Archiv
10. April 2012

Musik ist ihr Leben

Los Angeles ist noch immer der Magnet für Musiker, die international durchstarten wollen. Zu ihnen gehören die Sängerinnen Scilla Siekmann und Manou Oeschger sowie der Schlagzeuger Fabian Egger. Doch die Stadt der Engel erweist sich für die Schweizer als hartes Pflaster.

Drei Schweizer, die in den USA Furore machen wollen: Manou Oeschger, Scilla Siekmann und Fabian Egger auf dem Sunset Boulevard in Los Angeles.

Die drei porträtierten Musiker(innen) in einem Youtube-Clip zum Reinhören:

Manou Oeschger
Fabian Egger Scilla Siekmann

Manou war schon einmal ganz weit oben: Als Mitglied des deutschen Popquartetts «beFour» trat sie 2007 vor kreischenden Fans und in der Super-RTL-Doku-Soap «Das Star-Tagebuch» auf.

«Es war wie im Traum. Alles ging so schnell», erinnert sich die 28-jährige Aargauerin. Aus Tausenden in einem Castingprozess im Mai 2007 ausgewählt, stand sie zwei Tage danach im Aufnahmestudio und fünf Wochen später auf der Bühne. Im Juli war das Album «All 4 One» auf Platz eins der deutschen Pop-Charts; es verkaufte sich danach über 225'000 Mal. «Wir wurden ins kalte Wasser geworfen, aber durchs Machen lernt man auch viel. ‹beFour› war das Beste, was mir passieren konnte.»

Manou Oeschger (Zweite von links) während ihrer Zeit als Mitglied des deutschen Popquartetts «beFour». Fans erkannten sie damals auf der Strasse.
Manou Oeschger (Zweite von links) während ihrer Zeit als Mitglied des deutschen Popquartetts «beFour». Fans erkannten sie damals auf der Strasse.

Nach zwei weiteren erfolgreichen Alben löste sich die Gruppe auf. Aber für Manou gab es nie etwas anderes als Musik. Sie wuchs im kleinen Dorf Wil im Fricktal auf. Als kleines Kind sah sie das Musical «Spacedream» und damit ihre Zukunft vor sich. Von der Diplommittelschule ging sie an die Musicalschule in Freiburg im Breisgau und die Lee-Strasberg-Schauspielschule in New York.

Ich möchte die nächste Lady Gaga werden – Manou Oeschger

Mit der «beFour»-Kollegin Alina flog Manou 2010 nach Kalifornien, um Los Angeles als Duo zu erobern. «Der Anfang war sehr schwer. In Deutschland wurden wir auf der Strasse erkannt. Hier mussten wir ganz unten anfangen und alles selber organisieren. Schliesslich haben wir auch gemerkt, dass wir alleine schneller vorwärts kommen», sagt Manou.

Zusammen mit ihrem Freund Taylor Carroll hat sie nun ein paar Songs geschrieben und diese im Studio ihres Bruders in der Schweiz aufgenommen. Das Kurzalbum «Red Handed» legt Manou nun als Visitenkarte potenziellen Managern vor. Zurzeit ist sie dabei, eine Band zusammenzustellen.

«Es gibt so viele talentierte und schöne Menschen hier, man könnte schnell Depressionen bekommen», sagt die Sängerin über den enormen Konkurrenzkampf in L.A. «Es gibt immer jemanden, der besser ist — auch besser als Lady Gaga, aber sie gab nicht auf. Und ich gebe auch nicht auf. Das Wichtigste ist, dass man sich selber akzeptiert.» Und die Ziele hochsteckt: «Ich will ein Management, einen Plattenvertrag und weltweit touren. Ich möchte die nächste Lady Gaga werden!»

Zum Vorspielen nach L.A. eingeladen

Wie Manou, die an der Seite ihres Vaters in der Dorfmusik Klarinette spielte, stammt auch Fabian Egger (21) aus einer musikalischen Familie: «Meine Grossväter waren Sänger, meine Mutter spielt Klarinette, mein Vater war Tambour und spielt jetzt Schwyzerörgeli. Von mir gibt es Bilder, auf denen ich als Zweijähriger zu sehen bin, wie ich auf Kesseln und Pfannen herumtrommle», sagt der Schlagzeuger. Statt wie Justin Bieber schon als Kind Schlagzeugvideos auf Youtube zu stellen, machte der Rheintaler zuerst einmal die Wirtschaftsmatur: «Ich hätte mir damals auch vorstellen können, Anwalt zu werden.»

