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16. November 2015

Museen: Spezialangebote für Kinder

Museen wie das Zentrum Paul Klee in Bern bieten Sonderprogramme für Kinder. Die jungen Museumsbesucher entdecken die Werke grosser Künstlerinnen und Künstler – und legen unter kundiger Leitung auch selber Hand an.

Spannendes für 
die ganze Familie: Paul Klees Kunst- werke ziehen 
alle in den Bann.
Spannendes für die ganze Familie: Paul Klees Kunstwerke ziehen alle in den Bann.

Nuria (9) zeichnet einen langen dunkelblauen Fluss, Milenas (13) Wellen sind schön, Liam (9) füllt seinen weissen Karton mit wilden Wellen, Tom (8) ebenso. Neun Kinder sitzen am Boden im Zentrum Paul Klee, einen Karton vor sich, und starten malend in die Museumsführung. Inspiriert von der Aare, die Paul Klee in seinen frühen Werken oft malte. Väter und Mütter sind ebenfalls dabei, sie zeichnen mit, helfen, schauen zu.

Unter den Malkartons liegen Zeitungspapiere, damit die Kinder nicht auch den Boden mit Aquarellkreide färben.

Nachdem sie ihre Version der Aare kreiert haben, führt die Kunstvermittlerin sie zu fünf hochformatigen Gemälden, Landschaften mit Fluss. Dies sind fünf Teile eines Paravents, den Klee bemalt und bei den Eltern zu Hause stehen hatte. Die Kinder erraten es schnell: Das hier sind verschiedene Aare-Landschaften aus der Umgebung Berns.

Der nächste Halt findet vor einem kleinformatigen Gemälde mit einem ovalen Gebilde statt. «Was seht ihr hier?», fragt die Kunstvermittlerin. «Vogel», «Ente», «Muschel», «Schnecke», «ein Fuss», «ein Gesicht!» tönt es von den Kindern. Das Bild heisst «Meerschneckenkönig» – Klee selbst sammelte sein Leben lang Muscheln.

Nach einer Weile werden die Kinder unruhig

«Was findet man sonst noch alles im Fluss?» lautet die nächste Frage, die auch gleich die Überleitung zur nächsten Aktivität ist: Die Kinder legen ihre Kartons auf den Boden und malen in ihre Flusslandschaften Tiere und Dinge rein, die man in Gewässern findet. Nuria zeichnet nebst Fischen und einer Meeresschildkröte ein Velo und eine Flasche, Milena malt Fische mit Blubberbläschen. Ein kleines Kind fragt: «Macht der Gaggi?» Es hat das Bild verkehrt herum angeschaut.

«Was seht ihr hier?»: Die Kunstvermittlerin lässt Raum zur Interpretation.
«Was seht ihr hier?»: Die Kunstvermittlerin lässt Raum zur Interpretation.

Diese interaktive Führung durch die Ausstellung mit anschliessendem Atelierbesuch ist eine der zahlreichen Veranstaltungen von Creaviva, dem Kindermuseum im Zentrum Paul Klee in Bern. In der Ausstellung ist es wie in jedem anderen Museum: Das Licht ist gedämpft, die Atmosphäre museal. Kinder dürfen nicht zu laut sein, nicht wild rumfuchteln, die Wand nicht berühren, und das Betatschen der Kunstwerke ist natürlich sowieso verboten.

Und doch ist es auch ein Ort für Kinder. Man muss für sie aber eine ganz andere Art des Museumsbesuchs kreieren: Bei Kindern geht es darum, zusammen Dinge zu entdecken. «Wir versuchen, zwischen Bild und Kind einen Dialog zu ermöglichen», erklärt Urs Rietmann (57), Leiter des Creaviva. «Vor allem geht es auch um Kompetenzerfahrungen. Die Knirpse sollen erleben: Ich kann das!» Die Kunstbetrachtung mit Kindern funktioniert nur, wenn diese auch selbst aktiv sein können. «Die Arbeit im Atelier ist zentral und als Ergänzung zum Museumsbesuch unverzichtbar», weiss Urs Rietmann.

Nach einer Weile werden Kinder im Museum unruhig. Und so gehts nach einer halben Stunde raus aus der musealen Wohltemperiertheit der Ausstellung, rein ins Atelier, wo man laut sein kann, malen und klecksen kann und es egal ist, wenn Farbe auf den Boden tropft. Weil die Kleider aber sauber bleiben sollen, erhalten Kinder und Eltern als Erstes eine Malerschürze. Die Kleinen machen sich nun daran, den bemalten Karton mit Acrylfarbe weiter aufzupeppen.

Im Aargauer Kunsthaus sind Kinder bereits ab 0 Jahren willkommen

«Durch das praktische Gestalten erfahren Kinder ein Kunstwerk auf spielerische und ganz eigene Art und Weise», sagt Urs Rietmann.

Das Creaviva ist ein elementarer Teil des Zentrums Paul Klee und als solcher einzigartig in der Schweiz. Möglich gemacht haben dies der Stifter Maurice E. Müller und seine Tochter Janine Aebi Müller, die das Konzept des Kindermuseums ausarbeitete.

