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30. Januar 2017

Warum syt dir so truurig?

Schwarzgekleidete Menschen, kettenrauchende Bürozombies und einsame Rentner im Kafi: ein ernüchternder Spaziergang durch Zürich an einem «Blue Monday».

Warum syt dir so truurig?
Warum syt dir so truurig?

Am dritten Januarmontag erlebte ich die Stadt Zürich tiefblau. In den Bussen starrten schwarz gekleidete Menschen ins Leere, als wären sie zu einer Beerdigung gefahren. In den hippen Büros klebten die Schreibtischsoldaten zombiemässig an ihrem Bildschirm, als wäre er ein Beatmungsgerät.

Einsame Rentner im Café klauben für den Kafi ein paar Franken aus der Tasche und werden dabei von ungeduldigen Leuten angestarrt, als würde ein verpasstes Tram den Weltuntergang bedeuten. Auf den Schulhöfen werfen kopfhörerverkabelte Teenies mit gelangweiltem Gesichtsausdruck ihren Zigi-Stummel ins Gras.

In meinem Freundeskreis stehen drei Kolleginnen kurz vor dem Burn-out; der Rest kippt sich fast jeden Abend Wein hinter die Binde, als wäre es das Normalste auf der Welt …

Vielleicht lags ja am sogenannten Blue Monday: Laut einer US-Ferienfirma ist das der deprimierendste Tag im Jahr. Grundlage der Bewertung sind Kriterien wie das Wetter, der Schuldenstand, die vergangene Zeit seit Weihnachten, das Motivationslevel und die vergangene Zeit, seit wir mit unseren Neujahrsvorsätzen (mal wieder) gescheitert sind.

Oder ist das etwa unsere Realität: allein sein in einer überbevölkerten Welt? Eingekapselt in Zeiten der totalen Vernetzung? Dauergestresst und krank trotz Superfood, Yogastunden und superergonomischen Bürostühlen? Dass in einem Land, in dem wir alles haben, keiner wirklich glücklich scheint, macht mich ratlos.

Autor: Anne-Sophie Keller