Fabian am Arbeitsplatz: an seinem Schlagzeug im Studio.
Fabian am Arbeitsplatz: an seinem Schlagzeug im Studio.
Die Fellmütze ist sein Markenzeichen: Fabian Egger mit dem 24-jährigen US-Rapper Big Sean. Die beiden sind befreundet und haben zusammen Rhythmen programmiert.
Die Fellmütze ist sein Markenzeichen: Fabian Egger mit dem 24-jährigen US-Rapper Big Sean. Die beiden sind befreundet und haben zusammen Rhythmen programmiert.

Dann besuchte er in Koblenz ein Lager für Schlagzeuger. Dort beeindruckte er als einer der jüngsten Teilnehmer einen der Organisatoren, einen Vertreter des Musicians Institute (MI) in Los Angeles. Dieser legte ihm nahe, es in der bekannten Talentschmiede zu versuchen, wo schon etwa der Red-Hot-Chili-Peppers-Schlagzeuger Chad Smith die Schulbank drückte.

Fabian Egger reichte beim MI zahlreiche Aufnahmen ein und wurde zum Vorspielen eingeladen. Weil er für so gut befunden wurde, erliess man ihm auch einen Teil der Schulkosten, was bei 6000 Dollar pro Quartal eine echte Erleichterung war. Wie die Lee-Strasberg-Schauspielschule weiss auch das MI, wie man aus grossen Träumen Geld macht: «Am Anfang werden zu viele Schüler zugelassen. So wird viel Geld kassiert», sagt Fabian. Von den 200 Gestarteten schlossen nur 20 die eineinhalbjährige Ausbildung ab; Egger war einer von ihnen.

Die Schule war auch für das Networking nützlich; Fabian Egger war mit 19 vor zweieinhalb Jahren allein nach Los Angeles gekommen. «Es war am Anfang schon komisch, gar niemanden zu kennen», sagt er. «Eine Cou-Cousine wohnt im Valley. Ich hatte sie noch nie zuvor getroffen, aber sie liess mich am Anfang bei ihr wohnen und half mir bei der Wohnungssuche.»

Eine Woche nach der Diplomübergabe spielte Fabian Egger als Schlagzeuger für den R&B-Sänger Brian McKnight vor. Er wurde angeheuert, arbeitet seither mit den McKnight-Söhnen als Band BRKN RBTZ (sprich: Broken Robotz) zusammen und durfte an einzelnen Konzerten von McKnights «Just Me»-Tour mitspielen.

Ein grosser Gig wäre wie ein Sechser im Lotto. – Fabian Egger

«Es ist schon geil, wenn ich beim Soundcheck auf die Basstrommel schlage, und die leere Arena erzittert.» Der St. Galler fühlt sich auch vor grossem Publikum wie im Nokia Theatre von Los Angeles wohl. Die BRKN-RBTZ-Single «Marry Your Daughter» war auf iTunes als «R&B/Soul Single der Woche» prominent platziert, und im Juni kommt das Album raus, das Fabian Egger mitproduziert hat. Daneben hat er Session-Jobs sowie Produktionsvorschläge für Justin Biebers DJ Tay James sowie für die Rapper Kreayshawn und Big Sean gemacht.

Auch Musiker leiden unter Wirtschaftsflaute

Dass es nicht einfach sein würde, wusste der durchtrainierte Musiker. Aber ein bisschen leichter hatte er es sich schon vorgestellt. «Wegen der Wirtschaftskrise werden die Budgets zusammengestrichen, was im Hip-Hop und R&B bedeutet, dass statt Bandmusikern jeweils ein DJ angeheuert wird. Auch Topdrummer der Szene haben es momentan schwer.» So dauert nun alles etwas länger. Doch Fabian ist überzeugt: «Ich brauche einen grossen Gig, dann hätte ich es geschafft, das wäre wie ein Lottosechser.»

