einzelne Teile zerlegen kann, die dann mal gesungen werden, oder wenn es Veränderugnen, Improvisation und anderes zulässt

Nochmals das Wichtigste: Im Vorschulalter Kinder zum Singen zwingen dürfte neben späteren Motivationsproblemen für Musik in 99 von 100 Fällen auch in Sachen Resultat nichts bringen.
Weiter wichtig: Auch für Sie sollte es ein Spass sein. Stehen nur Lieder aus der maximal nervigen Kinderkassette zur Auswahl oder Kindergartenhits mit eigenen, mässig positiv behafteten Erinnerungen an die eigene Kindheit: Dann lieber Finger weg! Missmut überträgt sich schnell auf den Nachwuchs, auch wenn er ihn nicht versteht.
Und zu guter Letzt: Sie sollten nicht immer die Führungsrolle innehaben und quasi vorsingen sowie danach das Kind mittragen. Am besten summen oder singen sie ein Stück auch einmal nur an und lassen das Kind allein weiter «performen».

Autor: Reto Meisser