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25. Juni 2012

Mütter ins Büro!

Im Gespräch mit Daniel Huber (48), Geschäftsführer von UND, der Fachstelle für Familien- und Erwerbsarbeit für Männer und Frauen.

Daniel Huber, in den letzten Wochen wird in den Medien wiederholt beklagt, dass es Schweizer Frauen zu selten in die Chefetage schaffen. Stimmen Sie in das Klagelied ein?

Das Thema ist nicht neu, es ist schon lange so, dass es grosse Ungleichgewichte gibt. Aber Betriebe, die das Thema anpacken und Massnahmen ergreifen, haben Erfolg. Sie haben mehr Frauen im Kader.

Zeigt sich der Erfolg auch in der Bilanz oder beim Image?

Familienfreundlichkeit und Chancengleichheit tragen zu einem guten Image bei. Und internationale Studien zeigen, dass Frauen im Topmanagement meist eine sehr gute Performance ausweisen.

Warum kommen Schweizerinnen beruflich nicht mehr vorwärts, sobald sie Kinder haben?

Sobald eine berufstätige Frau Kinder bekommt, kommen auch heute noch geschlechterstereotype Rollenvorstellungen zum Tragen – in der Wirtschaft und in der Gesellschaft. Entsprechend schwach werden Mütter in Betrieben gefördert. Und es ist immer noch schwierig für sie, Beruf und Familie zu vereinbaren. Denn die Zeit für die Kleinkinder geht meist von ihrer Zeit ab, selbst wenn eine Fremdbetreuung da ist. Mütter sind denn auch meist Teilzeit erwerbstätig. Und das ist einer beruflichen Karriere bis heute nicht förderlich.

Sind Frauen denn bereit, in einer Firma Verantwortung zu übernehmen?

Ja, sicher. Aber sie möchten die Führungsarbeit oft anders gestalten. Deshalb machen sich viele von ihnen selbständig. Damit verschaffen sie sich eine flexiblere Zeiteinteilung, was es wiederum einfacher macht, Beruf und Familie unter einen Hut zu kriegen.

Soll man die Berufstätigkeit von Frauen fördern, weil das für sie Selbstverwirklichung bedeutet? Oder ist das auch volkswirtschaftlich sinnvoll?

Von erwerbstätigen Frauen profitieren alle, die Gesellschaft, die Betriebe, die Männer. Die Erfahrung zeigt, dass gemischte Teams überdurchschnittlich gute Leistungen erbringen. Auch die Kundschaft setzt sich ja aus beiden Geschlechtern zusammen. Es ist also von Vorteil, wenn weibliches und männliches Personal bei der Entwicklung und Vermarktung von Produkten und Dienstleistungen mitwirkt.

Lohnt es sich finanziell für eine Firma, familienfreundlich zu sein?

Ja. Es gibt dazu eine Studie. Dabei wird anhand einer Modellrechnung aufgezeigt, was Familienfreundlichkeit kostet. Eine fiktive Firma hat einen gut ausgebauten Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub sowie ein attraktives Kinderbetreuungsangebot. Der Return on Investment beträgt bei dieser Modellfirma acht Prozent. Ihre Personalfluktuation ist geringer, die Loyalität des Personals grösser. Die Mitarbeiter sind zufriedener und weniger krank. Mütter kommen mit hohen Pensen zurück, Rekrutierungs- und Einarbeitungskosten fallen weg. Die können sonst je nach Funktion gut 100’000 Franken für eine Stelle betragen.

Spricht gesamtwirtschaftlich etwas für berufstätige Mütter?

Ja. Ein Ausbildungsplatz an einer Hochschule kostet zwischen 10’000 und 40’000 Franken pro Jahr. Der grösste Teil wird über Steuergelder finanziert. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist dieses Geld schlecht investiert, wenn eine solche Ausbildung nicht zum Tragen kommt. Zudem zahlen berufstätige Mütter Steuern und können eigene Sozialversicherungen aufbauen, wie zum Beispiel eine Pensionskasse.

Statistiken zeigen, dass fast jede dritte Mutter mit Kindern bis sieben Jahre ganz zu Hause bleibt. Haben wir zu wenig Krippenplätze für die ganz kleinen Kinder?

Das Angebot wurde in den letzten Jahren zwar stark ausgebaut, allerdings gibt es in ländlichen Gebieten noch grosse Lücken. Es lohnt sich aber, auch über andere Betreuungsmodelle nachzudenken, Tagesfamilien und Arrangements mit anderen Eltern etwa.

Die Stadt Luzern hat in einem Pilotprojekt Betreuungsgutscheine an die Eltern unter den Angestellten verteilt. Ein Haushalt, der im Jahr für 6688 Franken Gutscheine bekommen hat, hat fast den gleichen Betrag an Steuern abgeliefert. Was halten Sie davon?

Das ist ein interessantes Modell, da die Eltern selber wählen können, für welche Betreuungsart sie die Gutscheine einsetzen möchten. Es wird sich zeigen, ob dieses Modell die Vereinbarkeit von Beruf und Familie tatsächlich fördert.

Die Fachstelle UND zertifiziert familienfreundliche Betriebe. Welches sind die Kriterien?

Wir verleihen seit vier Jahren das Prädikat «Familie UND Beruf» an Betriebe, die sich einer Analyse unterziehen. Bewertet werden 68 Kriterien in neun Handlungsfeldern. Dabei geht es zum Beispiel um zeitliche und örtliche Autonomie der Arbeitnehmer, also darum, ob jemand auch zu Hause arbeiten kann. Wichtige Kriterien sind Weiterbildung, Förderung der Mitarbeiter, ein Teilzeitstellenangebot, das auch ausgeschrieben wird, das Anerkennen von Schlüsselkompetenzen aus der Familienarbeit, Lohngleichheit, Offenheit für neue Modelle.

Bekommt eine zertifizierte Firma dann auch die besseren Mitarbeiter, oder zieht sie einfach nur Eltern mit vielen Kindern an?

Für die Firma geht die Rechnung auf. Menschen, die Arbeit und Privatleben in Einklang bringen, sind leistungsbereiter, weniger gestresst und loyaler. Und ein Betrieb mit unserem Prädikat hat auf dem Arbeitsmarkt bessere Chancen als andere.

UND gibt es seit 20 Jahren. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Heute gibt es Väterforen in einigen Firmen – in Banken zum Beispiel, und in IT Betrieben. Dort können sich Männer über ihre Bedürfnisse bezüglich Teilzeitarbeit und Präsenz zu Hause austauschen. Das war vor 20 Jahren undenkbar. Ausserdem kann heute ein Mann den Wunsch, Teilzeit zu arbeiten, wenigstens schon mal artikulieren, auch wenn es nur wenige dann auch tun. Alle möglichen Betriebe vom KMU bis zum Grossbetrieb bemühen sich um unser Prädikat. Und es gibt seit ein paar Jahren den Lohndialog, der die Firmen auffordert, die Lohnstrukturen überprüfen zu lassen. Es muss noch viel passieren, aber es geht voran.

Autor: Yvette Hettinger