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20. Oktober 2014

Museum in freier Natur

Sie lieben Landschaftsbilder, aber nicht (nur) in Museumshallen? Dann liefert der zweite Band «Wandern wie gemalt» zu Graubünden ideale Tipps. Drei Höhepunkte in Kurzform.

Ausflugstipps zu den Standorten bekannter Gemälde im Kanton Bern haben Ruth Michael und Konrad Richter bereits früher vorgestellt. Im zweiten Band (bei ExLibris für 36.80 Franken erhältlich, ) des Rotpunktverlags, der sich regelmässig um Wanderinteressen verdient macht, warten noch bekanntere Namen und ebenso attraktive Ausflüge. Die spektakulärsten drei:

Mit Kirchner ins Sertigtal
Gleich zwei Kunstwerke des Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner, den Schweizer Kunstfreunde gemeinhin mit Davos verbinden, ermöglicht dieser längere Spaziergang in der heutigen Landschaft zu entdecken: Mit Vorzug im Herbst gehts mit der Rhätischen Bahn von Davos-Dorf oder -Platz bis zur nächsten Haltestelle Richtung Filisur: Frauenkirch. 700 bis 800 Meter vor der Haltestelle entspricht der Blick auf der linken Zugseite ins sich öffnende Sertigtal dem Bild «Sertigtal im Herbst» (1925). Für eine genauere Würdigung spazieren Sie von Frauenkirch die entsprechende Distanz entlang der Kantonsstrasse bis auf eine kleine Anhöhe zurück.

Sertigtal-Bild von Ernst Ludwig Kirchner
Wandern wie gemalt: das Sertigtal bei Davos und auf der Leinwand des Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner («Sertigweg»).

Danach folgen Sie der Sertigstrasse über den Fluss und wandern gemütlich ins Tal hinein. Beim sogenannten Wildbodenhaus folgt der Höhepunkt des Ausflugs: Ihr Ausblick entspricht praktisch dem Gemälde «Sertigweg» (1937, oben). Auf dem Rückweg vom Dörfchen Clavadiel wechselt man vor der Streckenhälfte über den Bach auf die nordöstliche Talseite und kehrt am Hang nach Davos zurück.

Mit Hodler an den Silvaplanersee

Silvaplanersee, Ferdinand Hodler.
Schon Ferdinand Hodler fand Gefallen an den landschaftlichen Reizen des Silvaplanersees.

Den Schweizer Klassiker Ferdinand Hodler kennen Kunstfans nicht nur dank des Holzfällerbilds im Bundeshaus, früher bei SVP-Magistrat Christoph Blocher und heute bei Simonetta Sommaruga im Justizdepartement. Geradeso berühmt sind zwei bis drei Landschaftsbilder wie «Silvaplanersee» (1907).
Am besten verbindet man den Besuch von Hodlers Aussichtspunkt kurz nach Silvaplana Surlej mit einem Halbtagesausflug auf der Südseite von Silvaplaner- und Silsersee im Spätsommer oder Anfang Herbst.
Am einfachsten fahren Sie von Samedan oder St. Moritz aus bis Silvaplana Brücke (mit Bus 6 oder Lokalverbindung von Post nach Surlej). Nach weiteren 100 bis 200 Metern wählen Sie den Wanderweg strikt in südlicher Richtung (hinter der Schlossanlage rechts), dem See entlang Richtung Sils. Nach knapp einem halben Kilometer erreichen sie annähernd den Ort, an dem das Bild «Silvaplanersee» (links) entstanden ist. Wer mag, verlängert die Wanderung nach Sils auf derselben Seeseite dem Silser Becken entlang nach Maloja und macht unterwegs im pittoresken Weiler Isola halt.

Mit den Giacomettis durchs Bergell

«Castelmur» heisst dieses Bild Augusto Giacomettis
«Castelmur» heisst dieses Bild Augusto Giacomettis, mit Blick zur gleichnamigen Burganlage.
Giovanni Giacomettis Werk «Il ponte al sole»
Giovanni Giacomettis Werk «Il ponte al sole» ist bereits über 100 Jahre alt und noch immer erstaunlich 'aktuell'.

Im Bergell, dem Tal mit der einzigartigen Verbindung von alpiner Landschaft (vor und bei Maloja) und fast schon mediterranem Charme beim Endpunkt Chiavenna, empfiehlt sich der Besuch zweier Standorte von Werken des dort heimischen Giacometti-Künstlerclans. Los gehts im Hauptort Stampa (per Postauto bequem von St. Moritz erreichbar). Dort blickt man noch vor Post und Heimatmuseum an der Hauptstrasse Richtung Kirche und Burganlage «Castelmur» auf der anderen Talseite – und trifft fast dieselbe Perspektive von Augusto Giacomettis gleichnamigem Bild (1915, rechts). Sie folgen über die Brücke dem Weg zur Castelmur-Anlage, die im Übrigen eine Besichtigung lohnt.
Schon rund 100 Meter nach der Brücke über die Bregaglia erreichen Sie den Standort von Giovanni Giacomettis «Il ponte al sole» (1907, links) mit Blick zurück auf Brücke und dahinterliegende Häuser. Am besten folgen Sie dem Wanderweg nach Castelmur die höchstens drei Stunden bis hinauf zum malerischen Soglio. Dort wären mit Segantini und weiteren Künstlern etliche Bild-Standorte zu entdecken, doch fällt die Wahl schwer. Und für ein Mal reicht ja auch die heutige Ansicht in realen Farben und Formen vollauf.

Weitere Tipps betreffen drei Segantini-Bilder in der Region Savognin/Tinizong am Julier, ein imposantes Carigiet-Gemälde in der südwestlichen Surselva oder auch Wanderungen zu von William Turner oder Otto Dix verewigten Plätzen.

Autor: Reto Meisser