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11. Januar 2016

Multikulti macht Schule

Wenn die 6a zum Unterricht erscheint, trifft sich die halbe Welt. Die stark durchmischte Klasse im Hessgut in Köniz harmoniert – auch wenn es im Alltag immer wieder sprachliche Hürden zu überwinden gilt.

Ein bunt gemischter Haufen: die Hessgut­-Klasse 6a (drei Schüler sind nicht abgebildet).
Ein bunt gemischter Haufen: die Hessgut­-Klasse 6a (drei Schüler sind nicht abgebildet).

Es macht unglaublich Spass mit dieser Klasse», sagt Maria Vogt. Die 31-jährige Liechtensteinerin unterrichtet seit etwas mehr als einem Jahr im Schulhaus Hessgut in der Berner Vorortsgemeinde Köniz. Die 21-köpfige Klasse 6a vereint 16 Nationen aus aller Welt – vier Kontinente sind vertreten: Asien, Afrika, Südamerika und natürlich Europa.

«So viele Länder in einer Klasse, das ist spannend», sagt Moira (11). «Jeder bringt etwas Spezielles mit», findet Seraina (12): Bei dieser multikulturellen Mischung sind etwa Geburtstagsfeste immer wieder etwas Besonderes. «Wir haben schon chinesisch und afrikanisch gegessen», schwärmt Mira (12), die neben Moira und Seraina sitzt. Die drei Freundinnen gehören zu den wenigen, die auch daheim Schweizerdeutsch sprechen. Die meisten ihrer «Gspänli» haben Wurzeln fernab in der weiten Welt: Sri Lanka, Philippinen, Vietnam, Thailand, China, Ghana, Kongo, Angola, Kamerun, Eritrea, Kolumbien, Türkei, Bosnien.

Am Berner Schulhaus Hessgut Liebefeld gibt es 420 Kinder in vier Kindergärten, 4 Basisstufen und 14 Schulklassen. Die Schülerinnen und Schüler sprechen insgesamt 42 verschiedene Muttersprachen. 50 bis 70 Prozent der Kinder sprechen zu Hause eine bis zwei Fremdsprachen. Einige sind eingebürgert. Das heisst aber nicht, dass sie so gut Deutsch sprechen wie Kinder mit deutscher oder berndeutscher Muttersprache.

Ein starkes Wir-Gefühl

«Es ist lustig mit so vielen Nationen. Die Freundschaften sind sehr gut in dieser Klasse», sagt Rosalinda (11), deren Eltern aus Ghana stammen. Jessica (12), ein dunkelhäutiges Mädchen aus Sri Lanka mit fröhlichem Blick und rabenschwarzen Haaren, findet: «Ich bin gerne in dieser Klasse, wir unternehmen viel zusammen, alle kommen gut miteinander aus. Und man hilft einander.» Pirusshan (12) bestätigt: «Alle sind da, wenn ich Hilfe brauche.»

Lehrerin Maria Vogt mit drei Schülerinnen
Lehrerin Maria Vogt mit drei Schülerinnen im Klassenzimmer der 6a.

Auch der Lehrerin fällt immer wieder die grosse Hilfsbereitschaft der Kinder auf: «Die Kinder haben ein sehr hohes soziales Niveau, sie schauen gut zueinander», sagt Maria Vogt. Dass ein schwächeres Kind von den anderen gequält oder schikaniert wird, gibt es in ihrer Klasse nicht. «Das erstaunt selbst mich», sagt sie.

Abiel, ein 13-jähriger Junge aus Eritrea, hat eine starke Sehbehinderung. «Mit dem rechten Auge sehe ich gar nichts, mit dem linken nur schlecht», erklärt er. Er ist darauf angewiesen, dass die Lehrer sein Handicap im Schulalltag berücksichtigen. Wenn die Kinder unterwegs sind, hat er kaum Orientierung und braucht Begleitung. «Ab und zu vergesse ich das», sagt Maria Vogt. Dann seien die Mitschüler aber gleich zur Stelle. «In solchen Fällen fragen sie mich sofort: ‹Und Abiel? Was soll er machen?›»

Deutsch-Nachilfe gefragt

«Ich finde diese gemischte Klasse ganz normal», sagt Maria (11), deren Eltern aus Angola stammen. Sie spricht zu Hause Portugiesisch und Französisch. Entsprechend schwierig ist es für sie, sich in der deutschen Sprache auszudrücken. Gemeinsam mit mehreren Klassenkameraden besucht sie darum jeweils mittwochs eine Nachhilfelektion bei Frau Nyffenegger. «Sie hilft in Mathe und Deutsch», erklärt Rosalinda, eine gross gewachsene Ghanaerin. Frau Nyffenegger gibt sogenannten DaZ-Unterricht – Deutsch als Zweit­sprache. Jeden Dienstag erteilt sie drei Lektionen in der Klasse.

Im Hessgut gibt es drei spezielle DaZ-Klassen für Schülerinnen und Schüler, deren Deutschkenntnisse für den Unterricht noch nicht genügen. Die Philippina Klaire und der Kolumbianer Juan sind als Letzte aus den DaZ-Kursen zur 6a gestossen. Während Juan schnell und gut auf Hochdeutsch drauflosredet, wagt die scheue Klaire kaum etwas zu sagen. «Es gibt Schüler, die häufig nachfragen müssen, auch wenn ich es sehr langsam auf Hochdeutsch erklärt habe», sagt Maria Vogt.