Wilde Wellen: Von Klee inspiriert malen Kinder ihre Version der Aare.
Wilde Wellen: Von Klee inspiriert malen Kinder ihre Version der Aare.

Hinter diesem Engagement steckt die Überzeugung, dass Kinder durch die frühe Begegnung mit Kunst und durch ihr Schaffen ein neues Selbstverständnis für die Welt und auch Selbstvertrauen schöpfen können. Sie entdecken so neue Möglichkeiten, in die Welt zu blicken und sich darin zu positionieren. Kinder sind mittlerweile auch in traditionellen Museen gern gesehene Gäste. Im Bieler Centre PasquArt und im Thuner Kunstmuseum gibt es parallel zu den Vernissagen für Erwachsene jeweils auch Vernissagen, die auf die Kinder zugeschnitten sind. Im Centre PasquArt erhalten die jungen Gäste die Möglichkeit, sich zu Museumsvermittlern ausbilden zu lassen. Im Haus Rosengart in Luzern führen Kinder Altersgenossen durch das Museum, in den Kunstmuseen in Bern und Basel kann man mit einer Museumstasche respektive Familienkoffer die Ausstellungen kindgerecht anschauen.

Das Kunsthaus Zug hat einen Kunstreiseführer für Kinder, Schulklassen und Familien entwickelt, der zu den zahlreichen öffentlichen Kunstwerken der Stadt führt. Im Kunstmuseum Thurgau und im Aargauer Kunsthaus kann man Kindergeburtstage feiern. Und in praktisch jedem Kunstmuseum der Schweiz werden Workshops für Kinder, Familien und Schulklassen angeboten.

Längst ist der Museumsbesuch nicht nur Freizeitvergnügen für das gehobene Bildungsbürgertum. «Die Museumslandschaft hat sich im vergangen Jahrzehnt stark verändert», sagt Franziska Dürr (53), Kulturvermittlerin und Leiterin des Kuverum, eines Lehrgangs im Bereich Kulturvermittlung und Museumspädagogik. «Die Museen haben sich einem breiten Publikum geöffnet und offerieren ein Angebot, das sich an viele unterschiedliche Bedürfnisse richtet. Sie nehmen stärker eine soziale Funktion wahr und wollen verschiedene Bevölkerungs- und Altersgruppen ansprechen.» Man weiss aus Studien, dass das Publikum heute viel heterogener ist als noch vor 20 Jahren.

Kunstvermittlung für Kinder gibt es aber auch, weil man Museen heute stärker als Freizeitorte versteht. Im Aargauer Kunsthaus in Aarau zum Beispiel sind Kinder ab 0 Jahren willkommen. Das tönt auf den ersten Blick vielleicht widersinnig, wir glauben doch zu wissen, dass ein so kleines Kind nichts von Kunst aufnehmen kann. Doch das wissen wir eigentlich gar nicht. Das Aarauer Angebot richtet sich gezielt an ­Familien. Kinder sollen in dieser prägenden Phase Museum und Kunst kennenlernen – ab 0 Jahren, je nach Alter mit oder ohne Eltern.

Auch bei den Eltern kommen die Angebote gut an

Auch am Familienmorgen im Creaviva sind heute ganz kleine Kinder dabei. Ein Ehepaar ist mit der vierjährigen Tochter Ibti und den beiden kleineren Söhnen da – der zweijährige Samir macht genau so mit, der zweimonatige Karim schläft im Tragetuch bei der Mutter. Bei den Eltern kommt es grundsätzlich gut an, dass man den Kindern Kunst näherbringen will. «Ich finde es fantastisch», sagt der Vater des achtjährigen Tom, während dieser im Creaviva-Atelier seinen Karton mit einer blauen und grünen Schicht Farbe überzieht. «Kultur und Kreatives gehören zum Leben wie Zähneputzen oder In-die-Schule-Gehen.»

Die Mutter von Marwa (6) findet: «Mir gefällt es, hier neue Techniken kennenzulernen. So lernen Kinder Kultur und Museen auf spielerische Art kennen.» «Ich habe das als Kind auch gern gemacht», sagt die Mutter von Dylan (4). «Ich finde es wichtig und super, gibt es dieses Angebot.»

Kunstvermittlung funktioniert nur, wenn die Kinder ihre Kreativität ausleben können.
Kunstvermittlung funktioniert nur, wenn die Kinder ihre Kreativität ausleben können.

Milena war schon ein paar Male hier. Einmal bastelten sie einen Flugdrachen, der dann auch flog, ein anderes Mal eine Schnecke. Marwa erinnert sich besonders gut an den Nachmittag, als sie zuerst eine Geschichte hören konnten und danach einen Stein im Kurs schleifen durften.

Nachdem die Farbe mit dem Fön getrocknet worden ist, zerschneiden die Kinder ihre Kartons in fünf gleiche Stücke und kleben sie ­wieder zusammen – sie haben nun einen Paravent in Kleinformat, den sie nach Hause nehmen können. Der grosse von Paul Klee bleibt im Museum.

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Marco Zanoni