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05. Mai 2014

Mund auf!

Nicht jedes Kleinkind mag Brei
Brei? Nicht jedes Kleinkind mag ihn ... (Bild: Fotolia)

Hey, Leute, was gibts? Warum seid ihr so aufgeregt? Mami, wieso hat Papi schon wieder den Fotoapparat in der Hand? Und was ist das für ein Ding in deiner Hand? Oh, verdammt, ich kenne es schon. Es ist diese Matschschaufel. Und sie kommt näher. Hol sie gefälligst weg, Mami, ich will die … micht min meimem Mumd – migitt! Ist ja voll der Matsch auf der Zunge. Schnell wieder alles rausschieben, Gesicht verziehen, Kopf wegdrehen. Jetzt würde ich gerne einen Schluck Muttermilch nehmen, um diesen merkwürdigen Geschmack loszuwerden... Huhu, Mami, könntest du dich bitte kurz freimachen? Hallo? Warum grinst ihr beide so blöd? Die Nummer mit dem Matsch war nicht lustig. Kein Grund, 27 Bilder zu knipsen, Papi. Können wir jetzt bitte wieder alle normal werden? Au, nein, da kommt schon wieder so eine Schaufel voller Matsch. Ich glaube, ich muss wüüüaarrrrgggg … oh, jetzt gehts mir besser.

Meine Eltern sehen irgendwie enttäuscht aus. Mami redet laut vor sich hin und blättert in einem der Babyratgeber. Dann zeigt sie auf den Teller voller selbst gekochter Matschepampe und zuckt mit den Achseln. Papi scheint eine Idee zu haben. Er öffnet den Küchenschrank und holt ein orangefarbenes Ding hervor. Plopp! Er schraubt daran, und es macht: plopp! Nun stinkt es orange – igitt! Das Orangene kommt näher. Ihr wollt doch nicht etwa ...? Wäääh, weg damit! Drücke ich mich so undeutlich aus? Ich will keinen Brei!

«Eva, Mäuschen, Mund schön aufmachen!» (Während meine Mami redet, macht sie mir vor, wie das mit dem Mundaufmachen geht.)
«Vielleicht sollten wir es in ein paar Tagen nochmals versuchen?», schlägt mein Papi vor.
Meine Mami wirkt ein wenig unentspannt: «Ich verstehe es einfach nicht. Ida hat doch auch Brei gegessen. Warum stellt sich die Kleine so an?»
«Vielleicht schmeckt ihr der Brei nicht?»
«Ausgeschlossen. Ich habe alle Rezepte durch. Kürbis, Rüebli, Pastinaken, Bananen, Zucchetti, Apfelmus, Birnenmus und so weiter und so fort. Sie mag keine selbst gekochten Breie, sie mag keine Alete-Gläsli, sie isst keine Hipp-Gläsli, sie spuckt auch den sündhaft teuren Brei aus dem Reformhaus aus.»
Während meine Mami redet, packt sie die Pampe und die Matschschaufel zusammen und stellt alles scheppernd in den Waschtrog. Dann geht sie aus dem Zimmer. Vielleicht braucht sie eine neue Windel.

Mein Papi lächelt mich an, und ich grinse zurück. Er kramt in einem Küchenschrank und zieht etwas Rosanes hervor ... hmmm ... riecht interessant. Er steckt es sich in den Mund. Es macht leise knack. Dann bewegt er sein Gesicht. Der Geruch wird stärker. Hallo, Papi, darf ich bitte auch mal probieren? Nur ein kleines Stückchen? Ich erzähle es auch niema … – happischnappi … hmmm … das fühlt sich im Mund gut an. Viel besser als die Matschepampe. Man kann es kauen. Es ist saftig, es ist anders, es ist toll! Oh, schnell wegducken, Mami kommt zurück. Sie darf nicht sehen, dass Papi sein Essen mit mir geteilt …
«Du hast ihr jetzt nicht wirklich ein Wienerli gegeben?»

Nachtrag: Kommt Ihnen diese kleine Szene bekannt vor? Dann ist Ihr Kind vielleicht auch ein Brei-Verweigerer. Ungefähr jedes fünfte Baby hat wenig Freude an Püree, Kompott und Co. Die kleinen Fingerfood-Anhänger haben gerne etwas in der Hand und «kauen» lieber, als einfach nur irgendein Mus zu schlucken. Sollten Sie glauben, Ihr Kind könne nur mit Brei gross werden, dann haben Sie ein Problem. Am besten, Sie befreien sich schnell von dem Breizwang und erlauben Ihrem Kind, am Tisch mitzuessen. «Fingerfood» lässt sich nämlich oftmals mit einer normalen Mahlzeit verbinden – vorausgesetzt, die Lebensmittel enthalten kaum Salz. Was man von Wienerli nicht behaupten kann …

Buchtipp: «Babyernährung gesund und richtig. B(r)eikost und Fingerfood ab dem 6. Lebensmonat».
Von der Schweizer Ernährungswissenschaftlerin Gabi Eugster.

Autor: Bettina Leinenbach