Das schulische Niveau ist sehr durchmischt. In der 6a gibt es aber auch Schüler, die es problemlos ans Gymnasium schaffen werden. Eines der Kinder ist mit einem IQ von 130 sogar hochbegabt; es könnte Förderlektionen besuchen, will jedoch in der Klasse bleiben.
Das hat mit der Unterrichtsform zu tun: «Ich lasse die Schüler oft in Gruppen und selbständig arbeiten», erklärt Maria Vogt. So kann sie die unterschiedlichen Niveaus in einer Lektion berücksichtigen. «Im Fach Mathematik habe ich mindestens drei verschiedene Stufen. Das ist bei der heutigen Art des Unterrichtens möglich. Würde ich nur Frontalunterricht geben, ginge das nicht.»

Die Lehrerin hat einen Text mit Aufgaben verteilt; an der Wandtafel steht, wie die Schüler vorgehen müssen. Sie beginnen mit NNM (Natur–Mensch–Mitwelt), Deutsch oder Mathematik und erarbeiten den Stoff eigenständig. Die Herausforderung bei dieser Art des Unterrichts: Die Lehrkraft muss mehr Stoff vorbereiten. Das stört Vogt nicht: «Ich halte es für die richtige Unterrichtsform.»

Elterngespräche mit Übersetzer

Ihre Eltern hätten keine Angst, dass ihre Sprösslinge wegen der grossen Durchmischung der schulischen Niveaus zu kurz kämen, sagen die Kinder. Maria Vogt hingegen bekundet Mühe mit den Erwartungen mancher Eltern. «In vielen Ländern kann man es nur zu etwas bringen, wenn man studiert. Ich merke, dass einige Eltern dem durchlässigen Bildungssystem in der Schweiz nicht trauen – sie glauben, dass nur die Universität zählt.»

Für diese Eltern stelle es ein Problem dar, wenn ihr Nachwuchs es nicht ins Gymnasium schaffe. «Gewisse Kinder erfüllen diese Erwartungen nicht, auch wenn sie sich noch so anstrengen. Das schmerzt», so die Lehrerin. Aus sprachlichen Gründen sind auch Elterngespräche immer wieder schwierig. «Oft brauche ich einen Übersetzer», sagt Maria Vogt. Schnell mal zu Hause anrufen, etwas melden, etwas nachfragen – das funktioniert bei etlichen Familien nicht.

Vielen 6a-Schülern fällt gar nicht mehr auf, wie durchmischt ihre Klasse ist. Die Kinder haben gerade die Schultheaterauf­führung einer Klasse aus einer Nachbar­gemeinde besucht – und gestaunt: «In dieser Klasse gibt es kaum Kinder mit anderer Hautfarbe», stellt Moira fest. Auch den übrigen Kindern sind die vielen weissen Gesichter aufgefallen. «In der ganzen Schule gibts nur drei andere Hautfarben», sagt Frieden (12), ein Kongolese. «Und das auch nur, wenn man mit dem Wort ‹schwarz› sehr grosszügig umgeht.»

Frieden spricht zu Hause Französisch. Im Kindergarten konnte er noch gar kein Wort Deutsch sprechen. Meret (12) war damals seine Übersetzerin. Sie ist bilingue, ihre Mutter stammt aus der Romandie. «Bei uns ist es noch nie passiert, dass jemand die Heimat eines anderen beleidigt hat», sagt sie. «Rassismus gibt es bei uns nicht – ­ein Rassist würde es in unsere Klasse gar nicht aushalten.»
Natürlich kommt es auch in der 6a zu Streitigkeiten, aber nie drehen sie sich um die Herkunft. Spott kommt zwar vor, doch das sind harmlose Sprüche unter ­Kindern – ob sie nun die Nasenform, die Haarfarbe, die Körpergrösse oder eben die Hautfarbe betreffen. Auch die religiöse Zugehörigkeit ist kein Thema. Das Konfliktpotenzial ist ohnehin relativ gering: Die meisten Kinder sind Christen, hinzu kommen ein Hindu, drei Muslime und zwei Buddhisten.

«Multikulti ist cool»

Als es um zehn Uhr zur grossen Pause klingelt, stürmen alle aus dem Zimmer und schlüpfen in ihre Jacken. Die Mädchen gehen in Grüppchen spazieren und schwatzen, die meisten Buben spielen Fussball. Leicht verschwitzt sitzen sie eine halbe Stunde später wieder an ihren Pulten. Auch nach der Pause drehen sich ihre Gespräche um Fussball. Einer der Besten ist der Kolumbianer Juan (12). «Ich trainiere dreimal pro Woche beim FC Köniz, und am Wochenende spiele ich an Turnieren», sagt der Real-Madrid-Fan in schnellem und klarem Hochdeutsch. Später will Juan natürlich Fussballer werden.
Auch die Österreicherin Anna (11) äussert sich in Hochdeutsch: «Ich bin froh, in dieser Klasse zu sein. Sie hat mich verändert, ich bin lebhafter und nicht mehr so streberhaft.» Anna möchte Anwältin werden.

Zum Wochenabschluss setzen sich die Kinder im Kreis zusammen. Jeder kann sagen, was ihm in dieser Woche besonders gut gefallen hat und was nicht. Die einen fanden das Rugbyspiel im Schulsport toll, die anderen gar nicht. Die einen mochten den DaZ-Unterricht, die anderen weniger. In einem Punkt aber sind sich alle einig: Multikulti, das ist cool. «Es ist ein Gewinn, von so vielen Nationen etwas zu lernen», sagt Gian. Und Meret fügt an: «Manchmal prahle ich sogar ein bisschen mit unserer Multikulti-Klasse.» Zu Recht: Die Vielfalt in der 6a ist etwas Besonderes.

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Beat Schweizer