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16. Juni 2014

Mountaincart-Abfahrt in Elm

Wer in Elm mit dem Mountaincart den Berg hinunterrast, rattert auf direktem Weg in vergangene Kindheitstage: eine sauglatte Verjüngungskur – zumindest für jene, die sich gehen lassen können.

Noch keinen Meter gefahren – und doch schleicht sich bereits ein infantiles Grinsen auf die Gesichter.
Noch keinen Meter gefahren – und doch schleicht sich bereits ein infantiles Grinsen auf die Gesichter.

Friss meinen Staub!!!!», hat er geschrien. Ehrlich, Claudio ist so ein fieser Tropensack – jawohl. Mit seinem Mountaincart rattert er los, wird auf dem abfallenden Bergweg immer schneller – ich dicht hinter ihm, mitten in seiner Staubwolke, und denke mir: So ein Meitlischmöcker, Tscholi, Hirni, Dödel, rufe ihm zu: «Schafsziegel – pass auf, dich kriege ich!» Und während wir uns Pneu an Pneu von der Strecke zu drängen versuchen, nutzt Sabine die Gunst der Stunde und flitzt mit einem «Juuuuupppiiiiiii» rechts an uns vorbei. Die Infantilitätsgrenze haben wir noch vor dem Start an der Bergstation Ämpächli oberhalb Elm GL überschritten.

Kaum sassen wir – in Harley-Davidson-mässiger, halb liegender Position – in den Mountaincarts, erlebten wir einen Rückfall in die Kinder- und Jugendzeit sowie die uns damals geläufige Sprache. Und diese Tage liegen für Sabine (49), Claudio (44), Cintia (40) und mich (45) doch schon eine geraume Zeit zurück. «Arriba! Arriba! Andale! Andale!»: In Speedy-Gonzales-Manier fuhren wir los, und weil die Gefährte zu unserer Betrübnis keine passenden Geräusche machten, übernahmen wir diesen Part halt selbst: «Bröööömmmm, brööömmmmm, ä-bröööömmmm …»

Total peinlich? Völlig unsexy? Oder schlicht nur bubihaft? Vermutlich alles zusammen! Mir ist das jetzt gerade aber schnurzpiepegal. Schliesslich sitze ich im Traumgefährt meiner Kindheit. Immer schon hatte ich mir einen Gokart gewünscht, musste mich aber mit der elefantenschweren und ebenso trägen Seifenkiste aus meines Vaters Werkstatt begnügen.

Spektakulär kratzen wir die Kurve

Rassige Abfahrt vor herrlicher Kulisse, links im Hintergrund die Tschingelhörner.
Rassige Abfahrt vor herrlicher Kulisse, links im Hintergrund die Tschingelhörner.

Auf einem wenig kurvenreichen Streckenabschnitt erreichen wir rund 40 Kilometer pro Stunde. Trotzdem fühlen wir uns sicher: Die Mountaincarts sind sehr stabil und verfügen über zwei starke hydraulische Scheibenbremsen – eine für das linke, die andere für das rechte Hinterrad. Wenn man nur eine der Bremsen betätigt, kann man «voll tschänt» durch die Kurven schlittern, während viel Staub und Kies aufgewirbelt wird. Selbstverständlich wenden wir diese Technik auch auf der geraden Strecke an. Denn, ehrlich gesagt: Nur Spassbremsen bremsen nicht auch mal nur zum Spass. Nun gut, wo kindischer Spass aufhört und Erwachsenenhumor beginnt, daran scheiden sich die Geister: Die einen kugeln sich bereits vor Lachen, wenn Stan Laurel und Oliver Hardy mit dem Auto aus Versehen durch die Hauswand donnern. Andere lieben den Fish-Slapping-Dance der Kultkomikertruppe Monty Python, wo John Cleese von Michael Palin tänzelnderweise mit kleinen Fischen geohrfeigt wird, bis Cleese diesen mit einem grossen Fisch und einem einzigen Schlag ins Hafenbecken befördert. Dritte sind eher der intellektuelle Typ, mögen den Satiriker Andreas Thiel und seine Erklärung des Schweizer Strommarkts anhand von Tomaten.

Eine halbe Stunde lang völlig unbeschwert

Gehts nicht bergab, muss geschoben werden.
Gehts nicht bergab, muss geschoben werden.

Ich behaupte: Egal welcher Humortyp – wer sich gehen lässt, wird hier Spass haben. Und trotzdem muss ich jetzt mal so richtig auf die Bremse treten – selbstverständlich nicht ohne den obligaten «Schlirpen» ins Kies zu ziehen. Denn was ich beinahe völlig vergessen hätte, ist, der Umgebung mal etwas Aufmerksamkeit zu zollen. Der Blick geht über die gelben Löwenzahnblüten im dunkelgrünen Gras hinüber zu den grau-weissen, teils noch schneebedeckten Tschingelhörnern mit dem berühmten Martinsloch und weiter westlich zu den zerklüfteten Zacken des Zwölfihorns. «Brööööömmmm...!» tönts hinter mir. Darauf folgt ein höhnisches Gelächter. Gopferteckel, jetzt bin ich der Hinterste. Nur langsam rollt mein Mountaincart an, denn Pedalen zum beschleunigen gibt es nicht. Genug schnell wirds trotzdem bald, und nach knapp 30 Minuten kommen wir alle wieder unten bei der Talstation an. Im Gemüt sind wir auf dieser Fahrt rund 35 Jahre jünger geworden, äusserlich hingegen arg gealtert. Zumindest jene, die nicht eh schon grau waren. Wie Cintia: Ihre dunkelbraunen Haare inklusive Augenbrauen haben jetzt auch einen Grauschimmer – dem Staub sei Dank.

Das Fazit unserer Mountaincart-Abfahrt: Eine halbe Stunde lang hat uns weder das Alltägliche noch das Aussergewöhnliche beschäftigt. Wir lebten in unserer eigenen kleinen und überschaubaren Welt – genau so, wie es Kinder ja oft tun. Sicher gab es welche, die uns für bescheuert hielten, uns infantile, alte Säcke mitleidig belächelten. All jenen möchten wir hiermit eine lange Nase machen und ihnen entgegnen: «Wir hatten es dafür viel lustiger als ihr. Doch, doch. Immer einmal mehr!»

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Samuel Trümpy