Davon kann auch Scilla Siekmann (22) ein Lied singen. Auch sie ging ins MI und studiert nebenbei Music Business und Songwriting an der University of California in Los Angeles. Das Studium ist ihr Plan B, sollte es mit der Karriere als Sängerin nicht klappen. Aber so schnell gibt die Tessinerin nicht auf. Die Tochter eines Italieners und einer Solothurnerin, die in Lugano aufgewachsen ist, hat sich das bisher Erreichte hart erkämpft. Nach der Matura folgte sie ihrem Herzen und bestand die Aufnahmeprüfung für die Scuola del Musical in Mailand. Nach anderthalb Jahren Schauspiel-, Gesangs- und Tanzunterricht reiste sie ebenfalls nach Los Angeles, ins Mekka für Mainstreammusiker.

Scilla Siekmann ist weiterhin auch in der Schweiz aktiv: 2010 machte sie bei der Ausscheidung für den Eurovision Song Contest (Bild) mit. Anfang 2012 trat sie bei den «grössten Schweizer Talenten» auf.
Scilla Siekmann ist weiterhin auch in der Schweiz aktiv: 2010 machte sie bei der Ausscheidung für den Eurovision Song Contest (Bild) mit. Anfang 2012 trat sie bei den «grössten Schweizer Talenten» auf.

Während Manou und Fabian momentan ganz auf die Karte USA setzen, hat Scilla die Tür zur Schweiz immer einen Spalt offen gelassen. 2010 reichte sie einen Song für den Eurovision Song Contest ein. Dieses Stück produzierte sie mit Rafael Moreira, dem Gitarristen von Pink und Christina Aguilera. «Unser Song war etwas zu rockig für diesen Wettbewerb, aber es war eine gute Erfahrung. So habe ich jetzt ein Video, das mich live auf der Bühne zeigt.»

Mit «Ziel erreicht» hakt sie auch ihre Teilnahme Anfang Jahr bei den «grössten Schweizer Talenten», der Castingshow des Schweizer Fernsehens, ab. «Ich habe einen Aguilera-Song gewählt, der mein Gesangsregister demonstriert», sagt Scilla.

Zeit zum Grübeln hat sie nicht. Scilla besucht auch Schauspielklassen am Beverly Hills Playhouse, wo schon George Clooney und Michelle Pfeiffer an sich gearbeitet haben. «Ich bräuchte bald einen Assistenten», seufzt sie ob ihres vollgestopften Terminkalenders. «Aber den kann ich mir nicht leisten.» Fabian Egger hat eben ein Künstlervisum erhalten, womit er weitere drei Jahre in den USA bleiben darf. Manou und Scilla hingegen warten weiterhin auf ein Künstlervisum.

Scilla, Fabian und Manou folgen Ihrem Traum.
Scilla, Fabian und Manou folgen Ihrem Traum.

Am Anfang ass Manou nur Spaghetti

Alle drei bekommen von zu Hause nicht nur emotionale, sondern auch finanzielle Unterstützung. Vor allem für Manou, die in Köln in einer luxuriösen Maisonettewohnung gelebt hatte, war der Umzug in die USA eine grosse Umstellung. «Am Anfang assen wir nur Spaghetti, weil es am billigsten war.» Fabian verzichtete in der Autostadt L.A. die ersten 18 Monate auf ein Auto, und Scilla jobbte im Sommer im Tessin als Seilbahnführerin und in der Migros. Frei haben sie mit all den Kursen, Terminen, Studioproduktionen, Networkinganlässen, dem Aufwand für Social Media und Websites kaum. «Höchstens einmal am Sonntag, aber dann muss ich putzen», sagt Fabian. Scilla reicht die Zeit nicht mal zum Schminken: «Das mache ich meistens am Rotlicht im Auto.» Und Manou hat Schuldgefühle, wenn sie mal an den Strand geht.

Trotzdem kämpfen alle für ihren Traum, von der Musik zu leben und um die Welt zu touren. «Diesem Traum muss man nachgehen, sonst bereut man es ein Leben lang.» Damit spricht Manou auch Scilla und Fabian aus dem Herzen.

www.fabianegger.com

www.scillamusic.com

www.facebook.com/ManouOeschger

Autor: Marlène von Arx

Fotograf: Serge Höltschi