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18. November 2013

Monika Gisler zu den wichtigsten Geschichtsdaten

Monika Gisler (50), Historikerin, Wissenschafts- und Sozialforscherin sowie Dozentin am Chair of Entrepreneurial Risks der Eidgenössisch-Technischen Hochschule ETH in Zürich, antwortet auf die Anfrage, die zehn bedeutendsten Daten der Welt- und die fünf wichtigsten der Schweizer Geschichte des 20. Jahrhunderts zu nennen.

Monika Gisler
Monika Gisler, Historikerin, Wissenschaftsforscherin und Dozentin am Chair of Entrepreneurial Risks der Eidgenössisch-Technischen Hochschule ETH in Zürich. (Bild zVg)

Ihre grundlegende Überlegung, dass Ereignisse jedwelcher Art, hier insbesondere das Attentat auf John F. Kennedy, allenfalls zeitgenössisch dramatisch war, heute aber lediglich die Rolle einer Episode unter anderen in der Weltgeschichte spielen, teile ich grundlegend – und würde sogar noch weitergehen und insistieren, dass es so etwas wie DAS Ereignis (also auch die zehn Daten, nach denen Sie fragen) nicht gegeben hat. Schlicht und einfach deshalb, weil sie ...

a) sich schon lange abzeichneten und insofern nicht ein Ereignis, sondern allenfalls eine Ereigniskette darstellten, ...
b) selten einen Einfluss auf die ganze Welt hatten, sondern auf Teilregionen, und ...
c) es allenfalls Grossereignisse im Sinne von Schocks gab, deren Auswirkungen sich jedoch über Jahrzehnte, allenfalls Jahrhunderte, hinzogen, ...

und also eben um Ereignisketten.
Insofern würde ich auch behaupten, dass John F. Kennedy aufgrund seines Rückenleidens eher früher als später zurückgetreten wäre und sich Konsequenzen ähnlich jenen nach dem Attentat gezeigt hätten.

Als Wissenschafts- und Technikhistorikerin habe ich natürlich primär wissenschaftliche und technologische Innovationen im Blick, wenn Sie nach DEN Ereignissen/Entwicklungen der letzten 100 Jahre fragen, also etwa die Entwicklung der Dampf-, später der Gasturbine, die Erkenntnisse aus der Plastikrevolution (wie z.B. die Cellophanfolie, etc.), die Erkenntnisse aus der Atom- und Kerntechnologie (mit all ihren negativen Folgen; ... aber darum geht es nicht), die geologischen Erkenntnisse im Zusammenhang mit der Erdölexploration, die umfassende Digitalisierung, die Algorithmisierung der Gesellschaft, die Kommunikationsrevolution der letzten 40 Jahre, aber auch Toilette und Waschmaschine, Handy und Abwaschmaschine, die Synthetisierung von Vitaminen, etc.

Sie erkennen, Ihre Frage ist für mich nicht einfach, und schon gar nicht eindeutig zu beantworten. Und da die Schweiz in diesen Jahren innovationstechnisch weit vorne lag, könnte man auch hier noch ein paar 'Erfindungen' anfügen. Aber wie gesagt, auch diese waren ja nicht Einzelereignisse, sondern eine Kette von kontingentem Geschehen, deren Anfang sich kaum bestimmen lässt, und deren Ende zum Teil noch nicht gekommen ist.

Zur Schweiz kommt mir als DAS politische Ereignisse höchstens noch die (zum Teil erzwungene) Einführung des Frauenstimmrechts in den Sinn. Aber auch die daran geknüpfte Forderung der Gleichstellung ist ja (in sozialer Hinsicht) bis heute nicht abgeschlossen.